„Das sind schon sehr wilde Verhältnisse“

Kathrin-Röggla-Web

Wie ist Ihr aktueller Erzählungsband entstanden?

»Nachtsendung« ist nach zwölf Jahren intensivster Recherche, vor allem für das Theater, entstanden. Es ging dabei um Dolmetscher, politische Konferenzen und das Leben des internationalen Personals. Vieles von dem, was ich gesammelt habe, stand für sich. Ich wollte das aber verbinden, eine Art Kartografie erstellen. Das war die Grundidee des Buches. Ich dachte erst, es wird eher dystopisch werden, bis ich gemerkt habe, dass mir das zu abgeschlossen ist. Ich wollte ein offenes System haben und bin auf das Motiv des Unheimlichen gestoßen. So ist es dann zu den »Unheimlichen Erzählungen« gekommen, die im Untertitel stehen.

Haben Sie zwölf Jahre lang gesammelt und dann am Stück geschrieben? Oder entstehen bei Ihnen die Texte im Laufe des Prozesses? Angesichts der Kürze der Erzählungen könnte man meinen, Sie hätten wenig Zeit zum Schreiben und daher schnell geschrieben.

Das täuscht. Viele Texte sind extrem verdichtet, entsprechend lang habe ich an ihnen gearbeitet. Grundsätzlich arbeite ich nicht mit einem jahrelangen Rechercheblock. Vielmehr ist mein literarisches Schaffen ein ständiges Hin und Her, ein Pingpong zwischen Recherche und Schreiben. »Nachtsendung« fußt auf anderen Texten und Stücken, die innerhalb von vier, fünf Jahren entstanden sind und sehr ruhig entwickelt wurden.

Die thematische Fülle ihrer Erzählungen ist erschlagend. Es geht um Arbeit und Wohnen, Krankheit und Erziehung, Armut und Reichtum, Gegenwart und Geschichte, mediale Zerstreuung und »Sex in Tüten«. Sie handeln von Fluchtkapital, Minority-Report-Autos und der Abkehr vom Scheinhumanismus. Die Handlungsorte reichen dabei von Marokko bis Neukölln. Nichts steht hier für sich, alles hängt miteinander zusammen. Wenn man so will, ist die Erzählungssammlung »Nachtsendung« ein Abbild der Komplexität der Moderne, in der sich auch immer wieder die Systemfrage stellt. Ist es möglich, ein richtiges Leben im falschen System zu führen?

Nein, natürlich nicht. Es gibt Versuche, die alle mehr oder weniger schlecht funktionieren, aber mehr als Versuche sind es eben nicht. Ich merke das an meinem eigenen Dasein als Schriftstellerin, wie sich das Berufsbild unter dem Eindruck des Neoliberalismus verändert hat. Gerade ich bin da kein gutes Beispiel für das richtige Leben im falschen System. Als freier Journalist werden Sie damit ja auch Ihre Schwierigkeiten haben.

Ja natürlich, man ist dem ausgesetzt und muss einen Umgang damit finden. Welchen Weg haben Sie dabei für sich gefunden?

Es ist halt ein ständiger Kompromiss. Ich baue selbst immer eine Art Gegenstromanlage ein, etwa indem ich meine Bücher nicht schnell herunterschreibe. Es gibt viele Dinge in meiner Arbeit, die überhaupt nicht der wirtschaftsliberalen Effizienz entsprechen. Und solange die noch da sind und ich das Gefühl habe, ich lerne da etwas, dann ist das für mich okay. Es gibt Grenzsituationen, wenn thematische Cluster entstehen. Aber in meiner schriftstellerischen Arbeit arbeite ich so vielseitig und unökonomisch, dass es fast schon utopisch ist. Aber all das, was sich darum herum sortiert – die Panels, das Unterrichten –, das ist schon sehr angekränkelt von der neoliberalen Logik. Ich bin aber auf dieses Drumherum angewiesen, denn ich bin keine Bestsellerautorin und kann mich nicht einfach zurücklehnen. Aber dass ich damit derart konfrontiert bin, finde ich schon wieder interessant. Ich habe meinen Kollegen Ulrich Peltzer noch im Ohr, der im Roman die widerständigste Form sieht und fordert, diesen Widerstand gegen das System zu stärken. Ich stimme dem zu, aber im Wissen, dass es an den Rändern Kompromisse gibt.

