Der Traum vom Fliegen

„Şahlûr-33“ von Dûrzan cîrano - Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons

Norbert Scheuer schlägt mit »Die Sprache der Vögel« ein weiteres Kapitel in seiner Geschichte der Arimonds auf. Er setzt in seinem in Afghanistan angesiedelten Roman der Sinnlosigkeit des Krieges die Schönheit der Natur entgegen und erzählt von der Sehnsucht, den Dingen entfliehen zu können.

Das Afghanistan im kollektiven westlichen Gedächtnis ist ein Land der Trümmer und Wunden, in dem der fundamentalistische Islam das langsame Gesunden einer Gesellschaft verhindert. Es ist ein Land, an dessen höchstem Gebirge die westliche Zivilisation ihre Werte verteidigt, das sich der Westen mit Klischees und allbekannten Antworten zurechtgelegt hat.

Von diesem Afghanistanklischee haben deutsche Autoren offenbar die Nase voll. Da ist zum einen der bayerische Autor und Kulturstadtrat Steffen Kopetzky, der die Leser seines historischen Abenteuerromans Risiko wie ein moderner Karl May in den Nahen Osten vor einhundert Jahren entführt (demnächst mehr an dieser Stelle zu diesem aufregenden Buch). Zum anderen ist da der in der Eifel ansässige Schriftsteller Norbert Scheuer, dessen für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierter Roman Die Sprache der Vögel mit seinen wunderbaren Naturbeschreibungen nicht zufällig an die Romane von Henry David Thoreau erinnert. Zu den großen Begabungen dieses Hobbyschreibers – im Hauptberuf ist Scheuer Programmierer für ein großes deutsches Telekommunikationsunternehmen – gehört die Kunst der gleichermaßen bildhaften wie poetischen Veranschaulichung.

In seinem meist in leisen Tönen empfindsam erzählten Roman folgt man den Aufzeichnungen des Bundeswehrsanitäters Paul Arimond, der, eingesperrt in ein festungsähnliches Militärlager, den Himmel und die Ufer eines nahegelegenen Sees nach seltenen Vogelarten absucht. Dabei entdeckt und dokumentiert er begeistert das Verhalten von Kaschmirschwalben und Rotflügelgimpels, Weißkopfschmätzern und Rotstirngirlitzen, Moabsperlingen und Bienenfressern, Wanderfalken und Wiedehopfen. Am Ende wird er fast 150 Vogelarten entdeckt und studiert haben; und der Leser ein Afghanistan kennengelernt, von dem er bisher kaum etwas wusste.

Der Roman spielt in den Jahren 2003 und 2004, also noch zu Beginn der immer noch andauernden Afghanistanmission der deutschen Bundeswehr. Arimond ist einer derjenigen, die dem Aufruf Peter Strucks gefolgt sind und als freiwillige Rekruten die Sicherheit Deutschlands am Hindukusch verteidigen. Sein Motiv, nach Afghanistan zu gehen, scheint aber ein anderes zu sein. Über parallel erzählte Einschübe erfährt man, dass vor seiner Abreise etwas vorgefallen sein muss. »Wieso kommen mir hier wieder diese Dinge ins Gedächtnis, wo alles so unerreichbar weit entfernt ist und es besser wäre, alles zu vergessen?«, heißt es im Roman. Das Vergessen will sich aber nicht einstellen, also muss sich Paul auseinandersetzen; mit den Ereignissen, die seine Freundin Theresa und seinen besten Freund Jan betreffen, aber auch mit der gescheiterten Ehe seiner Eltern. Sein Heimatdorf Kall trägt er quasi im emotionalen Gepäck mit sich herum. Insofern bleibt Scheuer, in dessen Romanen die Eifel einen festen Platz hat, auch in diesem Roman seiner Linie treu.

In der Schilderung der Vater-Sohn-Beziehung setzt sich eine Familientradition fort, in der möglicherweise das zweite Motiv von Pauls Flucht nach Afghanistan liegt. Denn vor ihm soll bereits sein Ururgroßvater Ambrosius am Hindukusch gewesen sein. Das ist allerdings schon über 250 Jahre her. Anno 1776 hat dieser angeblich die Eifel gen Italien verlassen, um von Venedig über das östliche Mittelmeer und die Seidenstraße bis ins heutige Afghanistan zu reisen. Als er 1789 zurückkommt, tobt die französische Revolution.

