Sinnlichkeit statt Sinn

Nominierungen_Sachbuch

Auf der Nominierungsliste findet sich ein weiteres, eher biographisch angelegtes Buch. Der Philosoph Jürgen Goldstein hat über Georg Forster, den Naturforscher, den Weltreisenden und Revolutionär, geschrieben. Zwischen Freiheit und Naturgewalt, so beschreibt der Autor das bewegte Leben des Mannes, der James Cook auf dessen zweiter Weltumseglung begleitete, der als einer der ersten Vertreter der wissenschaftlichen Reiseliteratur gilt, der in Mainz die erste deutsche Republik ausrief und der sein Leben inmitten der Französischen Revolution in Paris ließ. Er lebte ein kurzes, aber erlebnisreiches Leben.

Forster wurde in der Nähe von Danzig geboren, in einem Nest namens Nassenhuben im damaligen preußischen Teil Polens. Mit den Worten des Biographen: »Es wird langweilig genug gewesen sein, um einen unbändigen Appetit auf die Welt zu wecken.« Auch sein Vater langweilte sich dort und so nahm er liebend gern den Auftrag der damaligen Zarin Katharina II. an, eine Reise in die Siedlungsgebiete der deutschen Auswanderer zu unternehmen, um sich ein Bild von der Lage zu machen und einen Bericht über die Zustände vor Ort anzufertigen. Georg kam als Reisebegleiter mit, der Rest der Familie blieb notdürftig versorgt zurück. Und so legten Vater und der zehnjährige Sohn in sechs Monaten viertausend Kilometer zurück: Von Petersburg reisten sie über Moskau bis zu den Kolonien an der Wolga. Unterwegs trafen sie auf Kalmücken, Tataren und Kosaken und lernten die schier unendlichen Landschaften Russlands kennen. Die Reisen ersetzte die formale Schulbildung, die Georg nie kennenlernte.

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Jürgen Goldstein: Georg Forster. Zwischen Freiheit und Naturgewalt. Matthes & Seitz Berlin. 301 Seiten. 24,90 Euro

Als Georg siebzehn Jahre alt war, durfte er als Zeichner eine Expedition von James Cook begleiten. Diese Reise an Bord der HMS Resolution sollte drei Jahre und 18 Tage dauern. Sie führte Forster unter anderem nach Tahiti, dessen Gesellschaft ihn begeisterte. Dort fand er das Ideal einer Gemeinschaft von Gleichen wieder, zumindest meinte er es gefunden zu haben. »Zu den überraschendsten Erfahrungen, die Forster auf Tahiti macht, gehört die nur schwach ausgebildete Hierarchie unter den Eingeborenen.«

Tahiti ist ein politisches Erweckungserlebnis, Forster sieht hier das Bild von wahrer Volks-Glückseligkeit realisiert. Goldstein beschrieb das bereits in seiner Sammlung von Entdecker-Porträts Die Entdeckung der Natur eindrücklich. Forster hat auf dieser Südsee-Insel die Realität einer Idee gesehen, nämlich die Gleichheit aller Menschen in einer horizontalen Gesellschaft, die sich zu dieser Zeit auch in Europa herausbildete, etwa bei Jean-Jacques Rousseau. Die Erlebnisse auf Tahiti legten den Grundstein für seinen weiteren Weg: Forster wird Jakobiner, Mitbegründer der kurzlebigen Mainzer Republik und sah in der Revolution ein Naturereignis, nämlich die »Selbstentzündungen der Vernunft in einem ganzen Volke«.

Die Revolution verschlug ihn nach Paris. Im Auftrag der Mainzer Republik hielt er am 30. März 1793 eine Rede vor dem Pariser Konvent, mit der ihr Beitritt zur französischen Mutterrepublik beantragte. Das revolutionäre Glück währte nicht lange, schon wenige Tage danach zeigte er sich von den »herzlosen Teufeln« entsetzt, die die Revolution in eine Schreckensherrschaft verwandelt hatten. Weil Forster als deutscher Untertan mit der französischen Revolutionsregierung kollaborierte, verfiel er der Reichsacht. So konnte er nicht mehr nach Deutschland zurückkehren. Er blieb in Paris, mittellos und ohne seine Familie, die er in Mainz zurückgelassen hatte. »Ich habe nun keine Kräfte mehr zum Schreiben. Lebt wohl! hütet Euch vor Krankheit; küßt meine Herzblättchen«. Das sind seine letzten Zeilen. Georg Forster verstarb im Januar 1794 mit 39 Jahren an einer Lungenentzündung in Paris.

Jürgen Goldstein hat eine spannende Biographie über das ereignis- und erlebnisreiche Leben von Georg Forster verfasst. Er stellt den Zusammenhang in Forsters Biographie zwischen dem Weltreisenden, dem Naturforscher und dem Revolutionär her. In der Südsee hatte Forster den Menschen als Naturwesen entdeckt, und das leibhaftig. Sein politisches Ideal, eine egalitäre Gesellschaft, war zum Vorschein gekommen. Sie war politisch gestaltbar, so seine Überzeugung, durch eine Revolution. Geschichte wird gemacht, auch wenn sie das Leben kostet!