Humboldts Vermächtnis

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Aus dieser Perspektive erklärt sich auch Humboldts harsche Kritik an der spanischen Herrschaft in Südamerika. Er warf den Spaniern vor, zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen Hass zu säen. Sie beuteten die Rohstoffe der Kolonien aus und zerstörten die Umwelt. Zugleich wurden die Indianer brutal von christlichen Missionaren behandelt. Die europäische Kolonialpolitik, ihre Gier nach Reichtum und ihre falsche Moral richte Südamerika zugrunde. Humboldts harte und vehementen Anklagen gegen Kolonialismus und Sklaverei speisten sich aus seiner Erkenntnis, wie eng alles mit allem verflochten war: Klima, Böden und Landwirtschaft mit Sklaverei, Demografie und Wirtschaft. Er machte sich für die Selbständigkeit der Kolonien stark. Dass er eine enge Freundschaft zu Simon Bolivar, dem Unabhängigkeitskämpfer für Südamerika, unterhielt, sei nur am Rande erwähnt. Auch ihm widmet die Autorin ein eigenes Kapitel. Humboldts harte Kritik am Kolonialismus zahlte er mit einem großen Opfer: Sein Wunsch, Indien zu bereisen, ging nie in Erfüllung. Die britischen Autoritäten verweigerten ihm die Expedition in den Subkontinent.

Aus politischen Gründen hielt sich Alexander von Humboldt liebend gern fern von Berlin auf. Sehr zum Missfallen seines älteren Bruders, dem preußischen Patrioten, sehr zum Missfallen aber auch des Königs von Preußen, der ihm eine jährliche Pension zukommen ließ, Alexanders einzige finanzielle Einnahmequelle. So fand Alexander von Humboldt sich im Mai 1827 im Alter von 57 Jahren in Berlin wieder. Er war in ein Land zurückgekehrt, das sich in einen Polizeistaat verwandelt hatte, in dem das Militär dominierte und das entschieden antiliberal war. Humboldt hatte nur begrenzten politischen Einfluss, er war aber fest entschlossen, seiner Geburtsstadt das zu geben, was er in Paris, London und auf seinen Reisen entdeckt hatte: den Geist intellektueller Neugier. Er stürzte sich in die Forschung und popularisierte sie zugleich. Er wollte, ganz im Sinne der Aufklärung, den Menschen helfen, sich ihrer eigenen Verstandeskräfte zu bedienen. Er hielt Vorträge, Vorträge, die anders waren, die lebendig waren, aufregend, unterhaltsam und in ihrer Art vollkommen neu. Da er kein Eintrittsgeld nahm, demokratisierte er damit die Wissenschaft. Wissenschaft war nun für alle da, wie Andrea Wulf schreibt: »Seine Zuhörer kamen aus den unterschiedlichsten Schichten – von Mitgliedern der königlichen Familie bis zu Kutschern, von Studenten bis zu Dienstboten, von Gelehrten bis zu Maurern – und die Hälfte waren Frauen.«

Mit seinem Zugang von Transparenz, Offenheit und Popularisierung revolutionierte Humboldt die Wissenschaften. Im September 1828 lud er Hunderte von Wissenschaftlern aus ganz Deutschland und Europa zu einer Konferenz in Berlin ein. Eine Konferenz, zu der Menschen zusammenkamen und miteinander diskutierten. Nicht nacheinander vortrugen. Ihm schwebte ein interdisziplinärer Austausch vor, bei dem Forscher, indem sie ihr Wissen teilten, neues lernten und erfuhren. Er stellte der Konferenz das Motto voran: »Entschleierung der Wahrheit ist ohne Divergenz der Meinung nicht denkbar.« Ein Motto, das heute noch viele Wissenschaftskonferenzen versuchen einzulösen, selten nur mit Erfolg. Geschweige denn andere Teile unseres Bildungssystems. Auch deshalb ist Alexander von Humboldt als Bildungsreformer so interessant. Er suchte das Dialogische, nicht das Neben- und Nacheinander. Humboldt verband Naturwissenschaften, Kultur, kulturelle Praktiken und Politik zu einem Gesamtbild globaler Strukturen. Dafür steht auch sein Opus Magnum, Kosmos – Entwurf einer physischen Weltbeschreibung. Alexander von Humboldt schuf damit ein Werk, in dem er alles zusammenbrachte, was die professionelle Wissenschaft auseinanderhalten wollte.

