Die amerikanische Filmemacherin Anna Fitch war 24 Jahre alt, als sie die fast fünfzig Jahre ältere Yo kennenlernte. In ihrer berührenden Dokumentation erzählt sie mit allen Mitteln der (Film-)Kunst von ihrer tiefen Freundschaft und Yos faszinierendem Leben.
Sie spiele hier ja keine Rolle, das sei halt ihr Leben, sagt die fast 90-jährige Yolanda Shea, in der Schweiz geboren und aufgewachsen, in den ersten Minuten dieses ebenso kunstvollen wie berührenden Dokumentarfilms in die Kamera. Sie muss zu dem Zeitpunkt schon gewusst haben, dass sie wenn schon nicht im Film , dann doch zumindest im Leben von Anna Fitch eine wichtige Rolle spielt.

Fitch stellt nun mehr als zehn Jahre nach dem Tod ihrer Freundin gemeinsam mit ihrem Partner Banker White in Berlin einen Film vor, der mit allen Mitteln der Kunst ein Porträt dieser sympathischen Frau zeichnet. Schon als Kind begehrt sie gegen die katholische Moral auf, dann studiert sie – unter anderem mit Jean Tinguely – an der Allgemeinen Gewerbeschule Basel, verlässt später Europa und lässt sich in Amerika nieder. Vier Kindern wird sie Leben schenken, aber die sechziger und siebziger Jahre sind eine wilde Zeit, die ihre Ehe nicht tragen wird.
Über 40 Jahre lebte Yo in einem kleinen Haus in Kalifornien, das Anna Fitch für ihren Film im Maßstab 1:3 exakt nachgebaut hat. Von diesem spirituellen Ort der Erinnerung erzählt sie die Lebensgeschichte der befreundeten Künstlerin. Die Kopie dieser Welt ist dabei so detailgetreu, dass man zunächst nicht sagen kann, ob das Haus, durch das Banker Whites Kamera fährt, das echte oder die Miniatur ist.

Ausgangspunkt des mehrdimensionalen Ansatzes dieses Porträts sind Aufnahmen von Gesprächen, die Anna Fitch im letzten Lebensjahr mit Yolanda Shea geführt hat. Sie bilden neben dem Miniaturhaus das erzählerische Grundgerüst für diese gleichermaßen außergewöhnliche wie berührende Dokumentation. Darin eingewoben sind zahlreiche andere künstlerische Elemente: Fotomontagen, Zeitrafferaufnahmen, Stop-Motion-Szenen, Puppenspiel, Filmausschnitte sowie Elemente aus der Natur wie Pilze, Insekten, Blumen und Vögel. Die Collage dieser Dinge wird mal von Yo‘s Erzählung aus dem Off, dann wieder von einer komplexen Geräuschkulisse begleitet, was diese artifizielle Welt unheimlich lebendig und greifbar macht.
Sie habe schon immer kleine Dinge gemocht, erklärt Fitch im Film ihre Annäherung an diese Geschichte über die Miniaturversion von Yo‘s Umfeld. Dabei gibt sie ihrer Kunst einen ungewöhnlichen persönlichen Touch. Als ausgebildete Insektenkundlerin bringt sie ihre einstigen Studienobjekte mit in die Szenerie, lässt Tiere und Pilze ihre Miniaturen erobern, die ihre Kopie aus Pappmache in ein lebendiges Haus verwandeln.

»Yo (Love is a Rebellious Bird)« ist ein cinematografischer Liebesbrief an eine ungewöhnliche Freundschaft, der einen langen Weg hinter sich hat. 16 Jahre seien seit den ersten Aufnahmen mit Yo vergangen, zehn Jahre lang habe sie Yo’s Welt nachgebildet, insgesamt neun Filme seien in der Zeit entstanden. Die nun im Wettbewerb der Berlinale vorgestellte Version – der einzige rein dokumentarische Beitrag – ist eine bemerkenswerte kunsthandwerkliche Kreation, die unheimlich gut zu dieser mosaikähnlichen Nacherzählung eines Lebens passt.
Wenn Yo über ihre Erfahrungen spricht, dann lässt sie aller Hindernisse und Herausforderungen zum Trotz eine bewundernswerte Leichtigkeit durchblicken. »C‘est la vie«, stellt sie an einer Stelle lakonisch fest.

Die Verbindung der Erzählung mit dem Puppenstadium der Insekten verwandelt diesen Film auf magische Weise. Auf das leblose Material gehen echte Emotionen über und Yo‘s hölzerne Stellvertreterin, die Fitchs Miniaturhaus bewohnt, entpuppt sich wortwörtlich als ein Figur, mit der eine Verbindung möglich ist.
»I was not ready when Yo died«, gesteht Anna Fitch in ihrem Film. Sie sei nicht darauf vorbereitet gewesen, als Yo starb. Ihr Film ist auch Teil der Bewältigung dieses Verlusts, aktive Trauerarbeit sozusagen. Jetzt kann sie los- und diese Geschichte über eine tiefe Verbundenheit in die Welt lassen.

