Die Gunst der Stunde unterm Apfelbaum

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Beim »Wortgarten«-Festival für Literatur und Musik in der Uckermark lasen zahlreiche Literaturpreisträger aus noch unveröffentlichten Texten. In traumhafter Kulisse kamen sich Literaturszene und Publikum so nah wie selten. Ein Bericht.

Zigarettenautomat, Garage, Kieker, Töpferei und Dorfarchiv – alles ist da, und doch ist meist Nichts zu sehen. In Saša Stanišićs Kopf ist in Fürstenwerder noch alles genau so, wie er es in seinem Uckermark-Epos Vor dem Fest, mit dem er im letzten Frühjahr den Preis der Leipziger Buchmesse gewann, beschrieben hat. Beim »Wortgarten«-Festival am Wochenende führte er zum ersten Mal etwa einhundert Interessierte durch das Dorf, das seinem Fürstenfelde als Vorlage diente. In zwei amüsanten Stunden zeigte der Autor seinen Lesern das echte Fürstenwerder und ließ das fiktive Fürstenfelde vor ihren Augen entstehen. Immer wieder deutete er ins Leere und beschrieb eindringlich, dass dort Anna Kranz’ prächtiger Hof zu sehen und man hier nun an der Stelle angekommen sei, wo die alte Malerin in den See geht. Ullis legendäre Garage dürfte »irgendwo bei den Neubaublöcken dahinten« sein und den Zigarettenautomaten, den Herr Schramm erst erschießt und dann mit einem Traktor ausreißt, vermutet er neben der Pension »Alte Molkerei«. Literatur ist eben vor allem die Imagination der Wirklichkeit.

Was man in der Realität findet, ist die Keramikwerkstatt von Frau Reiff. Es ist die alte Schmiede, in der Annett Schröder ihre Töpferei eingerichtet hat. Als Stanišić mit seinem Gefolge unangekündigt bei ihr einfällt, ruft er ihr lachend entgegen: »Hallo Annett, ich habe mal so eben neunzig Leute mitgebracht.« Ein Satz, den man auf dieses gesamte Sommerwochenende mit Literatur und Musik unterm Obstbaum übertragen kann, zu dessen Höhepunkten zweifelsohne Stanišićs unterhaltsame Ortsführung gehörte. Denn irgendwie hatte jeder Besucher hier noch jemanden im Schlepptau, um das eine Angenehme mit dem anderen zu verbinden. Die Uckermark genießt nicht umsonst den Ruf der »Toskana des Nordens«; in den Tälern und Senken dieser idyllischen Hügellandschaft breiten sich zahlreiche Seen aus, die an einem warmen Wochenende wie dem vergangenen eine willkommene Erfrischung versprechen. Aber zumindest zeitweise zogen die knapp 600 Festivalbesucher die Literatur dem See vor und erlebten in Scheune, Schafstall oder auf der Wiese zahlreiche renommierte Künstler hautnah.

Allein das Line-Up des »Wortgartens« ließ jedes Literaturherz höher schlagen. Unter den 20 Autoren waren mit Jan Wagner, Saša Stanišić, Georg Klein und Ingo Schulze gleich vier Gewinner des Leipziger Buchpreises. Kathrin Schmidt, 2009 für ihren Roman Du stirbst nicht mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, führte die Riege der fünf Bachmann-Preisträger an, zu denen neben ihr Jan Peter Bremer, Georg Klein, Katja Lange-Müller und Tilman Rammstedt gehörten. Zu diesen Klagenfurt-Siegern gesellten sich Jan Böttcher, der 2007 den Ernst-Willner-Preis beim Wettlesen am Wörthersee gewann, Karsten Krampitz, 2009 an gleicher Stelle mit dem Publikumspreis ausgezeichnet, sowie Karen Köhler, die im vergangenen Jahr krankheitsbedingt nicht in Klagenfurt lesen konnte, nach einer Solidaritätslesung ihres Verlegers aber zur Siegerin der Herzen gekürt wurde. Ihr Erzählungsband Wir haben Raketen geangelt avancierte zu einem der meistgefeierten Bücher des Herbstes. Darüber hinaus konnten von den anwesenden Autoren Kirsten Fuchs und Tilmann Rammstedt bereits beim Open-Mike reüssieren, übrigens ebenso wie Mitorganisatorin Lucy Fricke. Mit Finn-Ole Heinrich war außerdem auch noch ein Träger des Deutschen Jugendliteraturpreises im Kinderprogramm am Start.

