Allgemein, Literatur, Roman

Mit Wille zur Macht

Der weißrussische Autor Viktor Martinowitsch seziert in seinem Roman »Revolution« die postsowjetischen Gesellschaften. Ein Lehrstück über die Verführbarkeit des Menschen und die Anfälligkeit für Macht und Korruption.

»Ich heiße Michail Alexejewitsch German, und ich werde euch erzählen, was Macht ist.« Mit dieser Ankündigung beginnt Viktor Martinowitschs Roman »Revolution«. Jener Michael Alexejewitsch German, der Ich-Erzähler dieser hanebüchenen Geschichte, behauptet auch gleich kühn, dass der Autor auf dem Einband seine Erfindung sei und nicht er eine Erfindung des Autors. Denn das, was er zu beichten habe, reiche für mehrfach Höchststrafe und daher müsse er unter Pseudonym schreiben. Für die meisten Lesenden ist das egal, aber Mischa hat es auf genau eine Leserin abgesehen: eine junge Kellnerin namens Olja, aus deren Leben er plötzlich verschwunden ist und die ihn in dieser Beichte erkennen soll.

Der belarussische Autor Viktor Martinowitsch ist eine der wichtigsten literarischen Stimmen seiner Heimat, mit seinem in Weißrussland verbotenen Debüt »Paranoia«, in der eine junge Frau verschwindet und ihr Freund vom Geheimdienst verhört wird, erhielt er hierzulande viel Aufmerksamkeit. Nach der darauf folgenden Dystopie »Mova« liegt nun mit »Revolution« sein dritter Roman vor und wie in den beiden davor geht es um die Schnittstelle zwischen Politik, Macht und Manipulation.

Alles beginnt in Moskaus Innenstadt, wo das sagen hat, wer die dicksten Autos fährt. Nur hat Michail kein dickes Auto, ganz im Gegenteil. Der mäßig erfolgreiche Hochschuldozent fährt einen alten Schiguli, der ihn zwischen Uni und seiner Zweiraumwohnung in einem der Neubautürme hin und her fährt. Dumm nur, dass er eines Abends in einen Unfall mit einem Jaguar und einem Geländewagen verwickelt wird. Der Schaden ist immens, fünf Tage geben ihm die düsteren Typen, die aus den beschädigten Luxuskarossen steigen, um ihn zu begleichen. Die Summer, die er auftreiben müsste, übersteigt sein Jahreseinkommen um ein Vielfaches, was die Dunkelmänner genau wissen. Also bieten sie ihm an, seinen Schaden auszugleichen. Am Bahnhof soll er ohne Aufsehen zu erregen einen Mann abholen, unauffällig in eine Wohnung in einem abgelegenen Moskauer Bezirk bringen und dort bis zum Morgen ausharren. Michail bleibt nicht anderes, als sich auf diesen Deal einzulassen. Noch ahnt er nicht, was ihm blüht.

Denn jener Mann kann kaum Laufen, die Folgen eines misslungenen Auslandseinsatzes trägt er heimlich unter der Jacke. Die Unternehmung wird zu einem Himmelfahrtskommando, an dessen Ende eine Leiche beseitigt und ein Jeep von sämtlichen Spuren bereinigt werden muss. Das übernimmt aber schon die geheimnisvolle Organisation, in deren Auftrag Michail unterwegs war. Die will ihn nun nicht mehr vom Haken lassen, dem einen Auftrag folgen weitere dubiose Missionen. Indem sie ihm teure Geschenke macht und ihn ein paar Stufen auf der Karriereleiter überspringen lässt, bindet diese dem Geheimdienst nahestehende Organisation den inzwischen zum Konrektor aufgestiegenen Architektursemiotiker an sich. Zudem lernt Michail den Spiritus Rector des Ganzen, einen gewissen Batja, kennen, der gleichermaßen grausam wie harmlos wirkt. Harmlos deshalb, weil er im Rollstuhl sitzt und nicht einmal seinen Stuhlgang allein erledigen kann, grausam, weil er im liebsten Ton die Liquidierung selbst treuer Vasallen befiehlt. Als er Michail befiehlt, die Sache mit Olja zu beenden, um das nicht die Organisation tun zu lassen, kippt die Geschichte.

