Auf interessante Sachen soll man nicht verzichten!

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Der Autor und Journalist Dietmar Dath erklärt in seinen Antworten auf einige naive Fragen, warum Sex wichtig bleibt, Tiefsinn keine Kategorie der Kritik ist und er immer wieder Möglichkeiten der Zusammenarbeit sucht. Ganz nebenbei geht es auch um seinen neues Buch »Feldeváye. Roman der letzten Künste«.

In einem Interview zu der mit Barbara Kirchner verfassten Ideengeschichte des Fortschritts Der Implex haben Sie gesagt, dass es ein schöner Gedanke sei, wenn die nachkapitalistische Gesellschaft eine freiere, stärker auf die Kunst bezogenere Gesellschaft sei. Ist die feldeváysche Gesellschaft der scheiternde Versuch einer solchen nachkapitalistischen, kunstorientierten Gesellschaft?

Die Menschen im Roman haben soziale Widersprüche beseitigt, unter denen wir noch leiden, dabei aber den nützlichen Widerspruch zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit vergessen. Von der Kunst lernen sie ihn dann wieder.

Wie sieht die perfekte Gesellschaft des Dietmar Dath aus?

Das kann kein Mensch alleine denken. Das kommt aus der gemeinsamen Arbeit an der Abschaffung der vorhandenen, schlechten Gesellschaft.

In all ihren dystopisch-utopischen Romanen bleibt Sexualität als gesellschaftlicher Habitus erhalten. Die von Ihnen beschriebenen Techniken der Modulation und Manipulation machen dies vollkommen irrelevant für die Arterhaltung. Warum bleibt Sexualität dennoch relevant?

Liebe und Sex sind der interessante Fall, dass etwas aus der Natur kommt und gleichzeitig uns Menschen dazu bringen kann, weit über die Anforderungen der Natur hinauszustreben. Liebe hat sexuelle Wurzeln, kann aber viel mehr als Fortpflanzung, zum Beispiel Gedichte inspirieren. Auf derart interessante Sachen soll man nicht verzichten.

Ihre Romane leben von einem hohen Maß an Wortschöpfungskreativität, entsprechend ist dies auch bei Feldeváye der Fall. Da wird latinisiert, gräzisiert, anglisiert, Begriffe werden aufgebrochen und mit Versatzstücken von Fachtermini gemixt. Folgen Sie dabei einer Rezeptur, die sie ihren Lesern an die Hand geben können, um sich den Sinn von Ausdrücken wie Padurn, Lapithen, Mennesker, Prodniki oder Tafelexperiment zu erschließen oder sind das Phantasie-Namen, die die Lesenden hinnehmen sollen?

Die Pädagogik der Scientology-Sekte sagt, man soll jedes unbekannte Wort sofort nachschlagen. Das ist geistlos und unrealistisch; man lernt Wörter in Wirklichkeit aus Zusammenhängen. Diese Zusammenhänge werden im Verlauf meiner Bücher für die ungewohnten Wörter immer dichter, ich hoffe, das zündet – es ist jedenfalls wichtiger als die Wortherkunft.

Was hat es mit den im Roman als »Ordnungskategorien der Welt« beschriebenen Begriffen Kreb, Kren und Kar, Cerrem, Cek, Reke und Semta auf sich?

Das alles sind Begriffe aus der Mathematik der Storema, also einer nicht-menschlichen Zivilisation. Die meisten dieser Begriffe werden im Buch ansatzweise übersetzt, aber natürlich gibt es keine wörtlichen Entsprechungen – die gibt es ja schon in der irdischen Mathematik zwischen zwei Sprachen nicht immer exakt, wo etwa »Number Field« auf deutsch »Zahlkörper« heißt.

Ist Ihnen immer Ihr aktuellstes Buch das liebste und wichtigste oder gibt es einen Favoriten in Ihrer umfangreichen Publikationsliste?

Bücher als Ganze gibt es nur während der Arbeit. Danach bleiben Szenen, Figuren. Am Liebsten mag ich Astrid Riedler aus Für immer in Honig, Kathrin aus Feldeváye, einige Stellen aus Waffenwetter und die Schlusserzählung in Sie ist wach. Verbessern könnte man sie selbstredend alle.

Nach den Lesungskonzerten mit dem Kammerflimmer Kollektief haben Sie die Band The Schwarzenbach, benannt nach Annemarie Schwarzenbach, mit ins Leben gerufen. Was bedeutet und gibt Ihnen diese andere Art der künstlerischen Betätigung?