»Mich hat interessiert, Momente einzufangen, in denen sich Zeiten überlappen, Orte verschwinden und man sich seiner eigenen Identität nicht mehr sicher sein kann« | Ralf Hüls, Sascha Rathjen via Wikimedia Commons  (CC BY-SA 4.0)

»Mich hat interessiert, Momente einzufangen, in denen sich Zeiten überlappen, Orte verschwinden und man sich seiner eigenen Identität nicht mehr sicher sein kann« | Ralf Hüls, Sascha Rathjen via Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)

Das heißt, Sie schreiben gerade an einem neuen Roman?

Ja, aber ich befinde mich noch in der frühen Phase. Davon unabhängig leistet aber nicht nur der Roman Widerstand. Es geht mir um die Arbeit, die etwas Widerständiges haben muss, um die Auseinandersetzung mit der neoliberalen Ordnung und die unökonomischen Formen des Schriftstellerdaseins. Die wenigsten schreiben ein Buch nach dem anderen, von Juli Zeh oder Dietmar Dath mal abgesehen.

In den USA würden ihre Erzählungen mutmaßlich in unzähligen Zeitungen und Magazinen gedruckt, in Deutschland interessiert man sich herzlich wenig für die große Kunst der Short Story. Was läuft hier falsch? Braucht es einen gesonderten Preis dafür?

Ich weiß nicht, ich kann das schwer greifen. Und vielleicht würde ein Preis helfen. Wer weiß? Ich habe mal an einer Kulturkarawane in den Iran teilgenommen und in Isfahan sollten wir die Gesellschaft der Kurzprosaautoren treffen. Wir haben uns da alle ein wenig höhnisch ins Fäustchen gelacht. Aber dann kamen wir in eine Wohnung, wo 80 Autoren auf uns warteten. So etwas gibt es hierzulande tatsächlich nicht, der Roman ist und bleibt die Königsdisziplin. Bitter ist, was im Buchhandel und bei den Verlagen aktuell passiert. Überall besteht der Zwang, den großen Roman zu schreiben, am besten einen sehr voluminösen Roman. Da findet eine Art extreme Mainstreamisierung statt.

Welche Folgen hat das?

Die Verkäufe gehen insgesamt nach unten, also setzen die Verlage auf den einen Titel, der es dann richten soll. Bei einem großen Programm sind es vielleicht zwei Titel, aber das war es dann auch. Die anderen? Naja… Der Deutsche Buchpreis hat zudem vieles versaut, zumindest was mein Buch betrifft. Ich hatte vor der Messe eine ganz gute Resonanz, dann fokussierte sich alles auf den Deutschen Buchpreis und nach der Verleihung nur noch auf den Siegertitel. Durch solche Mechanismen verlieren wir am Ende alle.

Diese Aufmerksamkeitssteuerung nehmen im Wesentlichen die Medien vor. Ich stelle fest, dass nicht nur die anlassbezogene Kritik zunimmt, sondern dass Bücher auch oft zum gleichen Zeitpunkt, in der gleichen Wochenendausgabe der verschiedenen Medien, besprochen werden. Als gäbe es ein Rezensionskartell, in dem Kritiken abgesprochen werden.

Ich nehme das ähnlich wahr. Die anlassbezogene Kritik wird immer präsenter. Ich hatte in Berliner Zeitungen gleich zwei Home-Stories, in deren Rahmen »Nachtsendung« mit erwähnt wurde. Das finde ich schon seltsam, als müsste man etwas um ein Buch herum inszenieren.