Leyla Bouzids tunesisches Familiendrama »À voix basse« ist ein Film voller Leben und Zärtlichkeit, der sich nicht vor gesellschaftlichen Tabus und dem Schmerz der persönlichen Enttäuschung drückt.
Lilia fliegt zur Beerdigung ihres Onkels zu ihrer Familie nach Tunesien, ihre Partnerin Alice bringt sie noch in ein Hotel, ihre Familie soll von ihr nicht erfahren. Dafür möchte sie umso genauer wissen, was da am Rande der Trauerfeier über ihren Onkel getuschelt wird und warum die Polizei zum Tod ihres Onkels ermittelt.
Von den Beschwichtigungsversuchen ihrer Mutter und ihrer Tante, die jede Aufregung von ihrer Großmutter fernhalten wollen, lässt sie sich nicht beeindrucken. Sie macht sich selbst auf die Suche nach dem Geheimnis ihres Onkels, wird von Kindheitserinnerungen heimgesucht und geht dem Flüstern hinter vorgehaltenen Händen nach. Sie stößt auf nie abgeschickte Briefe, wird Zeugin der homophoben Stimmung im Land und erlebt eine Gesellschaft, die ihre Wahrheiten hinter geschlossenen Türen verbirgt.
Leyla Bouzids in warmen Farben gedrehter Film präsentiert ein Ensemble starker Frauen, die alle Geheimnisse in sich tragen und zugleich darum ringen, dass keines an die Oberfläche dringt. Die israelisch-palästinensische Schauspiellegende Hiam Abbas und Newcomerin Eya Bouteraa tragen in ihrem atmosphärischen Spiel als Mutter-Tochter-Duo durch diesen Film, der dieses politische Familien- und Gesellschaftsporträt mit Crime-Elementen und großen Gefühlen verbindet. Mit Humor und Tiefe erzählt Bouzid diese zutiefst menschliche Geschichte, die nicht nur in Tunesien, sondern auch in vielen anderen Ländern spielen könnte.
Je länger die Trauerfeierlichkeiten andauern, desto mehr wird Lilia klar, dass der Tod ihres Onkels mehr Mut zur Wahrheit von ihr verlangt. Zugleich zwingt sie diese Offenheit dazu, sich letztlich gegen eine mögliche Rückkehr nach Tunesien und damit gegen alle Hoffnungen ihrer Mutter und Großmutter zu entscheiden. »À voix basse« ist ein Film voller Leben und Zärtlichkeit, der sich nicht vor dem Schmerz der persönlichen Enttäuschung drückt.

