»Eine Sprache, die in Formen gebunden ist«

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Die literaturWERKstatt Berlin ist eine Institution für die Kunst der Poesie. Zum 25-jährigen Jubiläum im September erhält das Haus einen neuen Namen und organisiert die erste Berliner Rede zur Poesie. Gründungsdirektor Thomas Wohlfahrt erklärt die Motive des Namenswechsels, erläutert die Ausrichtung des künftigen Hauses für Poesie und spricht über den Sinn der Lyrik in unserer Zeit.

Der bisherige Name »Literaturwerkstatt Berlin« ist nach 25 Jahren etabliert und fest verbunden mit renommierten Veranstaltungen wie dem poesiefestival oder dem Open Mike. Was versprechen Sie sich von einer Umbenennung des Hauses?

Mit der Umbenennung ziehen wir die Konsequenz unserer Arbeit und der neue Name spiegelt das, was wir machen. Wir beschäftigen uns seit Jahren fast ausschließlich mit Poesie und haben wichtige Strukturen und Formate dafür aufgebaut. Das poesiefestival berlin nannten Sie bereits. Lyrikline gehört dazu. Es ist die netzbasiert weltgrößte Plattform zeitgenössischer Poesie. Über 1.000 Dichter*innen sind dort zu lesen, in Originalstimme zu hören und Dank über 15.000 Übersetzungen in immer mehr Sprachen zu verstehen. Durch lyrikline kann Dichtung aus unserem Land international wieder wahrgenommen werden. Das war beinahe nicht mehr vorhanden. Umgekehrt kann Dichtung aus aller Welt mittels dieses Mediums auch im Deutschen rezipiert werden. Mit dem ZEBRA Poetry Film Festival ist das weltgrößte Festival zum Poesiefilm entwickelt worden. Der Poesiefilm ist so alt, wie das Filmemachen selbst, kam aber erst zur Entfaltung, seit der Computer in unsere Wohnzimmer einzog. Dank dieser technischen Revolution kann der Film dem Gedicht nun strukturell antworten, nämlich von jetzt auf gleich zu switchen von Realität in Virtualität, Spiritualität etc. Das sind nur Beispiele unserer Poesie-Projekte.

Die Umbenennung ist ein klares Statement zur Poesie als einer eigenständigen Kunst und zu ihren Akteuren; den Dichter*innen und Übersetzer*innen. Landesweit leben die meisten von ihnen in Berlin, auch wichtige, vor allem kleine Verlage, die sich der Kunst der Dichtung widmen, sind in Berlin ansässig.

Dass der Regierende Bürgermeister die neue Einrichtung im Berliner Rathaus begrüßt, ist ebenfalls eine deutliche Wertschätzung an die Kunst der Sprache. In der Tat ist das Haus für Poesie deutschlandweit die einzige staatlich finanzierte Einrichtung, die sich ausschließlich dieser Kunst verschrieben hat, und diese Einrichtung steht in Berlin.

Wird die Umbenennung auch Auswirkungen auf das künftige Programm haben? 

Ja, natürlich. Ein paar Beispiele: Es ist immer toll für Dichter*innen und Veranstalter, wenn zur Veranstaltung viele Kolleg*innen kommen. Es gilt aber, mehr Leute für eine der ältesten Kulturtechniken der Menschheit zu erreichen und dafür zu begeistern, die Welt durch in Form gebundene Sprache zu durchdringen. Die Dinge mal anders zu benennen als gewöhnlich, öffnet Augen, Hirn und Herz. Es gilt, Kulturelle Bildung für alle Generationen auszubauen. Jedes Museum, jedes Theater, jedes Konzerthaus hat seine Besucherpädagogik. Ja, wir brauchen die Feuerwerke der Festivals, aber viel mehr brauchen wir auch langfristige Projekte und die kontinuierliche Arbeit das ganze Jahr hindurch.

