Erzählungen, Literatur, Lyrik, Roman

Die Gunst der Stunde unterm Apfelbaum

Wortgarten Festival in der Uckermark | Foto: Thomas Hummitzsch

Beim »Wortgarten«-Festival für Literatur und Musik in der Uckermark lasen zahlreiche Literaturpreisträger aus noch unveröffentlichten Texten. In traumhafter Kulisse kamen sich Literaturszene und Publikum so nah wie selten. Ein Bericht.

Zigarettenautomat, Garage, Kieker, Töpferei und Dorfarchiv – alles ist da, und doch ist meist Nichts zu sehen. In Saša Stanišićs Kopf ist in Fürstenwerder noch alles genau so, wie er es in seinem Uckermark-Epos Vor dem Fest, mit dem er im letzten Frühjahr den Preis der Leipziger Buchmesse gewann, beschrieben hat. Beim »Wortgarten«-Festival am Wochenende führte er zum ersten Mal etwa einhundert Interessierte durch das Dorf, das seinem Fürstenfelde als Vorlage diente. In zwei amüsanten Stunden zeigte der Autor seinen Lesern das echte Fürstenwerder und ließ das fiktive Fürstenfelde vor ihren Augen entstehen. Immer wieder deutete er ins Leere und beschrieb eindringlich, dass dort Anna Kranz’ prächtiger Hof zu sehen und man hier nun an der Stelle angekommen sei, wo die alte Malerin in den See geht. Ullis legendäre Garage dürfte »irgendwo bei den Neubaublöcken dahinten« sein und den Zigarettenautomaten, den Herr Schramm erst erschießt und dann mit einem Traktor ausreißt, vermutet er neben der Pension »Alte Molkerei«. Literatur ist eben vor allem die Imagination der Wirklichkeit.

Was man in der Realität findet, ist die Keramikwerkstatt von Frau Reiff. Es ist die alte Schmiede, in der Annett Schröder ihre Töpferei eingerichtet hat. Als Stanišić mit seinem Gefolge unangekündigt bei ihr einfällt, ruft er ihr lachend entgegen: »Hallo Annett, ich habe mal so eben neunzig Leute mitgebracht.« Ein Satz, den man auf dieses gesamte Sommerwochenende mit Literatur und Musik unterm Obstbaum übertragen kann, zu dessen Höhepunkten zweifelsohne Stanišićs unterhaltsame Ortsführung gehörte. Denn irgendwie hatte jeder Besucher hier noch jemanden im Schlepptau, um das eine Angenehme mit dem anderen zu verbinden. Die Uckermark genießt nicht umsonst den Ruf der »Toskana des Nordens«; in den Tälern und Senken dieser idyllischen Hügellandschaft breiten sich zahlreiche Seen aus, die an einem warmen Wochenende wie dem vergangenen eine willkommene Erfrischung versprechen. Aber zumindest zeitweise zogen die knapp 600 Festivalbesucher die Literatur dem See vor und erlebten in Scheune, Schafstall oder auf der Wiese zahlreiche renommierte Künstler hautnah.

Allein das Line-Up des »Wortgartens« ließ jedes Literaturherz höher schlagen. Unter den 20 Autoren waren mit Jan Wagner, Saša Stanišić, Georg Klein und Ingo Schulze gleich vier Gewinner des Leipziger Buchpreises. Kathrin Schmidt, 2009 für ihren Roman Du stirbst nicht mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, führte die Riege der fünf Bachmann-Preisträger an, zu denen neben ihr Jan Peter Bremer, Georg Klein, Katja Lange-Müller und Tilman Rammstedt gehörten. Zu diesen Klagenfurt-Siegern gesellten sich Jan Böttcher, der 2007 den Ernst-Willner-Preis beim Wettlesen am Wörthersee gewann, Karsten Krampitz, 2009 an gleicher Stelle mit dem Publikumspreis ausgezeichnet, sowie Karen Köhler, die im vergangenen Jahr krankheitsbedingt nicht in Klagenfurt lesen konnte, nach einer Solidaritätslesung ihres Verlegers aber zur Siegerin der Herzen gekürt wurde. Ihr Erzählungsband Wir haben Raketen geangelt avancierte zu einem der meistgefeierten Bücher des Herbstes. Darüber hinaus konnten von den anwesenden Autoren Kirsten Fuchs und Tilmann Rammstedt bereits beim Open-Mike reüssieren, übrigens ebenso wie Mitorganisatorin Lucy Fricke. Mit Finn-Ole Heinrich war außerdem auch noch ein Träger des Deutschen Jugendliteraturpreises im Kinderprogramm am Start.

Wortgarten

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In und um Fürstenwerder rührte Buchhändler Nils Graf ordentlich die Werbetrommel