Ein Paukenschlag für die Königsdisziplin

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Mit Jan Wagners »Regentonnenvariationen« gewinnt erstmals ein Lyrikband den Preis der Leipziger Buchmesse. Den Sachbuchpreis erhielt der Österreicher Historiker Philipp Ther für seine gesellschaftspolitischen Erkundungen in »Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent«. Der Preis für die beste Übersetzung ging an Mirjam Pressler für ihre Übertragung von Amos Oz’ neuem Roman »Judas«.

»sag: maulbeeren, und wieder: maulbeeren, so dunkel und süß
allein das Wort im mund – schon sind sie wach
und wollen mit dem schattenhaften krach
von tausenden von flügeln sich vermehren,
hängen bei tag in ihrem schlaf, in schweren
und dicken trauben unter einem dach, so dunkel und süß.«

Die Maulbeeren in Jan Wagners Regentonnenvariationen sind so süß, dass sie nicht nur auf der Zunge des Lesers zergehen, sondern auch die Fledermäuse so verrückt machen, dass sie wild um die Äste des Maulbeerbaums umherstieben, »um als flinke, schwarze scheren | die früchte abzuknapsen, zu verzehren.« Wagners Poesie ist von einem Zauberklang, der mit wenigen Versen in weite Welten führen kann. Er lässt seine Leser innerhalb von Minuten von Schweden nach Neuseeland reisen. Er singt Lieder über Grottenolme, Dachshunde, Otter und blickt dabei Mensch und Natur in die Seele oder steigt hinab in die Gräber der Ahnen.

HB Wagner_978-3-446-24646-1_MR.inddDie Jury bleibt mit der Auszeichnung dieser wundervollen Gedichte ihrem einmal eingeschlagenen Weg treu, denn bereits die Nominierung eines Lyrikbandes war ein Novum beim Preis der Leipziger Buchmesse. »Ein Gedichtband, in dem die Regentonne zur Wundertüte wird, der Giersch zur Gischt, Unkraut und unreiner Reim ihren Charme entfalten und die Lust am Spiel mit der Sprache vor den strengen Formen nicht Halt macht: Lyrik voller Geistesgegenwart«, heißt es in der von der freien Kritikerin Meike Feßmann vorgetragenen Begründung der Jury. Letztendlich ist diese Entscheidung ein Votum für die Kraft der Sprache und ihres Rhythmus, denn auch die neben Wagner nominierten Titel (Norbert Scheuer: Die Sprache der Vögel, Teresa Präauer: Johnny und Jean, Ursula Ackrill: Zeiden, im Januar, Michael Wildenhain: Das Lächeln der Alligatoren) entfalten ihre Wirkung weniger durch ihre Erzählung, als vielmehr durch den Klang der Sprache. Mit der Auszeichnung sieht der Wahlberliner Wagner nicht nur die überfällige Anerkennung für die lebendige Lyrikszene Deutschlands, sondern auch, dass diese damit endlich entdeckt wird.

Den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse gewann der Wiener Historiker Philipp Ther mit seinem »Wirtschaftspolitikideengeschichtsbuch mit reportagenhaften Einschüben und biografischen Einsprengseln« (Lothar Müller aus der Jury). Ther erklärt darin die gesellschafts- und marktpolitischen Entwicklungen in Osteuropa nach dem Zusammenbruch des Ostblocks, indem er seine Leser nach Tallinn, Kiew, Warschau und Sofia entführt und an den damaligen Ereignissen quasi rückschauend teilhaben lässt. Wer die Konflikte in Europa und an dessen östlichen Grenzen verstehen will, der erhält mit diesem Buch zahlreiche Ansätze.

