Stranger than fiction oder: Der Raum, wo das Neue wäre, bleibt unerreichbar

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Ihren Theaterstücken wird neben viel Lob immer wieder auch die Kritik zuteil, sie seien zu lang. Ihr Roman umfasst über 700 Seiten. Spielt Menge für Sie eine Rolle? Ist das in Ihren Augen überhaupt eine kritikrelevante Kategorie?

Nein, das ganz sicher nicht. Ich habe darüber auch gerade mit einem Kollegen von Ihnen gesprochen, weil aktuell ja viele dicke Bücher geschrieben werden.

Ehrlich gesagt werden sogar viel mehr dicke Bücher als dünne geschrieben…

Wenn das die Tendenz ist, dann ist Heinz Struncks »Der goldene Handschuh« (im gleichen Verlag erschienen und ebenfalls für den Leipziger Buchpreis nominiert, A.d.A.) ja fast exzeptionell mit seinen gerade einmal 250 Seiten. Ich glaube, dass das Genre Roman auf der Aussageseite Möglichkeiten bietet, die andere Medien nicht haben. Zugleich ist die Komplexität von Aussage gar nicht so wesentlich für meinen Roman wie die Komplexität von Gefühl. Wenn Sie Roberto Bolaños »2666« lesen und das, was er über seine Figuren aussagt, dann werden sie feststellen, dass dort nichts Außergewöhnliches geschildert wird. Das Verrückte dieses großen Romans ist das Gefühl, dass er beim Leser pflanzt. Dieses Gefühl bekommt man nur über den Raum des Romans. Man hätte da nichts eindampfen können, das Buch hätte nicht kürzer sein können. Es braucht eben eine gewisse Komplexität des Denkens, um ein Zeitgefühl einfangen zu können.

Für mich ist »Der Fuchs« auch ein Buch über ein bestimmtes Zeitgefühl. Wenn Sie mich fragen würden, wovon dieses Buch handelt, würde ich Ihnen antworten, dass es vom Ende der Postmoderne und dem Wirklichkeitsbild dieser Epoche handelt. Davon, wie wir Wirklichkeit verstehen und wie wir selbst verstehen. Wie die alten Ideologien zerbrechen und eine große Sehnsucht nach neuen Lebensentwürfen herrscht. Das kann ich natürlich in einem Essay analytisch erklären. Aber das Lebensgefühl kann ich nicht transportieren, ohne es in das komplexe Gefäß zu stecken, in dem ich es selbst sehe und empfinde. Darin besteht auch die Magie eines Romans.

Taucht man in einen Roman ein, lernt man weniger über den Autor als vielmehr über sich selbst. Ungeachtet, ob mir dies mit meinem Roman gelingt, ist das eine Qualität, die einen guten Roman ausmacht. Wenn ich beispielsweise Kafka lese, dann erfahre ich etwas über mich selbst und nicht über Kafka. Das ist auch der große Irrtum in der Rezeption von Kafka. Man erfährt dabei nichts über ihn, seinen Vater oder die deutsche Bürokratie, sondern nur etwas über sich selbst (vgl. unser Interview mit David Zaine Mairowitz).

Sie gelten als politischer Autor. Können Sie damit etwas anfangen?

Dieses Etikett beruht auf dem gängigen Missverständnis mit der Politik in der Literatur. Wir verkennen Gespräche über parlamentarische Politik oder parteipolitische Tendenzen als politisch, wohingegen Diskussionen über das Edle und das Schöne als unpolitisch beziehungsweise ästhetisch empfunden werden. Das führt dann dazu, das man als politischer Autor gilt, wenn man über Flüchtlinge schreibt, oder solche Stücke als politisches Theater empfunden werden. Das ist natürlich Unsinn, denn man ist nicht als Autor, sondern als Mensch politisch. Insofern ist auch jeder Mensch in unserer Gesellschaft per se politisch, denn politisch meint Einstellung und Haltung. Es gibt allerdings ein Missverständnis, wo das Politische in unserer Gesellschaft stattfindet.

Und Sie tragen es ins Theater?

Es ist anders. Wenn man über den Kapitalismus schreibt, gilt man als politischer Autor. Der Kapitalismus ist aber kein politisches System, genauso wenig wie er einfach nur ein ökonomisches System ist. Er ist vor allem ein soziales Phänomen, das aus sozialen Strukturen hervorgegangen ist, die viel älter sind, als der Kapitalismus selbst.

Ich finde es auch vollkommen natürlich, über ihn zu schreiben, schließlich lebe, arbeite und denke ich in ihm sowie über ihn nach. Und weil ich es so naheliegend finde, amüsiert mich gewissermaßen, wenn sich Leute darüber beklagen, dass der Kapitalismus mein großes Thema am Theater sei – ganz egal, ob das nun ein alter Zopf ist oder nicht. Was haben denn die vergangenen einhundert Jahre Kapitalismuskritik gebracht? Haben sie uns näher an seine Auflösung gebracht? Natürlich nicht, der Kapitalismus lebt ganz gut mit, ja, sogar von der Kritik an ihm. Ich frage mich in meiner Arbeit, was für Kulturtechniken möglich sind, um zu seiner Erosion beizutragen. Das Etikett, das ich dafür bekomme, lautet »Politischer Autor«.

