Neun Überlebensmittel

Titelbild

»Keep them entertained, keep them happy, keep them fed, keep them drunk.« Karen Köhler legt mit ihrer Erzählungssammlung »Wir haben Raketen geangelt« ein fulminantes Debüt vor. Raffiniert, rührend und radikal erzählt die Hamburgerin von der Fragilität der menschlichen Existenz.

»Wir streiten nur an unserer Streitmaschine, einer alten Olympia, und die Regeln gehen so: Immer nur eine Person zur selben Zeit an der Tastatur. Es darf nur geschrieben und nicht gesprochen werden. Immer nur ein Satz, dann ist wieder der andere dran.« Nach diesem Prinzip klären Krassijawa und Libero – diese »Kosedinger« geben sie sich zumindest – ihre Konflikte. Wenn sie nicht gerade durch den Regen wandern, mit einer Vespa ans Schwarze Meer fahren oder mit Boulekugeln den Park bombardieren. Es ist die Geschichte einer Liebe, die uns die Schauspielerin, Grafikerin und Autorin Karen Köhler in ihrer Geschichte »Wir haben Raketen geangelt« erzählt, die ebenso weit hinter den Grenzen dessen liegt, was sich die meisten unter einer Liebe vorstellen, wie sie klassisch ist.

Man muss für Köhlers Debüt, dessen Titel der Geschichte entnommen ist, keine Werbung machen, ihre krankheitsbedingte Abwesenheit beim diesjährigen Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt wurde angesichts der durchschnittlichen Texte allenthalben beklagt. Dies war möglich, weil ihr Klagenfurt-Text »Il Commandante«, der den Erzählungsband eröffnet, von ihrem Verleger Jo Lendle, dem Juror Hubert Winkels und der ORF-Literaturredakteurin Nikola Steiner vorgelesen wurde. Unter dem Motto »Gegen Windpocken. Für Raketen.« veranstalteten sie eine Solidaritätslesung, um diesen Solitär unter den Wettbewerbstexten zu Gehör zu bringen. Darin erzählt Köhler von einer jungen Frau, deren Porträt ein Absatz lang und in seiner Lakonie viele potenzielle Romane tief ist. »Mitten in meinem Bauch ist neuerdings ein Loch. Über dem Loch klebt die Platte, an der Platte ist eine Öffnung mit einem Verschluss, und daran hängt der Beutel. In dem Beutel ist meine Scheiße. Das ganze heißt Stoma. Künstlicher Darmausgang. Den habe ich seit vier Tagen. Seit 29 Tagen habe ich eine Glatze, genauer gesagt habe ich mittlerweile gar keine Haare mehr am Körper. Seit zwei Tagen hat sich Tom nicht mehr gemeldet. Ich bin 33 Jahre alt und habe Krebs. Wiesollsunsdennheuteschongehen.«

Dieser Absatz gibt einen hinreichenden Eindruck über Tempo, Takt und Dringlichkeit von Köhlers Geschichten. Sie handeln von Cowboys und Indianern, von Wildfängen und Findlingen, von Modedesignerinnen und Bioladenbesitzerinnen, von Raketenfischern und InderScheißederLeute-Wühlern; sie spielen ebenso in irgendeinem Kuhdorf in der bundesdeutschen Pampa wie in den Weiten Kaliforniens. Im Mittelpunkt stehen dabei fast immer Frauen, die sich selbst Suchen und Finden, die Abschied nehmen und irgendwie neu anfangen (müssen). Das tun sie auf einem Kreuzfahrtschiff vor Skandinavien oder auf einem Roadtrip durch Italien, indem sie sich in die Gesellschaft hineinwerfen oder sich komplett aus ihr zurückziehen. Dabei entwickeln die raffiniert komponierten Stücke einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann, und reißen Lücken in das Herz des Lesers, deren Ausmaß schlichtweg gigantisch ist.

Karen Köhler | © Julia Klug

Karen Köhler | © Julia Klug

Als Leser dieser neun Erzählungen wird man hineingeworfen in die Gegenwart, in der meist schon die Bewältigung des der Geschichte zugrunde liegenden Traumas stattfindet. Allein, man ist sich dessen nur selten bewusst. Wie in der Erzählung »Cowboy und Indianer«, in der die in einer Wüste ausgesetzte Erzählerin Katharina (Kat) ihren Bericht mit dem Satz beginnt: »Vor mir steht ein Indianer.« Dann erzählt sie, wie sich dieser Indianer, Bill (»Buffalo Bill?«, fragt man sich) ist sein Name, um sie kümmert, mit ihr durch Kalifornien reist, in Las Vegas verprügelt und schließlich, grün und blau geschlagen, von ihr in einem Motel gepflegt wird. Das alles lesen wir in dem Glauben, dass das die Geschichte ist, die es zu erzählen gibt. Es ist schließlich nicht wenig, was da passiert und wie das geschildert wird. Aber als dieser Roadtrip schon auf der Autobahnabfahrt ausrollen will, taucht plötzlich hinter der Kurve eine zweite Geschichte auf, die düstere Vorgeschichte sozusagen, die sich – im Nachhinein betrachtet – immer mal angedeutet hat.