Mit diesem Zugang zur Welt, zum Kosmos, beeinflusste dieser »größte Mann seit der Sintflut«, wie ihn der preußische König Friedrich Wilhelm IV. nannte, etliche derjenigen Forscher, die unser Wissen und das Verständnis zu unserer Welt revolutionierten. Charles Darwin zum Beispiel. Henry David Thoreau, George Perkins Marsh, Ernst Haeckel und John Muir. All diesen Urvätern und Urahnen der Natur- und Umweltgeschichte widmet Andrea Wulf ein eigenes Kapitel. Für die Autorin beruht Humboldts Ruhm nicht auf einer bestimmten Tat oder Erfindung, sondern auf seine Sicht der Welt. »Sein Naturbegriff hat sich wie durch Osmose in unser Bewusstsein geschlichen. Fast entsteht der Eindruck, seine Ideen seien so selbstverständlich, dass der Mensch hinter ihnen verschwunden ist.«

Ein ganzheitlicher Zugang, statt sinnentleerte Spezialisierung in differenzierte Disziplinen. Schule ist für viele Schülerinnen und Schüler doch auch deshalb so langweilig, weil sie den Sinn der einzelnen Fächer nicht erkennen. Weil sie den Zusammenhang des Erlernten nicht erfahren. Welch Aufgabe für das Humboldt Forum!

Bénédicte Savoy benennt in dem bereits erwähnten Interview einige intellektuelle Missstände des Humboldt Forums. Nach der Lektüre des Buches von Andrea Wulf fragt man sich, warum 18 Jahre nach Beschluss, das Berliner Schloss zu rekonstruieren und das Humboldt Forum aufzubauen, eine konzeptionelle Leere zu konstatieren ist. Die Autorin hat in beeindruckender Weise Humboldts Kosmos und Vermächtnis dargestellt. Humboldts Vermächtnis beinhaltet den Respekt vor jedem Leben auf dieser Welt, jedes ist wichtig. Es beinhaltet eine Gleichwertigkeit allen Lebens. Keines ist wichtiger als das andere, nur zusammen kann sich die Welt als Organismus entwickeln. Dieser Respekt impliziert den Mut, auf Missstände, die die Geschichte hervorgebracht hat, zu verweisen und an Lösungen zu arbeiten. Gleichwertigkeit impliziert Gleichheit im politischen Sinne. Das Elitäre auch für die Nicht-Elitären. Die radikale Öffnung für alle. Was auch eine Demokratisierung der Bildung impliziert, so wie sie Humboldt praktiziert hat. Dies aber zwei Jahrhunderte nach Humboldt. Wir müssen sein Vermächtnis ins 21. Jahrhundert übertragen, ins Heute übersetzen, das Humboldt Forum als Schule begreifen, als »Schule im Schloss«, das Gewöhnliche im Außergewöhnlichen. Das ist die Legacy des Humboldt Forums. »Bildung ist ein tägliches Tun, ein Erfinden, ein Sich-Anpassen an die Bedürfnisse jüngerer Generationen. Man könnte dort ein Feuerwerk der Intelligenz zünden. Und übrigens: Intelligenz ist sexy. Man könnte aus dem Potential in Berlin, aus der Lust vieler junger Leute etwas machen, was sexy ist«, so Bénédicte Savoy. Nehmen wir sie ernst, nehmen wir Alexander von Humboldt ernst.

Noch ist das Humboldt Forum das Werk alter Männer. Weil sie das Schloss des Preußenkönigs wiederhaben wollten. Weil sie die Sammlungen von Dahlem nach Mitte bringen wollten. Dafür haben sie die Idee des Humboldt Forums in die Welt gesetzt. Es hörte sich besser an, als das, was sie eigentlich wollten. Es ist nun Zeit, das zu tun, was Alexander von Humboldt getan hätte. Er hätte Menschen motiviert sich daran zu beteiligen, es als ihres zu begreifen. Er hätte es als demokratischen Ort der Weiterbildung verstanden. Nicht von oben herab, sondern von unten herauf. Geben wir das Humboldt Forum denjenigen, mit denen wir am wenigsten rechnen. Denen, an den Peripherien dieser Stadt. Den sozial Ausgegrenzten. Den nicht-Heimischen in dieser Stadt. Den Fremden. Den Menschen außerhalb Berlins, Deutschlands, Europas. Den Nicht-Elitären. Den Klugen. Denen, für die Intelligenz, Wissen und Bildung immer noch sexy klingt. Kein Humboldt Forum der grauen Gremien, sondern ein Humboldt Forum, das die Vielfarbigkeit, die Vielfältigkeit, die Widersprüchlichkeit, die Widerwärtigkeit der Geschichte der Welt widerspiegelt. »Entschleierung der Wahrheit ist ohne Divergenz der Meinung nicht denkbar.«

Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur von Andrea WulfAndrea Wulf: Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur

Aus dem Englischen von Hainer Kober

C. Bertelsmann 2016

560 Seiten. 24,99 Euro

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