UND: Ein Gedicht zu übersetzen gilt als Königsdisziplin allen Übersetzens. Das wird noch stärker ins Zentrum unserer Arbeit treten. Geht es doch darum, dafür zu sorgen, dass Dichtung aus unserem Land wieder stärker in anderen Sprachen erscheint, wie umgekehrt mehr dichterische Zeugnisse aus aller Welt in unserer Sprache gelangen.

UND: Es gilt, eine Mediathek zur Poesie aufzubauen. Beginnen könnte man mit einer Art digitalem »Fundbuch«, das erst einmal nur listet, wo findet sich welches Zeugnis welchen Dichters. Dabei geht es auch um Bücher, viel mehr aber um Ton- und Filmaufnahmen, die in Archiven von Rundfunk-/Fernsehanstalten schlummern, es geht um digital Poetisches; um digitale Poesie. In digitalen Zeiten muss man nicht mehr besitzen, aber man muss Verfügbarkeit herstellen. All das ist brachliegender gesellschaftlicher Reichtum. Es gilt ihn zu heben!

Ist die Namensänderung Teil Ihrer Kampagne für ein »Deutsches Zentrum für Poesie«?

Ein kräftiges Jaein… Bereits bei unseren Nachbarn, in Niederlanden/Flandern kann man sehen, was ein poéziecentrum, mit Sitz in Gent, für eine Sprache und deren Kunstform, die Poesie, zu leisten in der Lage ist. Das erfordert eben den politischen Willen. Wichtig ist, dass auch die Dichtkunst der Rezipienten bedarf, sie will zu den Menschen, und die sind überall und nicht nur an einem Ort. Wir freuen uns über jedes Mehr an Veranstaltung, an Publikation in welchem Medium auch immer, über jedes Stipendium, das an einen Dichter*in gegeben wird, über jeden Preis. Es gilt aber, deutlich zu machen und Strukturen dafür aufzubauen, dass jede Kunst, auch die Poesie, eigenen Gesetzmäßigkeiten folgt. Nur wenn das bedacht wird, wird sie als Kunst ernst genommen. Hier sind wir noch sehr in den Anfängen. Zum Beispiel gehört zu jedem Gedicht seine Tonspur. Es will gelesen UND gesprochen bzw. gehört werden. In unseren Publikationen, den VERSschmuggel-Bänden zum Beispiel, kann ich mit meinem Handy und dem gedruckten QR-Code die Stimme des Dichters beim eigenen Lesen dazu holen.

Seit Jan Wagners Triumph in Leipzig und Nora Gomringers Auszeichnung bei den Bachmanntagen 2015 scheint die deutschsprachige Poesie doch wachsende Anerkennung zu genießen. Ist das auch Ihr Eindruck oder liegt der Kritiker hier einem Irrtum auf?

Naja, Nora Gomringer hat den Preis für eine Prosaarbeit bekommen, nicht für ihre Gedichte. Natürlich freuen wir uns mit Jan Wagner über seinen Leipziger Buchpreis. Dass soviel darüber verwundert geredet wird, zeigt, dass die Zeit reif ist und Menschen in der Kunst der Dichtung für sich etwas entdeckt haben. Wenn aber wirklich etwas bewegt würde, würden wir z.B. über einen eigenständigen Preis für Poesie reden, hätten wir längst eine eigenständige Stipendienstruktur für Dichter*innen, würde es längst eine Debatte geben über adäquate Publikationsformen, Förderstrukturen, die Rolle und Aufgaben der öffentlichen Medien, über entsprechende Ausbildungsprogramme für Lehrer*innen, Student*innen usw. Hier gilt es gehörig Staub zu wischen… Endlich eine adäquate Finanzierung für Dichter*innen und Übersetzer*innen hinzubekommen, ist eine der großen Herausforderungen.

Mit der Umbenennung wollen Sie auch die »Berliner Rede zur Poesie« ins Leben rufen, um das Nachdenken »über die Rolle, Funktion und Wirkung der Poesie in unserer Zeit« anzuregen. Wie steht es um die deutschsprachige Poesie in Berlin und welche Rolle spielt die Internationalisierung der Stadt?