Zusammenarbeiten sind die wichtigsten Unterbrechungen der langen Monologphasen beim Bücherschreiben. Am besten sind diejenigen Zusammenarbeiten, die dazu zwingen, auch mal auf andere Künste als immer nur die Literatur zu hören – auf Bilder (Oliver Scheibler, Piwi) oder Musik (Schwarzenbach).

Sie sind bekanntermaßen ein Freund der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Wer hat es Ihnen da momentan am meisten angetan und warum?

Bob Shacochis’ The Woman Who Lost Her Soul. Politisch steht einiger Quatsch drin, aber das ist egal, der Mann ist ein Genie.

Deutsche Gegenwartsliteratur lesen Sie erklärtermaßen kaum. Gibt es dennoch Autoren, die Sie spannend finden? Ich kann mir vorstellen, dass Sie Gefallen an Clemenz Setz finden könnten.

Sehr gut sind Anja Kümmel, der genannte Clemens Setz, Antje Wagner, viele Sachen von Christian Kracht, am Allerbesten scheint mir Ann Cotten.

In einem Interview mit satt.org haben Sie das deutsche Feuilleton aufgrund seiner Distanz zur Pop-Kultur als zu abgehoben und intellektuell kritisiert. Hat sich das Ihrer Meinung nach inzwischen geändert oder bleiben Sie der Ansicht, dass der deutsche Kulturjournalismus sich selbst im Weg steht, indem er sich zu wichtig nimmt?

Intellektualität oder Wichtigtuerei sind nicht das Problem. Das Problem ist, dass die Unterschiede zwischen den bewerteten Sachen immer entlang idiotischer Kriterien gemacht werden, zum Beispiel Popliteratur versus Tiefsinn versus Genre versus… statt einfach zwischen guten und schlechten Sachen, nach deren jeweils eigenen Gesetzen.

In der Comicszene kursiert das Gerücht, Sie verfügten über einen großen Fundus von X-Men-Comicheften. Stimmt das und wenn ja, was fasziniert sie an der in Deutschland wenig gelesenen Serie?

Die Hefte, nicht die Trade Paperbacks, sind vorhanden, jedenfalls von Chris Claremonts erster Storyline bis zu seiner vorerst letzten (mit Jim Lee) in den Neunzigern. Claremont, der die Serie lange geschrieben hat, war einfach vor Joss Whedon (Buffy) der Autor im Pop-Kosmos, der die besten Schilderungen von Gruppenbeziehungen in großen Auseinandersetzungen mit der Welt geschrieben hat.

Sie sind Verfechter der These, dass es richtige und falsche Aussagen über die Welt gibt. Welche falsche Aussage über die Welt ist ihrer Ansicht nach momentan die am meisten verbreitete?

Dass man gegen das Vorhandene nichts machen könne.

Nervt es Sie, dass in Ihren Romanen die linken Theorien und Umsturzversuche gesucht werden oder schreiben Sie Ihre Romane, um diese Ideen wachzuhalten?

Es ist schade, wenn Leute bei einem historischen Film nur die Möbel und die Kostüme wahrnehmen und nicht die Figuren und Geschichten. Aber das betrifft ja nicht alle Reaktionen, nur manche.

Sie schreiben sowohl für die konservative FAZ als auch für die linke Jungle World, sind im Traditionsverlag Suhrkamp ebenso selbstverständlich zuhause wie im kleinen, unabhängigen Verbrecher-Verlag. Wundern Sie sich manchmal über sich selbst und ihre Kompatibilität mit diesen verschiedenen Medien?

Diese Leute können offenbar alle hin und wieder den einen oder anderen Aspekt meiner Sache brauchen, kriegen aber meistens den Rest dazu, in irgendeiner Form. Solange das gutgeht, ist das erfreulich.

Ihr Publikationsrhythmus ist atemberaubend. In Ihnen steckt das schreibwütig-geniale Potential eines Max Frisch, eines Marcel Proust oder Robert Musil. Haben Sie schon einmal daran gedacht, ein mehrbändiges Großwerk zu schreiben oder möchten Sie Ihr Werk als Gesamtkunstwerk gelesen wissen?

Alles gehört zusammen, aber jedes kann für sich stehen: Das ist die Hoffnung dabei. Das geht nicht immer, aber oft genug.

Woran arbeiten Sie aktuell?

Wie immer: Liebesgeschichten, Spezialeffekte im Universum und Klassenkampf.

46510Dietmar Dath: Feldeváye. Roman der letzten Künste

Suhrkamp Verlag 2014

807 Seiten. 20,- Euro.

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