Stranger than fiction oder: Der Raum, wo das Neue wäre, bleibt unerreichbar

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Verlassen wir die Tagespolitik. 2010 forderten Sie bei den Theatertagen in Mühlheim eine neue »Dramaturgie der Zukunft«, mit der das Theater entfesselt und »die dumme Kultur des Verstehens, Verortens und Nutzbarmachens« abgelöst werden solle. Das klingt ein wenig so, als wären Sie damals nicht nur vom Theater, sondern auch von der Kritik enttäuscht gewesen, die alles erklären und bis ins letzte Geheimnis entmystifizieren will.

Ja, das ist auch so. Die meisten Theaterkritiker sind Idioten, nicht menschlich, sondern programmatisch und strukturell. Sie werden schlecht bezahlt, haben wenig Zeit und das, was sie schreiben, schreiben sie deshalb, weil man es von ihnen fordert. Das ist ein systemisches Problem. Wenn ein Kritiker im Publikum sitzt und meint, er müsse am Theater oder dem Publikum herumerziehen, dann ist er da falsch, denn das ist einfach nicht seine Aufgabe. Die besteht vielmehr darin, eine ästhetische Befragung eines Theaterabends vorzunehmen. Auch die kann positiv oder negativ ausfallen, keine Frage. Aber welcher Kritiker beschäftigt sich so ernsthaft und sorgfältig mit seinem eigenen Handwerk, dass er nachvollziehbar erklären könnte, nach welchen Kriterien er sein Urteil fällt. Etwas, das in jedem Beruf Voraussetzung des Handelns ist, eine Klaviatur des Handwerks, existiert hier nicht. Vielmehr ist die Kritik geschmäcklerisch und bierlaunig, und das ärgert mich. Da sitzen dann Universalgelehrte, die aus einer schlechten Laune heraus – weil sie stundenlang mit dem Zug fahren mussten, wenig Geld verdienen oder zu lange inmitten vieler Menschen und schlechter Luft sitzen – Stücke in Grund und Boden schreiben. Wie Theater heutzutage besprochen wird, ist so klein, das ist einfach nur traurig. Vor allem weil diese Kritik so zynisch ist. Wir können keine vom Aussterben bedrohte Kunstrichtung – ganz egal, ob wir über Printmedien oder das Theater sprechen – in die Transformation verhelfen, wenn wir sie öffentlich demontieren.

Ist denn das Theaterpublikum noch ehrlich in seinem Urteil? Es ist lange her, dass ich nach einer Vorstellung ein lautstarkes Buhen im Publikumsraum vernommen habe.

Ich wurde bei meinem jüngsten Abend in Hannover gerade erst ausgebuht. Aber ich finde es gut, wenn da was passiert. Für mich ist Theater das Zukunftsmedium, denn es leistet etwas, was die anderen kanonischen Medien in unserer Gesellschaft nicht mehr können. Es ist weitestgehend quotenunabhängig, schnell und in der Lage, Nischendiskurse darzustellen. Leider wird dieses Medium aber vollkommen anders gebraucht, ist zu einem Medium des Stillstands in einem saturierten System verkommen. Um es da herauszuholen, wühle ich dieses System mit meiner Arbeit gern auf. Es ist okay, wenn man dann auf mich einprügelt.

Ich fand vor allem den Ansatz, »die dumme Kultur des Verstehens, Verortens und Nutzbarmachens« abzulösen, spannend, weil dieser Anspruch auf Ultrarealismus, den Sie am Gegenwartstheater kritisierten, aus meiner Sicht die deutsche Literatur bestimmt. Da gibt es nur wenig Magisches. Wenn man Ihren Roman liest, könnte man meinen, dass sie den Mut zur Uneindeutigkeit auch für die Literatur fordern. Wollen Sie auch die Literatur entfesseln?

Ich habe mit dem Roman das gemacht, was ich immer mache. Wenn produktive Fragen gestellt werden, mit denen die Leser umgehen müssen, dann ist das sehr viel ereignisintensiver, interessanter und produktiver, als wenn Autoren Antworten servieren. Nehmen Sie Heinz Struncks »Der goldene Handschuh«, in dem Fritz Honka und das Hamburger Milieu beschrieben werden. Ein geringerer Autor hätte erzählt, dass die Menschheit so und so oder Fritz Honka eine Bestie ist, weil…. Dieser geringere Autor hätte den größeren Kontext mitgeliefert, den die Leser aber besser selbst erschließen. Wenn der Autor den Lesern diesen Prozess abnimmt, dann ist das Informationsdramaturgie. Erst wenn zwei Menschen über Literatur aus der eigenen Leseerfahrung heraus sprechen, wird sie magisch. Sie funktioniert dann wie Musik, die auch zu jedem anders spricht.