42461Die Jury sieht in Thers Werk »ein Geschichtsbuch, das, 25 Jahre nach dem Mauerfall, von der Gegenwart handelt. Reportagen, Analysen und Wirtschaftsdaten fügen sich zu einem Text über den postsowjetischen Raum, den lesen sollte, wer die jüngsten Konflikte in Europa verstehen will«, erklärte Deutschlandradio-Redakteur René Aguigah. Ther setzte sich mit seiner Entwicklungsanalyse des postsowjetischen Raums gegen den allseits favorisierten Reiner Stach und dessen Abschlussband seiner dreibändigen Kafka-Biografie durch. Des Weiteren waren nominiert Philipp Felsch: Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960-1990, Joseph Vogl: Der Souveränitätseffekt und Karl-Heinz Göttert: Mythos Redemacht. Eine andere Geschichte der Rhetorik. Ther sagte während der Preisverleihung, dass er einen Teil des Preisgeldes in die Ukraine geben wolle, um Kollegen zu unterstützen, die wiederum andere Kollegen aus der Ostukraine aufgenommen haben.

Den Preis für die beste Übersetzung erhielt – auch hier waren nicht wenige überrascht – Mirjam Pressler für ihre Übertragung von Amos Oz’ Roman Judas, in dem der Autor die Gründungsgeschichte Israels und die biblische Geschichte um Jesus und Judas in einer Art Kammerspiel miteinander verbindet. »Eingebettet in eine ungewöhnliche Dreiecksgeschichte im Jerusalem des Winters 1959/60 erzählt Amoz Oz von den bewegten Jahren der Staatsgründung Israels. Mit kunstvoller Zurückhaltung trifft Mirjam Pressler den Ton dieses großen Erzählers und macht seine schroffe Wärme auch auf Deutsch spürbar«, sagte taz-Redakteur Dirk Kniphals für die Jury.

42479Pressler ist DIE deutsche Übersetzerin aus dem Hebräischen, neben Oz Romanen zeichnet sie auch für die Übersetzung der Romane von Zeruya Shalev, Aharon Appelfeld, Batya Gur und Lizzie Doron verantwortlich. Die Auszeichnung passt zum Gastauftritt Israels auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse. Diesem ist es auch zu verdanken, dass Amos Oz selbst bei der Preisverleihung anwesend war und sich mit seiner Übersetzerin freuen konnte. Er sagte zur Auszeichnung Presslers: »Translating a Werk of literature into another language is like playing a violin concerto with a piano.« Mit Pressler hat eine große Pianistin den Übersetzerpreis gewonnen. Favorisiert waren in der Kategorie insbesondere Moshe Kahn und seine Übersetzung von Stefano d’Arrigos Jahrhundertroman Horcynus Orca aus dem Sizilianischen sowie Klaus Binders Übertragung von Lukrez’ Über die Natur der Dinge. Außerdem waren Elisabeth Edl für ihre Übersetzung von Patrick Modianos Gräser der Nacht sowie Thomas Steinfelds erstmals vollständige Übersetzung von Selma Lagerlöfs Kinderroman Nils Holgerssons wunderbare Reise durch Schweden nominiert.

Die großen Gewinner der Preisverleihung in der Verlagslandschaft sind die beiden Schlachtschiffe Hanser und Suhrkamp. Beide Verlage waren mit zwei Titeln unter den 15 nominierten Büchern vertreten. Der Suhrkamp-Verlag gewann mit seinen Büchern in den Kategorien Sachbuch und Übersetzung, das Hanser-Imprint Hanser Berlin den Belletristik-Preis. Der große Verlierer unter den Nominierten ist zweifelsohne der S. Fischer-Verlag, der mit drei Titeln die meisten Nominierungen hatte, am Ende aber leer ausging. Insgesamt waren nur vier Titel aus unabhängigen beziehungsweise Kleinverlagen nominiert.

Der Preis der Leipziger Buchmesse ist mit insgesamt 60.000 Euro dotiert und wurde zum elften Mal vergeben. Im vergangenen Jahr gewannen Saša Stanišić mit Vor dem Fest, Helmut Lethen mit Der Schatten des Fotografen und Robin Detje mit seiner Übersetzung von William T. Vollmanns Roman Europe Central.