Von Namen und Hoffnungen

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Saša Stanišić erzählt in seinem Roman »Vor dem Fest« die Geschichten, die sich zwischen dem Wald und den zwei Seen am Rande der fiktiven Ortschaft Fürstenfelde im Laufe der Jahrhunderte zugetragen haben. Diese faszinierende Erzählung ist eine Verneigung vor der Uckermark und seinen Menschen.

»Wer schreibt die alten Geschichten? Wer tut sich das an?«, fragt der kollektive Erzähler in Saša Stanišićs berührender Hommage an eine untergehende Region, die Uckermark. Eine berechtigte Frage, hat doch die Verwalterin des Heimatmuseums Johanna Schwewrmuth das Schreiben eingestellt. Da ist es ein Glück, dass die meisten Geschichten schon aufgeschrieben und die jüngeren Geschichten im kollektiven Gedächtnis der Dorfgemeinschaft gut verankert sind. Eben diese Gemeinschaft lässt Stanišić in seinem Roman von ihrem Dorf Fürstenfelde erzählen.

Zu Beginn muss das Dorf einen herben Verlust hinnehmen, denn der beste Erzähler ist gerade von ihnen gegangen. »Wir sind traurig. Wir haben keinen Fährmann mehr. Der Fährmann ist tot. Zwei Seen, kein Fährmann. Zu den Inseln gelangst du jetzt, wenn du ein Boot hast. Oder wenn du ein Boot bist. Oder du schwimmst. Aber schwimm mal, wenn die Eisbrocken in den Wellen klacken wie ein Windspiel mit tausend Stäben.«

So melancholisch beginnt der Roman Vor dem Fest des in Bosnien-Herzegowina geborenen Saša Stanišić, der kürzlich den Literaturpreis der Leipziger Buchmesse gewonnen hat. Seit seinem 14. Lebensjahr lebt Stanišić in Deutschland, sein Debütroman Wie der Soldat das Grammophon repariert wurde 2006 begeistert aufgenommen. Die Parallelen zwischen beiden Romanen liegen in der kaleidoskopischen Herangehensweise an die Erzählung aus vielen Perspektiven sowie die Nähe der Ortschaften zum Wasser. In seinem 2006 für den deutschen Buchpreis nominierten Debüt entlockte Stanišić seine Erzählung dem Fluss Drina, in seinem neuen Roman ist es die uckermärkische Seenlandschaft, aus der er in einer fuchsdurchwanderten, mythischen Nacht die Geschichte der fiktiven Ortschaft Fürstenfelde hebt.

Die Nacht, um die es sich handelt, ist die Nacht vor dem alljährlichen Annenfest, das in den Analen der Ortschaft einen legendären Status erlangt hat. 1589 lief »dem hiesigen Krüger« die Frau davon, ein weltbewegendes Ereignis, dass sich am Ende als gescheiterte Entführung entpuppte. Im Jahr darauf spazierte zum Annenfest ein Seiltänzer in luftiger Höhe vom Kirchturm bis zum Berliner Tor, während den Schaulustigen die Taschen leergeräumt wurden. Neun Jahre später tobte in der Nacht vor dem Fest ein Sturm und eine Feuersbrunst zerstörte zahlreiche Häuser. 1722 kam es zu einem besonders tragischen Vorfall, als zwei Kinder zum Flachstrocknen über Nacht in den Ofen eingeschlossen wurden. Da ist es schon ein gutes Jahr, wenn wie 1929 nur das Foto der Schützengilde misslingt. Von all diesen Begebenheiten erfahren wir in den historischen Tönen ihrer Zeit. Stanišić erweist sich in seinem Roman auch als Wanderer zwischen den innerdeutsch-historischen Sprachwelten.

All das ist aber zum Annenfest vergessen, so wie der feierliche Anlass überhaupt verloren gegangen scheint: »Nichts jährt sich, nichts endet oder hat genau an diesem Tag begonnen. Die Heilige Anna ist irgendwann im Sommer, und die Heiligen sind uns heilig nicht mehr. Vielleicht feiern wir einfach, dass es das gibt: Fürstenfelde. Und was wir uns davon erzählen.« Zu erzählen gibt es einen üppigen Strauß an Geschichten, die durch eine kaputte Scheibe den Weg aus dem Heimatarchiv in die Nacht vor dem Annenfest gefunden haben.

Etwa die der betagten Dorfmalerin Ana Kranz, die bei einer Preisverleihung für ihre künstlerischen Verdienste vor Jahren in einem Abendkleid einen Eindruck hinterlassen hat. Geblieben ist die Erinnerung an das Kleid, vor allem aber ihre Bilder, auf denen sie »für alles, was hier wächst, steht und untergeht … schon mal den Farbton gefunden« hat, wie es im Roman heißt. Erzählt werden muss auch die Geschichte des ehemaligen Oberstleutnants Wilfried Schramm, der sich nach der Wende als Förster versuchte, bevor er mit etwas Schwarzarbeit seine Rente aufbesserte. Doch alles Geld nützt nichts, wenn du wie der begeisterte Jens-Weißflog-Anhänger einsam bist und dann auch noch der Zigaretten-Automat im Dorf streikt.

