Sinnlichkeit statt Sinn

Nominierungen_Sachbuch

So bunt war die Nominierungsliste für den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse schon lange nicht mehr. Von der Pferdestudie über die kulinarische Reise und die biografische Annäherung bis hin zur klimapolitischen Kampfschrift ist alles dabei. Alles in allem scheint bei der Auswahl eher die Flucht aus als die Konfrontation mit der Welt leitgebend gewesen zu sein. Für unseren Autor trotz einiger lohnenswerter Lektüren ein schlechtes Zeichen.

Ein Vierteljahrhundert nach Ende der Geschichte finden wir uns in einer ungeordneten und wilden Welt wieder. Es herrscht Krieg, nicht weit weg, sondern vor unserer Haustür. In diesen Zeiten erscheint Europa als »das gelobte Land«. Menschen aus Afghanistan, Eritrea, Irak und Syrien fliehen hierher, stoßen dabei aber auf die wieder errichteten Grenzen von subjektivem Nationalismus und nationalstaatlichen Egoismen. Die Europäische Union, diese »ever closer union«, desintegriert sich zusehends. Deutschland durchzieht ein tiefer Graben: Auf der einen Seite stehen jene, die mit der Bundeskanzlerin ein trotziges »Wir schaffen das!« von sich geben, auf der anderen Seite jene, die gerne wieder in jener Welt leben wollen, die mühsam und unter Schmerzen überwunden wurde.

In diesen Zeiten wären Bücher gefragt, die uns Schneisen durch die Unvernunft der Welt schlagen. Bücher, die die Welt nicht besser machen, sie uns aber ein wenig erklären. Die Auslobung des diesjährigen Preises der Leipziger Buchmesse 2016 für Sachbuch/Essayistik wäre die ideale Gelegenheit, jene Autor*innen auszuzeichnen, die mutig genug sind, diese Lichtungen der Erkenntnis zu schlagen. Man hatte auf Nominierungen in der Qualität des letzten Jahres gehofft, als mit Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent von Philipp The (hier zu unserer Rezension), Der Souveränitätseffekt von Joseph Vogl (hier zu unserer Rezension), Der lange Sommer der Theorie von Philipp Felsch (hier zu unserer Rezension) oder Mythos Redemacht von Karl-Heinz Göttert gleich vier sehr politische Werke auf der Liste der besten Sachbücher landeten. Mit Die Ordnung der Welt von Ronald Menzel hätte eine großartige Studie über die Vergangenheit und Zukunft unseres Globus bereit gestanden. Buch und Autor wurden jedoch nicht nominiert.

Ribbat_Bauch der Moderne

Christoph Ribbat: Im Restaurant – Eine Geschichte aus dem Bauch der Moderne. Suhrkamp Verlag 2016. 228 Seiten. 19,95 Euro

Statt Sinn stand dieses Jahr die Sinnlichkeit im Vordergrund. Etwa bei Im Restaurant – Eine Geschichte aus dem Bauch der Moderne von Christoph Ribbat. Warum es dieses Buch auf die Bestenliste geschafft hat, wird der Weisheit der Jury vorbehalten zu sein. Ribbats Werk ist eine Compilation von Storys, die irgendetwas mit Locations zu tun haben, wo gekocht, gegessen und getrunken wird. Gepflegter Anekdotismus am Stammtisch der kulinarischen Wissenschaft. Doch, doch, man lernt etliches und unterhaltsam sind die Geschichten aus dem Bauch der Moderne. Gut geschrieben sind sie ebenfalls. Das erste Sachbuch, in dem der Cliffhanger als stilistisches Mittel zur Aufführung kommt.

Was Christoph Ribbat uns aber mit all diesem sagen möchte, bleibt unbestimmt bis vage. Die biographischen Notizen einer Frances Donovan, eines George Orwell, eines Alexandre Balthazar Lauren Grimod de la Reynière, Joseph Roth, Nicola die Camillo und Janina Schmitt, Barbara Ehrenreich und Günter Wallraff blinken auf und verstrahlen schnell. Es ist ein analyse- und deutungsfreies Buch, wie Ribbat selber vermerkt, eine Aneinanderreihung von »Einzelfällen, die nur möglicherweise repräsentativ sind«.

Der Paderborner Kulturwissenschaftler versteht sich als Flaneur durch den Kosmos der Küchen, als teilnehmender Beobachter unter Köchinnen und Gastronomen, Kellnern und Bedienungen, Gourmets und Gourmands. Und leider ist die Essenz seines Buches so dürftig wie seine Methodik: »Im Restaurant, an einem Brennpunkt der Moderne, erhitzen sich Erfahrungen. Der Körper arbeitet und genießt auf besonders tief empfundene Art. Begeisterung, Ekel, Freude, Hektik, Gefühle des Dazugehörens und der Exklusion wirken hier stärker als anderswo. Um diese Intensität lebendig zu machen, wurde einiges an methodischer Raffinesse geopfert. Das Material musste noch fast roh auf den Tisch.« Dies klingt wie eine intellektuelle Kapitulation. Es ist eine.