Von der Reise und den Verhältnissen der Zeit liest man ebenso wenig (hier muss der interessierte Leser dann doch 150 Jahre überspringen und zu Kopetzky greifen) wie von dem kriegerischen Alltag (der nur am Rand ab und an aufleuchtet). Aber man erfährt, dass sich dieser Ambrosius nicht nur in die sich ihm präsentierende »neue Welt« mit ihren »paradiesischen Thälern« und »vielerlei Himmeln, die sich in ihrer Schönheit gegenseitig übertreffen« verliebt hat, sondern auch, dass er hier einem besonderen Interesse nachgegangen ist, der Ornithologie. Er soll auf seiner Reise die universelle Sprache der Vögel, diese »Welt magisch klingender Töne, Zeichen und Bedeutungen«, entschlüsselt und in einer selbst erdachten Sprache festgehalten haben. Leider sind seine Aufzeichnungen verloren gegangen.

Paul Arimond, der nun Teil der am Rand in kleinen, eindringlichen Szenen eingefangenen deutschen Afghanistan-Mission ist, wagt einiges, um das »kryptische Alphabet« seines Urahns an vermeintlich identischer Stelle zu rekonstruieren. Jede freie Minute verbringt er damit, die Ornis rund um das Bundeswehrlager aus der Ferne und der Nähe zu erkunden. Seine Beobachtungen ergänzt er um die mit starkem Kaffee gezeichneten Vogelbilder (im Buch in transparenter Leichtigkeit von Norbert Scheuers Sohn Erasmus umgesetzt).

Die Sprache der Vögel lebt von den poetischen Naturbeschreibungen und der die Handlung kunstvoll in die Höhe tragenden Vogelmetapher, die Norbert Scheuer in zahlreichen Formen zur Entfaltung bringt. Man kennt dieses Vorgehen bereits von seinem Vorgängerroman Überm Rauschen, mit dem er es 2009 auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis geschafft hat. In diesem diente das Rauschen am Wehr unterhalb des Elternhauses des Erzählers als Sinnbild für die verschüttete und davongetragene Familiengeschichte.

In der nun zur Anwendung gebrachten Vogelmetapher konfrontiert er die kriegerische Realität mit der überwältigenden Natur. Statt von Hubschraubern, Drohnen und Raketen werden die Lüfte in diesem Roman von Flügelschlägen und Vogelstimmen dominiert. Je weiter man sich aber von dem Blau des Himmels weg und auf die Personen zubewegt, desto näher rücken die Parallelen zwischen den Vögeln und den Protagonisten. Die Vögel werden zu Schicksalsgefährten der Militärs, weil sie »wie wir Fremde in diesem Land« sind. In ihrer Fähigkeit, sich in die Lüfte zu erheben, leuchtet nicht nur die menschliche Sehnsucht zu fliegen auf, sondern auch die der Arimonds, der eigenen Geschichte entkommen zu können. Doch so wie Vögel am Horizont aus dem Blick geraten, aber niemals verschwinden, wird Paul seine biografischen Schatten nicht los. Sie werden zu dem Verschwundenen, das anwesend bleibt.

»Vielleicht ist so die Wirklichkeit, die wir nie begreifen werden, vielleicht gibt es aber auch Momente, in denen wir Dinge verstehen, ohne sie zu kennen«, sinniert der Erzähler in diesem wie das Gefieder eines Vogels schimmernden und glänzenden Roman, in dem nahezu alles in das Zwischenreich der Schwebe gerät, in dem wir die Dinge nicht kennen, aber dennoch verstehen.

In das lautmalerische Bild der zwitschernden Vögel lässt sich auch eine hoffnungsvolle Zukunft Afghanistans hineindeuten. Die Sprache der Vögel schiebt sich in diesem Roman unablässig vor die sinnlose Gewalt und lässt vor unserem Auge ein anderes Afghanistan entstehen. Dieses Afghanistan ist immer noch das der ausgebrannten Sowjetpanzer und des zerbombten Regierungspalastes am Rande Kabuls. Aber in dessen Garten blühen hier schon die Aprikosen-, Pfirsich- und Pflaumenbäume. Und die Vögel, die diesen Garten unsichtbar bewohnen, sind über seine Mauern hinweg zu hören. Mit ihnen hallt dieser leise, aber intensive Roman in uns nach.

9783406677458_coverNorbert Scheuer: Die Sprache der Vögel

Verlag C. H. Beck 2015

238 Seiten. 24 Abbildungen. 19,95 Euro.

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