Tun Sie sich mit solchen Zuschreibungen schwer?

Ich verstehe, warum Menschen das machen. Schwierig finde ich das nicht, aber ich fühle mich zuweilen missverstanden.

Wie geht es Ihnen, wenn Sie auf die aktuelle politische Situation blicken? Wenn Menschen nicht mehr nur in Plattenbauten, sondern zunehmend in Turnhallen und Massenunterkünften »weggeräumt« werden?

Reden und schreiben und meinen und denken und fühlen – das sind getrennte Dinge. Das Flüchtlingsthema ist für mich gar kein politisches Thema. Wenn wir unsere Verfassung und das Fundament unserer Gesellschaft anschauen, finden wir dort nichts Politisches. Das Fundament ist immer der Humanismus, der vorsieht, dass wir Menschen, die Schutz suchen, Asyl gewähren. Das steht auch so in der Verfassung, politischen Flüchtlingen müssen wir Asyl gewähren. Deshalb verstehe ich nicht, warum darüber überhaupt diskutiert wird.

Aber nun wird darüber diskutiert. Macht Sie das wütend?

Ja, das macht mich auch wütend. Auf der anderen Seite war diese Diskussion auch zu erwarten. Die Krisen unserer Zeit – zu denen ja auch reizvolle Krisen wie die des Bankensystems gehören – bringen aber leider nur unwirtliche Ergebnisse hervor. Immer und immer wieder werden Populismus und Nationalismus als Allheilmittel herausgekramt, dabei sind das die totgerittensten Pferde überhaupt. Welcher Mensch von Verstand nimmt denn eine Fahne in die Hand, nur weil es gerade schlecht läuft?

Mich macht dieser Populismus oft sprachlos, weil er Kommunikation verhindert. Es gibt keine Ebene der Begegnung, der offenen Kommunikation.

Mir scheint, dass wir am Ende auf derselben Ebene kommunizieren beziehungsweise nicht kommunizieren wie diejenigen, die wir kritisieren. Indem wir ihnen unseren Ärger und unsere Wut entgegenrufen, grenzen wir sie ebenfalls aus und wiederholen genau das, was diese Leute mit den Flüchtlingen machen. Auch wir begegnen Ausgrenzungen mit Ausgrenzen – das ist das Dilemma in den Kommunikationsstrukturen, in denen wir stecken. Das Problematische daran ist, dass alle Leute nur die Andersheit im Gegenüber sehen. AfD und Pegida sehen nur Andersheit, aber auch wir arbeiten uns an der Andersheit ab, an der Andersheit von denen im Gegensatz zu uns. Humanistisch wäre aber, Ähnlichkeiten zu suchen, zu schöpfen und zu forcieren. Es handelt sich hier also um ein Problem des Denkens. Auf das da draußen zu verweisen, wo der Rassismus vermeintlich ist, ist mir zu einfach. Viel interessanter finde ich es, mit dem Rassismus in meiner Nähe oder dem, der von mir kommt, umzugehen. Das ist meines Erachtens der viel spannendere politische Ansatz. Der Rassismus da draußen ist viel abstrakter als mein eigener, mit dem ich tatsächlich umgehen kann. Wir tun nichts gegen Rassismus, indem wir irgendwelche Sachen auf unsere Facebook-Seiten hochladen, Posts schreiben und das Internet zumüllen. Damit schaukelt nur eine populistische Meinung die andere hoch und die Ansichten in unserer Gesellschaft werden immer monotheistischer, zugespitzter und einfacher. Eine echte Debatte funktioniert so nicht.

Sollten wir also alle von der Straße erst einmal zurück in unsere Wohnzimmer gehen, um dort über uns selbst und unsere Rassismen nachzudenken?

Man sollte offenen Fragen auf den Grund gehen und sie für sich selbst beantworten. Die Frage, ob wir das mit den Flüchtlingen schaffen, halte ich für vollkommen normal. Aber statt dem Gedanken Wie soll das bloß klappen? nahezukommen, ihn zu analysieren und sich dazu zu befragen, rufen wir nur lauter »Refugees Welcome«. Das ist die Gegenstruktur, unser Umgang damit. Ich weiß nicht, ob das die richtige Strategie ist, um dem eigentlichen Problem begegnen und konstruktive Antworten auf bestehende Fragen finden zu können. Statt den Rassisten da draußen ihren Rassismus vorzuhalten, finde ich es spannender, mich mit meinem eigenen Rassismus auseinanderzusetzen.

2 Gedanken zu “Stranger than fiction oder: Der Raum, wo das Neue wäre, bleibt unerreichbar

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