Köhlers Erzählungen gehen unter die Haut. Das liegt sicherlich auch an der existenziellen Verankerung der meisten Geschichten, in denen der Tod kein seltener Zaungast ist. Das gilt auch für die titelgebende Geschichte, die sich lange Zeit wie ein Tagebuch liest, am Ende aber eine in Wut und Trauer geschriebene Liebeserklärung ist. »Krassiwaja, es tut mir leid«, ist alles, was Libero hinterlässt. Wie es soweit kommen konnte, erfahren wir nicht. Stattdessen fragen wir uns fassungslos nach dem Warum.

Krankheiten, Missbräuche und Todesfälle drücken den Biografien von Köhlers Protagonisten den Stempel auf. Das alles ist aufgeladen mit Symbolik und Metaphorik, so dass es überfrachtet wirken müsste. Tut es aber nicht. Alle Erzählungen haben trotz der dramatischen Komponenten auch etwas Federleichtes, fast Übermütiges. Woran liegt das? Zum einen an dem lakonischen Grundton. Köhler bemüht sich nicht künstlich um Literarizität, sie steckt einfach in diesen Texten drin. Weil ihre Protagonisten nicht einfach irgendetwas erzählen wollen, sondern tatsächlich etwas zu sagen haben. Es gibt aber auch noch einen zweiten Grund, den die Hamburgerin in der aktuellen Ausgabe der Literaturzeitung Volltext, in der die Bachmann-Teilnehmer mit neuen Texten vorgestellt werden, in ihrer Erzählung »Tägliche Schwimmflügel« folgendermaßen formuliert: »Die Kräfte, die wir dem [Tod] entgegensetzen können, sind: Liebe, Empathie, Humor, Intelligenz, Gestaltungswillen. Das sind unsere Anker, unsere Überlebensmittel. Sie können uns schwerelos machen.« Die Geschichten von Karen Köhler sind bis zum Rand gefüllt mit Überlebensmitteln.

Köhlers Geschichten folgen einer klaren Choreografie, sie bilden eine Landkarte, die auf der Innenseite des Einbands abgebildet ist. Entsprechend folgen sie auch einer klaren Reihenfolge. Am Anfang des Buches geht es um individuelle, von der Gesellschaft losgelöste Fragen des Lebens, später um das Individuum in der Gesellschaft und am Ende um das Individuum außerhalb der Zivilisation. Die vorletzte Erzählung »Wild ist scheu« handelt von einer Frau, die sich in den Wald zurückzieht, um ihrem Leben abseits der Gesellschaft ein Ende zu machen. Vielleicht ist sie eine Wiedergängerin von Bill, Indianer gehen zum Sterben tief in den Wald. Vielleicht kommt sie nach allen Tiefschlägen, die das Leben bereithält, aber auch einfach nur nicht mit der Gesellschaft zurecht, die sie umgibt. Diese Möglichkeit eines Lebens abseits der Gesellschaft hatte vor drei Jahren der Österreicher Hans Weingartner in seinem Film Die Summe meiner einzelnen Teile eindrucksvoll porträtiert. Köhlers Erzählung erinnert immer dann an den Film, wenn es um das Verschmelzen von Individuum mit der Natur geht, auch wenn dies hier in einer radikaleren Form vollzogen wird.

»Ich sitze an der Streitmaschine und breche alte Regeln«, heißt es am Ende von »Wir haben Raketen geangelt«. Bloß gut, denkt man mit Blick auf Köhlers Stil, der von einer seltenen Reinheit ist. Jedes Wort ist wohlgesetzt, jeder Satz ein Geniestreich, an dessen Ende nicht selten der Abgrund lauert. Manchmal sitzt dort aber auch die Ironie oder das Groteske. Wie in den Familienporträts, die in Form von Miniaturen die Wirklichkeit in all ihrer Härte aufblitzen lassen (und in denen sich eine Köhlersche Hommage an Wolfgang Herrndorf versteckt). Und wie bei Herrndorf wimmelt es in diesen Geschichten an Sätzen, die uns aus dem Herzen zu sprechen scheinen. Nur wussten wir nicht, dass sie dort auf uns warten. Jetzt endlich können wir sie lesen.

Cover_RaketenKaren Köhler: Wir haben Raketen geangelt. Erzählungen

Hanser Verlag 2014

237 Seiten. 19,90 Euro

Hier bestellen

3 Gedanken zu “Neun Überlebensmittel

  1. Pingback: Karen Köhler liest »Deklination« | intellectures

  2. Pingback: Die Berliner Seite von Klagenfurt | intellectures

  3. Pingback: Die Verwortung der Welt | intellectures

Die Kommentarfunktion ist deaktiviert.