Mit meinem Roman unternehme ich den Versuch, für ein solches Gespräch eine gute Grundlage zu bieten. Wichtig war mir, dass der Text nicht ins Kryptische wegfliegt, sondern mit den Lesern spricht, an sie appelliert und sie mitnimmt. Ich habe auch das Experimentelle des Textes so gestaltet, dass es im Dienste der Narration steht und nie nur sich selbst genügt. Wenn es etwas gibt, worauf ich bei »Der Fuchs« stolz bin, dann dass mir das gelungen ist. Mein Wunsch ist jetzt natürlich, dass man das Buch gern liest. Das muss sich jetzt aber auch erst einmal zeigen.

Ihr Roman ist zu großen Teilen die Erinnerung an die Kindheit und Jugend des Erzählers Finn Schliemann, voll mit grotesken Erfahrungen und einem sadistischen Geschwistertrio. Wie steht das in Verbindung mit Ihrer Kindheit auf Föhr?

Romanhandlungen sind meines Erachtens immer wilde Mischungen aus Erlebtem, Bekanntem, Geträumtem und Imaginiertem. Der autobiografische Gehalt meines Romans ist gleich null, trotzdem hat es natürlich viel mit mir und meiner Jugend in Norddeutschland zu tun. Ich glaube, jemand der aus dem Norden kommt und den Roman liest, der erkennt Dinge wieder. Und zugleich ist die Stimmung in »Der Fuchs« nicht nur norddeutsch. Wer auf dem Dorf aufgewachsen ist, müsste sich hier gut wiederfinden. Neben die Weite der Landschaft tritt die beklemmende Atmosphäre des dörflichen Lebens, in dem Figuren eine Rolle spielen, für die der Ausdruck stranger than fiction erfunden wurde.

Bei Ihrem Roman denke ich an das Fehlen physischer Einheit. Nicht nur, weil Frauen in Schiffschrauben kommen oder ein Arm mit seinem Besitzer Verstecken spielt, sondern auch, weil keine Erinnerung konsistent scheint, sondern in ihre einzelnen Bestandteile und Möglichkeiten zerfällt, in die dann die Erzählung dringt. Inwiefern ist der Mensch ein fragmentiertes Wesen?

Erosion spielt in meinem Roman eine große Rolle. Schließlich fliegen uns die eigenen Entwürfe immer mehr um die Ohren. Daraus entsteht eine Sehnsucht nach Ersatz, wie ich sie in der Gegenwart wahrnehme. Wir leben in einer Zeit, in der wir die Entwürfe der 50er, 60er, 70er, 80er und 90er Jahre nebeneinander sehen und mit ihnen leben, wir können aber nicht wieder in sie zurück. Gleichzeitig sind wir aber unfähig, einen neuen Lebensentwurf zu finden. Deshalb auch die Flut, die das Dorf bedroht, so wie wir permanent vom Einbruch des Nichts, der Leere bedroht sind. Das ist das Dilemma unserer Zeit, es gibt eine totale, aber unerfüllte Ideologiesehnsucht. Der Raum, wo das Neue wäre, bleibt unerreichbar. Alles andere wäre das Ende der postmodernen Ideologie. Diese Situation ist schwierig und belastend, birgt aber auch eine Chance. Wir könnten endlich aus dem Loop der Dekonstruktion aussteigen. Wir könnten dem Die Dekonstruktion hat uns alles genommen entkommen, weil wir erkennen, dass absolut alles konstruiert ist, auch diese Dauerschleife. Wir sind aufgerufen, einen alternativen Entwurf zur Postmoderne zu finden, dem Danach einen Inhalt zu geben. Wenn die alten Werte erodieren und sich auflösen, dann ist das Individuum gefragt, sich etwas Neues auszudenken. An diesem spannenden Punkt der Geschichte befinden wir uns, an dem Punkt befinden sich die Figuren in meinem Roman. Das ist ein wahnsinnig spannender Ort.

Sie haben jetzt mehrmals eine neue Ideologie der Postpostmoderne gefordert, dabei ist der Begriff Ideologie in unserer Gesellschaft eher belastet.

Das finde ich eigentlich schade. Das ist die pervertierte Leistung der 50er und 60er Jahre, in der unserer Gesellschaft auch eine panische Angst vor der Gruppe eingeimpft wurde. Wenn Sie durch Asien reisen, dann werden Sie auf Menschen stoßen, denen es ein Rätsel ist, warum man Angst davor haben sollte, ein Teil in einer Gruppe zu sein. Während den Gesellschaften in Asien das konsensuale Denken den Weg zur Individualisierung versperrt, ist es bei uns genau anders herum. Unsere Gesellschaft ist zu individualisiert, um einen Schulterschluss zu finden. Das ist das Dilemma unserer individualisierten Gesellschaft.

Sie waren in Japan und haben sich mit den Folgen der atomaren Katastrophe in Fukushima befasst. Mit »Der Fuchs« präsentieren Sie einen Roman, in dem ein Ort überschwemmt wird und alles verschwindet, was Geschichte ausmacht. Gibt es hier einen Zusammenhang?