Wortgarten

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In und um Fürstenwerder rührte Buchhändler Nils Graf ordentlich die Werbetrommel

Über ein solches Schaulaufen der deutschen Literaturbohême würde man sich nicht wundern, befände man sich bei der Lit.Cologne oder dem Internationalen Literaturfestival in Berlin, das im September stattfindet. Bei einem Lesefest unter Obstbäumen in der brandenburgischen Provinz reibt man sich bei einer solchen Liste doch etwas ungläubig die Augen. Den »Wortgarten« auf die Beine gestellt haben Lucy Fricke, Alexander Gumz und Jutta Büchter, die mit dem KOOK e.V. bereits Großveranstaltungen wie die seit 2011 jährlich stattfindende Hamburger Lese- und Musiknacht »HAM.LIT« oder die Berliner »Elektro.lit« organisiert haben. Ob ein Literatur- und Musikfest auf dem platten Land funktionieren würde, da waren auch sie sich nicht sicher. Sie ließen es auf einen Versuch ankommen, suchten sich mit dem Buchladen Fürstenwerder und dem Gut Bülowssiege lokale Kooperationspartner und fassten Pläne, um die Bevölkerung vor Ort für das Festival zu gewinnen.

Dies sollte auf verschiedenen Wegen gelingen. So veranstalteten Kirsten Fuchs und Jan-Peter Bremer Wochen vor dem Festival Schreibworkshops mit Jugendlichen einer Schule in der Region. Die dabei entstandenen Texte stellten die Jugendlichen auf dem Festival selbst vor. Auch die Einbindung von Künstlern vor Ort war ein Rezept, das bei der Ansprache der lokalen Bevölkerung helfen sollte. Mit Pauline de Bok und Ines Baumgartl lasen zwei Autorinnen, die in der Uckermark leben. Die in ihrem Genre weltweit erfolgreiche Akkordeonistin Cathrin Pfeifer, die ebenfalls in der Gegend lebt, schloss am Sonntag des Festival mit einem Konzert. Der wichtigste Anker aber waren die Eröffnung des Sommerfests der Literatur und Musik im Atelierhof der Holzbildhauerin Wiebke Steinmetz im Zentrum von Fürstenwerder sowie eine von Dirk Laucke inszenierte Performanz mit Menschen aus dem Dorf unter dem Titel Schatz, ich habe die verlorene Zeit gefunden! Vor allem diese öffentliche Nabelschau der echten Dorfhistorie lockte viele Ortsansässige zum Auftaktabend des Stelldicheins der Berliner und Hamburger Literaturszene.

Den eröffnete die Niederländerin Pauline de Bok, die seit vielen Jahren in der Region lebt. Sie las ihre bereits 1990 geschriebene Erzählung Wendezeiten in Fürstenwerder (hier nachzulesen), in der sie an die Geschichte der Bürgermeisterwahl im Nachwendejahr erinnerte. Der alte Bürgermeister Klaus-Dieter Durdi wird nicht noch einmal antreten, er war in der Partei, »hat aufs falsche Pferd gesetzt«, wie es bei de Bok heißt. Sie seziert in ihrer Erzählung die Scheinheiligkeiten und Bigotterien in diesem Dorf, in dem die nationalsozialistische und kommunistische Geschichte tiefe Wunden hinterlassen hat. Keiner in diesem Dorf, das hier als das »letzte Loch vor der Hölle« beschrieben wird, hat eine weiße Weste, jeder trägt eine Schuld mit sich herum, und die Frage steht im Raum, ob man so weitermachen kann oder alles ändern muss. De Bok lässt ein vollkommen anderes Bild dieses in sich selbst versunkenen Ortes entstehen, als wir es von Stanišić kennen, und dennoch schließt der Roman in einem lakonischen Ton, der direkt an Vor dem Fest anknüpfen lässt. »Sollen die Touristen aus dem Westen doch kommen, die Strohmatratzen liegen auf dem Dachboden bereit. […] Aber wenn es im gewohnten Trott vorangeht, ach, dann dösen sie hier in Fürstenwerder einfach weiter, wie in den vergangenen fünfundvierzig Jahren.«

In dem gewohnten Trott ging es aber nur eine Zeit lang weiter, bis die Berliner das Umland für sich entdeckt haben und in den vergangenen Jahren eine veritable Berliner Expat-Community in der Uckermark entstanden ist. Die Suche nach dem eigenen Hof in der Region ist seit Jahren eines der liebsten Hobbys des saturierten Hauptstadtbürgertums.

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