»Ich habe mal neunzig Leute mitgebracht«

Spaziergang-5

Saša Stanišić löste mit seinem Uckermark-Epos Vor dem Fest, mit dem er im letzten Frühjahr den Leipziger Buchpreis gewann, einen wahren Hype auf die »Toskana des Nordens« aus, wie der Landstrich rund um Prenzlau auch liebevoll genannt wird. Rund 25 Kilometer südöstlich von Prenzlau liegt die 800-Seelengemeinde Fürstenwerder, die dem in Bosnien geborenen Autor als Vorlage für seinen fiktiven Sehnsuchtsort Fürstenfelde diente, in dem sich in der Nacht vor dem Annenfest die Ereignisse überschlagen. Beim »Wortgarten«-Festival am Wochenende führte Stanišić zum ersten Mal durch das Dorf, knapp einhundert Interessierte kamen. Das Protokoll einer Ortsbesichtigung.

Überwältigt von so viel Andrang räumt der in Hamburg lebende Autor ein, dass er etwas Bauchschmerzen habe, denn er könne die Erwartung, Fürstenfelde zu zeigen, nur enttäuschen; schließlich befindet man sich in Fürstenwerder; sein Fürstenfelde eine Fiktion. Er werde deshalb oft in die Leere zeigen und sagen, dass dort dieser Ort zu sehen sei oder sich jene Begebenheit zugetragen habe. Literatur ist eben vor allem die Imagination der Wirklichkeit.

Der Rundgang durchs Dorf startet an der Pension Alte Molkerei wo der Autor immer Quartier bezogen hat. Im Roman kommt die Unterkunft auch vor, an ihr steht der einzige Zigarettenautomat in Fürstenfelde, den Herr Schramm erst erschießt und dann mit einem Traktor ausreißt, weil er nicht funktioniert. Stanišić liest aus dem entsprechenden Kapitel und als er an der entscheidenden Passage ankommt, ruft er laut, dass man dort an der Hauswand den beige-schwarzen Zigarettenautomaten ja gut sehen könne. Wie zu erwarten steht dort kein Zigarettenautomat, amüsiert ist die Menge ob dieser umgehend angewandten, wenngleich angekündigten Täuschung dennoch.

Es geht weiter zu einem der beiden stillgelegten Bahnhöfe von Fürstenwerder, der vor Jahren einmal die Nord-Süd-Achse bedient haben muss. Hier bekommen die Besucher eine exklusive Passage aus dem unveröffentlichten Manuskript zu Gehör, in dem die Rolle der beiden Bahnhöfe für ein Dorf wie das fiktive Fürstenfelde reflektiert wird. Züge fahren durch, lassen etwas da, nehmen etwas mit – es ist der Wind der Geschichte, den sie hinter sich herziehen und der so auch diesen vergessenen Ort erreicht.

Am Bahnhof erzählt Stanišić, wie es dazu kam, dass er in seinem Roman auch eine Fähe auftreten lässt. Als er in einer der ersten Nächte erkunden wollte, was nachts in Fürstenwerder so los ist – »natürlich nichts«, lacht er –, lehnte er sich an sein Auto und sah, wie ein Fuchs auf ihn zu lief. Er sah dem Tier in die Augen, dieser ließ sich davon nicht beeindrucken und blieb stehen. »Da sagte ich mir, okay, Du kommst hier rein.«

Es geht weiter an den Ortsrand, von dem man den Kieker sehen kann, in dem die Fähe lebt. Wendet man den Blick in die andere Richtung, dann erblickt man zwei in die Jahre gekommene Blöcke. »Irgendwo bei den Neubaublöcken dahinten könnte Ullis Garage stehen«, scherzt Stanišić, wissend, dass alle diesen magischen Ort von Fürstenfelde sehen wollen, wo »Sitzgelegenheiten und Lügen und ein Kühlschrank so zusammenkommen, dass es für die Männer miteinander und mit Alkohol schön und gleichzeitig nicht zu schön ist.«

Bis zum Schluss wird man diesen Ort nicht finden, wenngleich er im Dorfzentrum zwischen dem Raiffeisenmarkt und der Gaststätte Alter Bahnhof sein könnte, wo die literarische Pilgerfahrt kurz Station macht, bevor sie von der Hauptstraße abbiegt zum kleineren der beiden Seen, dem Dammsee. Am Gedenkstein vorbei geht es zu der Stelle, wo in Fürstenwerder kein Durchkommen durch das Schilf ist, die Fürstenfelder Malerin Anna Kranz eines nachts aber dennoch in den See gegangen sein soll.

Immer weiter zieht die Menge auf ihrer literarischen Dorfbegehung, abwechselnd widmet sich Stanišić den zahlreichen Fragen seinen lesenden Pilgern. Die Pilgerreise erreicht den Großen See, wo der Fährmann einstmals die Bewohner Fürstenfeldes zu den Werdern übergesetzt hat. Doch wie man weiß, ist der Fährmann tot, er stirbt bereits mit dem zweiten Satz des Romans. Für die traurigen Bewohner des fiktiven Dorfes sind die vorgelagerten Inseln nun unerreichbar, es sei denn, sie haben selbst ein Boot oder sind eines, wie es im Roman heißt.

Von hier passiert die Gruppe Nettis Späti und die Bäckerei Ihlenfeldt, bis sie an Annett Schröders Töpferei Station macht. Diese alte, mit Freunden und dem Dorf renovierte Schmiede diente dem Autor als Vorlage für die Keramikwerkstatt von Frau Reiff. Als Stanišić mit seinem Gefolge unangekündigt hier einfällt, ruft der Keramikkünstlerin lachend entgegen: »Hallo Annett, ich habe mal neunzig Leute mitgebracht.« Hier liest er das kurze Porträt von Frau Reiff, die »Windmühlen genauso schön [findet] wie wir und Windräder genauso hässlich«. Man braucht bei diesen Zeilen nur in das selbstversunkene Schmunzeln von Annett Schröder blicken, um zu erfahren, dass hier nicht nur ein echter Ort, sondern auch eine echte Person Eingang in den Roman gefunden hat.

Die letzte Station dieser kurzweiligen und vergnüglichen Tour de Fürstenwerder mit Saša Stanišić sind die Heimatstuben des Ortes, die einen Steinwurf von Fürstenwerders Buchhandlung und Antiquariat, betrieben von dem emsigen Nils Graf, liegen und im Haus der Heimat von Fürstenfelde verewigt wurden. Keine weitere Lesung, stattdessen eine Empfehlung; und zwar, die darin gezeigte Dauerausstellung zu besuchen, will man etwas über dieses weltvergessene Örtchen und seine Bewohner erfahren. Hier findet man auch die Bilder des 90-jährigen Fürstenwerder Malers Andreas Kranzpiller, der in dem echten Dorf die Rolle einnimmt, die Frau Kranz in dem fiktiven vorbehalten ist.

3 Gedanken zu “»Ich habe mal neunzig Leute mitgebracht«

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