Meine Reisen nach Japan und anschließend nach Korea haben mich natürlich geprägt, aber nicht im Sinne, dass ich dort viel von diesen Gesellschaften erfahren hätte. Vielmehr ist es so, dass ich in der Begegnung mit den Menschen viel über uns und unsere Gesellschaft gelernt habe.

In welchem Verhältnis stehen Individuum und Gesellschaft in der Moderne?

Ich finde es schade, dass die Macht immer nur an die Gesellschaft abgegeben wird, während sie dem Individuum abgesprochen wird. Das Individuum wird als ohnmächtig und schwach dargestellt. Dabei findet Gesellschaft doch genau dort statt, beim Individuum. Wir zeigen mit dem Finger immer gern auf den Kapitalismus, der irgendetwas da draußen bei den Banken oder auf den Märkten sei. Dabei verstehen wir nicht, dass er ohne uns gar nicht möglich wäre, dass wir ihn befördern.

Tatsächlich tragen auch wir gerade jetzt zum Erhalt des Kapitalismus bei, indem wir hier sitzen und bei einem Kaffee miteinander sprechen, um dieses Gespräch dann im beiderseitigen Interesse verwertet zu wissen und in seinen Kreislauf zu geben.

Ich trage sogar dann zu seinem Erhalt bei, wenn ich ihn kritisiere. Der Kapitalismus gefällt sich darin, sich kritisieren zu lassen in einer Kunst, die er gestattet und sogar fördert. Abseits davon funktionieren sowohl Theater- als auch Literaturbetrieb nach erzkapitalistischen Regeln, sowohl auf der ökonomischen als auch auf der hierarchisch-strukturellen Seite.

Sollten Sie den Leipziger Buchpreis gewinnen, sich das Buch aber nicht verkaufen, gibt es keine neue Auflage.

Nicht nur das, es gibt auch die Verramschungsklausel, Paragraf 7 meines Autorenvertrags. Sie besagt, dass der Verlag, wenn der Bestand nicht verkauft wird, berechtigt ist, diesen verramschen darf. Der vertraglich vereinbarte prozentuale Anteil am Verkaufspreis ist dann hinfällig.

Tatsächlich hat kaum ein Kulturgut eine so geringe Halbwertzeit wie das Buch.

Weil die Verlage dem Leistungsirrtum aufsitzen. Der Entwertung des Buches begegnen sie mit einem beschleunigten Ausstoß. Wie in der Geldwirtschaft kommt es dann zur Inflation. Das funktioniert im Verlagswesen genauso wie bei den Banken.

In ihrem Theaterstück »Die kosmische Oktave« lassen Sie den Bruder des Ich-Erzählers sagen: »Du bist ein trauriges, selbstgerechtes narzisstisches Arschloch, wie ich sie zu Tausenden sehe, wenn ich durch Berlin laufe. Ein Arschloch, das von nichts zu wenig und von dem meisten zu viel hat – vor allen Dingen aber von Ego und Zeit.« Auch wenn dieses Arschloch eine fiktive Figur ist, gestatten Sie mir die abschließende Frage: Geht es Ihnen gut mit sich selbst?

Ja, ich denke schon. Es ist lustig, dass Sie das fragen. Natürlich arbeite ich mit mir selbst in meinen Texten. Das macht jeder, deshalb ist es auch so aberwitzig, wenn die Kritik das große Klagelied der Selbstreferenz anstimmt. Wir sind doch die absoluten Experten unseres eigenen Daseins. Die großen Probleme der Welt finden in unserem Denken statt, in der Alltagsphilosophie, die hilft, uns im Leben zu verhalten. Die Zukunft unserer Gesellschaft findet deshalb im Kopf statt. Deshalb ist die Auseinandersetzung mit uns selbst eines der wichtigsten politischen Tableaus. Das ist kein kleines oder niedliches Thema. Das ist die eine Seite. Zugleich ist die superkrasse Selbstbeobachtung, in der wir stecken, aber auch ein running gag, einerseits narzisstische Selbstüberschätzung, andererseits beschämte Verkleinerung. Nehmen Sie zum Beispiel die sozialen Medien. Facebook ist eine Narzissmus- und Selbstbeschwichtigungsmaschine, ohne das künstlich leere Aufpusten des Egos würde das gar nicht funktionieren. Wir können dort »Je suis Charlie!« erklären und uns dann so fühlen, als wären wir politisch. Stattdessen sind wir aber nur träge. Das ist einer der großen kybernetischen Tricks des Kapitalismus. Uns wird das Gefühl gegeben, wir wären engagiert, dabei üben wir nur Ersatzhandlungen aus.

978-3-498-06153-1(1)Nis-Momme Stockmann: Der Fuchs

Rowohlt Verlag 2016

720 Seiten. 24,95 Euro

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2 Gedanken zu “Stranger than fiction oder: Der Raum, wo das Neue wäre, bleibt unerreichbar

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