Ich kalauere: »In Berlin ist die Dichte der Dichter am dichtesten«, bezogen auf Deutschland, und auch immer mehr Dichter*innen aus aller Welt leben in Berlin. Dieser Umstand ist vergleichbar mit den anderen Künsten, das macht die Stadt bunt und lebendig. Berlin als Stadt für die Künste hat ihren Ruf auch, weil es immer mehr Dichter*innen in hier gibt.

Mit Oswald Egger haben Sie einen renommierten Lyriker für die erste Rede gewinnen können. Können Sie schon einen Einblick geben, worüber er reden wird?

Über das Anfangen. Ein jeder von uns kennt es, dass konzentriert am Zustandekommen eines wichtigen Briefes, eines Textes zu arbeiten, einhergeht mit Suchbewegungen beim Finden adäquater Sprache und Formulierungen. Dieses Umgehen mit der eigenen Sprachnot geschieht in der Regel unreflektiert. Egger erkundet diesen Prozess, und wir erleben (s)ein lustvolles Arbeiten unter Qualen am ersten Wort… und manches mehr.

Sie haben über Ihr Programm viel Kontakt zum Nachwuchs. Welche Eindrücke sammeln Sie dabei? Was beschäftigt die jungen Lyrikerinnen und Lyriker?

Lyrik hat generell kein Thema. Ein Kritiker hat jüngst formuliert, dass die Zeit der -ismen einer Zeit der -ichmen gewichen sei. Geblieben aber ist die Lust und die Not, sich selbst sehr persönlich und verhaftet in einem ungeheuren Pool vorheriger ästhetischer Erfahrungen zu Wort und zum Ausdruck zu bringen, und das in einer Welt, die »Hier und Heute« heißt: Dass Erkenntnisorgan für alles ist unser Hauptkommunikationsmittel, die Sprache, aber eine Sprache, die in Formen gebunden ist, und deshalb als »schön« wahrgenommen wird. In jeder Sprache dieser Welt wird man das Gedicht erkennen als ein Gebilde aus Sprache, die anders ist als die des Alltäglichen oder politisch getöteter Sprache, die nicht einmal mehr informiert.

Wenn Sie jeweils einen Wunsch frei hätten für das Haus und die Berliner Lyrikszene, worin bestünde dieser?

In Berlin lebende Dichter*innen haben mit geflüchteten Kollegen*innen aus Syrien, Jemen, und Iran gegenseitig übersetzt. Diesen Prozess haben wir gesteuert, und die Ergebnisse kommen beim großen Hoffest zur Poesie am 17. September zum Vortrag. Davon wünschte ich mir mehr und dass die in eigener Sprache verhaftet bleibenden Dichter*innen künftig mehr miteinander in Austausch treten, indem sie gemeinsam auftreten. Dieses Ansinnen wollen wir gern forcieren.

Die Stimmung ist zurzeit günstig für Poesie. Daran haben wir durch unsere Arbeit der letzten 25 Jahre wohl einen Anteil. Ich wünsche mir, dass unsere Umbenennung in Haus für Poesie Fanal dafür sei, nicht nachzulassen in den Bemühungen, sich zur Kunst der Dichtung nicht nur in Sonntagsreden zu bekennen, sondern tatsächlich durch Auf- und Ausbau von Strukturen ihrer Wertschätzung. Gedichte sind kleine Kraftwerke, und Dichtkunst ist Ausdruck hoher Sprachkultur und Sprachkunst vom Feinsten. Jede darüber ins Gespräch gebrachte Kritik an vorgefundener Sprache ist immer auch Kritik an gesellschaftlichen Verwerfungen und damit ein erster Schritt zur Veränderung.

Herr Wohlfahrt, wir bedanken uns herzlich und wünschen Ihnen und dem Haus für Poesie viel Erfolg. 

Alle Informationen und das Programm zum 25-jährigen Jubiläum der literaturWERKstatt und der Umbenennung in Haus für Poesie finden Sie hier.