Einsam ist auch der alte Imboden, dem vor drei Jahren die Frau gestorben ist und der jetzt in Ullis Garage Gemeinsamkeit sucht. Dort trösten sich all jene gegenseitig, die von Staat, Frau und Schicksal in dieser Pampa fallen- und zurückgelassen wurden; neben dem alten Imboden der Schweinezüchter und Schlachter Gölow, der ehemalige Postbote und Stasispitzel Ditzsche oder die halbstarken Dorfnazis Suzi und Lada. Diese kauzigen Typen, die noch funktionierten, wenn sie jemand bräuchte, treffen sich jetzt in Ullis Garage, »weil nirgends sonst Sitzgelegenheiten und Lüge und ein Kühlschrank so zusammen kommen, dass es für die Männer miteinander und mit Alkohol schön und gleichzeitig nicht zu schön ist.«

Einsamkeit ist ein großes Thema in Fürstenfelde, wo selbst den alten Gedenkstein am Sportplatz eine Aura der Verlassenheit umgibt. Einst wurden an ihm »Namen und Hoffnungen« angeschlagen, erst Kronprinz Wilhelm, dann Bismarck, kurz auch mal Hitler und zuletzt Ernst Thälmann. Jetzt steht er ohne Gedenktafel da, von vier ungenutzten Löchern perforiert, in einem davon eine Zigarettenkippe. Man wundert sich nicht, dass selbst die Verwalterin des Heimatarchivs Johanna Schwermuth die Kümmernis im Namen trägt. Sie hat auch allen Grund dazu. Wir erinnern uns, die kaputte Scheibe. Und »wenn bei uns irgendwo ein Fenster eingeschlagen wird und offen steht, dann haben wir mehr Angst vor dem, was entkommen sein könnte, als vor dem, der vielleicht eingestiegen ist.«

Die Grundlagen dieser empathisch warmen, heiter melancholischen, wechselhaften und immer wieder überraschenden Erzählung hat sich Saša Stanišić in den Heimatmuseen und Kirchenarchiven von Fürstenberg und Fürstenwalde, Fürstenwerder und Prenzlau angelesen, um daraus die zwischen zwei Seen gelegene Ortschaft Fürstenfelde zu konstruieren, die einstmals sogar Stadtrecht hatte. Das ist lange her, inzwischen ist die Einwohnerzahl nicht nur »ungerade«, sondern auch permanent »sinkend«. Die paar jungen Leute, die geblieben sind, kennen sich, »seit ihre Väter sie vor ihrer Geburt verlassen hatten«, und jenen, die dem Dorf untreu werden, ergeht es wie den drei Töchtern des Elektriker-Tischlers Eddie: »eine geschieden, eine bei dm, eine hat einen Sohn mit Lerndefizit, und wir empfinden keine Schadenfreude.«

Nein, Schadenfreude empfinden wir mit den Figuren des Romans zu keinem Zeitpunkt. Auch Bedauern wäre eine völlig falsche Assoziation. Sie berühren uns, vom ersten Moment an wachsen uns diese unvollkommenen und ramponierten Charaktere ans Herz. Vielleicht weil sie uns so ähnlich sind, vielleicht aber auch, weil Stanišić ihnen in seiner empfindsamen und sensiblen Charakterisierung all die Würde zurückgibt, die ihnen in den Wenden des Lebens genommen wurden.

»Omne solum forti patria est. Dem Starken ist jeder Ort Heimat.« Dieser Satz aus dem Roman gilt vor allem für Saša Stanišić selbst, der sich jahrelang in Geschichte und Menschen der Uckermark versetzt hat, um diesen Roman zu schreiben. In der Zeit ist sind ihm die Region ein Zuhause und ihre Bewohner eine Familie in seinem Herzen geworden, wie er in seiner kurzen Dankesrede in Leipzig einräumte. Die Belastung des ewigen Migrantentums, die ihm einige überstülpen wollen, hat er mit diesem Rokman abgeworfen und beweist, dass er zu den Starken gehört, denen jeder Ort Heimat ist. In diesem Sinne ist Vor dem Fest ein Heimatroman. Einer der besten, der hierzulande je erschienen ist. Und wir Leser sind bewegt ob dieser Geschichten, von denen wir erst durch Saša Stanišić erfahren, dass wir sie haben.

Stanii_SVor_dem_Fest_142976Saša Stanišić: Vor dem Fest

Luchterhand Verlag 2014.

320 Seiten. 19,99 Euro.

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