Stilistisch geht dieser von Thomas Weiler flüssig ins Deutsche übertragene Text immer voll auf die Zwölf. »Revolution« liest sich wie eine Mischung aus quijotesker Irrfahrt durch die dunklen Hinterzimmer und Keller der osteuropäischen Gesellschaften und teuflischer Selbstkonfrontation à la »Meister und Margarita«. Und ganz nebenbei denkt jener German noch über die textuelle Ebene nach. »Es gibt Situationen und Erlebnisse, die kriegst du nicht in einen Prosatext«, gesteht Michail in seiner Literatur gewordenen Nachricht an Olja. »Es gibt Dinge, die musst du beschreiben, wie Musik es tut, mit einer Palette scheinbar zusammenhangloser, markanter, sich selbst genügender Ton-Wörter, deren Spritzer auf der Scheibe des Bewusstseins eine Art zerfließender Nachtregentropfen hinterlassen, in denen aus der richtigen Perspektive, zack, ein realistisches Traumgebilde aufsteigt.« Den Soundtrack für diese Geschichte bildet ein Mix aus The Prodigy und Björk, denn während Prodigy die perfekte Musik ist »für alle bösen Geister, für Killer, für Denunzianten, für alle, die eine Kränkung in Wut verwandeln müssen«, stehen Björks Klänge für das Chaos, in das der Erzähler hier rutscht.

Ein dutzend Jahre soll der 1977 geborene Weißrusse, der in Litauen lebt, schreibt und lehrt, an diesem Roman geschrieben haben. Kein Wunder, denn der mitreißende Plot ist gespickt mit Anspielungen an die Klassiker der russischen Literatur wie Maxim Gorki, Fjodor Dostojewski, Michail Bulgakow und Iwan Gontscharow und an die osteuropäische Filmgeschichte. Übersetzer Thomas Weiler hat unter fussnoten.eu zahlreiche der Querverweise entschlüsselt.

Viktor Martinowitsch: Revolution. Aus dem Russischen von Thomas Weiler. Verlag Voland & Quist 2021. 400 Seiten. 24,00 Euro. Hier bestellen.

»Revolution« ist eine Schleuderkammer, die tief in den antidemokratischen Wahnsinn der postsowjetischen Gesellschaften führt. Eindrucksvoll wird hier vor Augen geführt, wie Menschen erpresst, verführt und manipuliert werden. Kant ging in seiner Maxime vom kategorischen Imperativ davon aus, dass der Mensch im Kern gut ist und ethisch verantwortlich handelt. »Das zeitgenössische Russland zeigt uns nun, dass Kant irrte«, erklärt der Universitätsrektor German im Gespräch. Kant hätte auch, so fährt er fort, »Anforderungen an die Maxime der Moralität stellen müssen. Denn in einer Gesellschaft, in der jeder Mensch halb Herr und halb Knecht ist, und das hat historische Gründe, kann die Maxime, aufgrund derer man hier auf die Gegenfahrbahn ausweicht, sich bei der Miliz freikauft, in die Duma kommt und sich an der Schlange vorbeidrängelt, zutiefst unmoralisch sein.«

Zutiefst unmoralisch ist alles was hier geschieht. Selbst die Beichte ist zutiefst unmoralisch, denn sie dient nur der Rechtfertigung der eigenen Verkommenheit. Michail Alexejewitsch German wird die Mittel des Systems gegen das System selbst richten, eine Revolution starten und nach der Macht greifen, nur um ihr am Ende selbst zu erliegen. Am Ende ist er »kleiner als deine schlichte, taufeuchte Welt, in der die menschen von Herzen lachten und auch von Herzen liebten«, räumt der Ich-Erzähler ein.

»Dieses Buch ist auch geschrieben, die Lügenmauer einzureißen«, heißt es an einer Stelle. Dies darf man auch mit Blick auf die osteuropäischen Despoten lesen, die sich mit Großevents wie einer Fussball-Europameisterschaft reinwaschen wollen, während sie mit harter Hand die Demokratie zerstören. Welch perfide Mittel sie dabei nutzen und wie sie sich die Verführbarkeit des Einzelnen dabei zunutze machen, wird in diesem packenden Roman erzählt.