„Das sind schon sehr wilde Verhältnisse“

Kathrin-Röggla-Web

In der Geschichte »Absolutionsgeschehen« holen sich Menschen bei einem Kneipenstammgast die Absolution dafür ab, Mieter wegen »Eigenbedarf« aus ihren Wohnungen zu klagen oder unliebsame Kitaerzieherinnen im Elternladen zu entlassen. Will tatsächlich keiner mehr ein Arschloch sein? Mein Eindruck ist eher, dass sich im Zeitalter des Individualismus jeder seine persönliche Arschlochrolle vorbehält.

Es gibt gerade hier in der Nachbarschaft Menschen, die das Gute wollen und dann doch nicht so ganz können. Sie suchen dann Mittel und Wege, das zu decken. Mir ging es darum, die Bigotterie in dem Milieu, das mich umgibt, zu entlarven. Hier leben viele Künstler, die mitunter alternativen Lebensentwürfen nachgehen, aber dennoch keine besseren Menschen sind. Das wollte ich zeigen.

Bot die sogenannte Flüchtlingskrise gesellschaftlich die perfekte Gelegenheit zur Absolution für ein Leben auf Kosten der anderen?

Ja, das hat sicher mitgespielt. Ich empfinde Unbehagen dabei, Menschen, die geholfen haben, unlautere Motive nachzusagen oder schlechtzureden. Ich hatte in der Akademie auch ein Panel mit Vertretern von Organisationen, die Flüchtlingen geholfen haben. Da tauchte genau das auf, was den Demokraten in den USA gerade vorgeworfen wird: es gibt einen klaren Fokus auf Rassismus und Genderperspektiven, die soziale Frage aber bleibt völlig außen vor. Das ist aber eben die andere Seite, die mitgedacht werden muss. Hier an der Rütli-Schule gibt es Kinder, die haben nicht einmal einen Bleistift dabei. 70 Prozent der Schüler kommen aus Haushalten von Transferempfängern. Die sind abgehängt, sich um sie zu kümmern ist nicht sexy. Es zu unterlassen ist jedoch absolut falsch. Das muss man aber zudem politisch einfordern, alleine als Helferorganisation wird man nur ein Stück weit kommen.

In Ihrem Buch taucht mehrmals der Radiojournalist Peter Wols auf, der der Erzählung »Der Wiedereintritt der Geschichte« den Gedanken vorausschickt, es sei »einfach zu laut«. Das hat mich unweigerlich an den politischen Ton denken lassen, der auch hierzulande um sich greift. Welche Bilder werden in diesem lauten, polternden Diskurs reproduziert?

Die Verschränkung, dass es nicht mehr um Inhalte, sondern nur noch um Sichtbarkeit geht, weckt bei mir die Assoziation einer narzisstischen Störung. Es sind Gesprächstechniken hoffähig geworden, die nur das Ziel haben, Menschen zu manipulieren und Interessen durchzusetzen, die nicht mehr an sachliche Argumente gebunden sind. Das sind schon sehr wilde Verhältnisse.

»Es gibt einen klaren Fokus auf Rassismus und Genderperspektiven, die soziale Frage aber bleibt völlig außen vor. Das ist aber eben die andere Seite, die mitgedacht werden muss.« | Bernd Schwabe via Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

»Es gibt einen klaren Fokus auf Rassismus und Genderperspektiven, die soziale Frage aber bleibt völlig außen vor. Das ist aber eben die andere Seite, die mitgedacht werden muss.« | Bernd Schwabe via Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Ich kenne aufgrund meiner verschiedenen Funktionen den administrativen Unterbau ein wenig und weiß daher, dass man irgendwann zu den Argumenten zurückkehren muss. Wenn das nicht geschieht, wird das System dysfunktional. Man sieht das in kleptokratischen Ländern, wo die Leute noch ärmer werden und ethisch-moralische Normen ins Rutschen geraten. Da wird dem Nachbarn dann schon mal der Hammer über den Kopf gezogen. Nun kann man meinen, wir wären von solchen Verhältnissen weit entfernt. Aber es reicht schon der Blick nach England, wo solche Verhältnisse schon herrschen, wie mir A. L. Kennedy schreibt. Morddrohungen sind dort an der Tagesordnung und der Mord an der Politikerin Jo Cox hat gezeigt, dass es die Hemmschwelle, davor zurückzuschrecken, nicht mehr gibt.

Braucht der Mensch solche Krisen, um sich seiner Existenz bewusst zu werden?

Sicher haben Krisen auch eine produktive Seite. Wahrscheinlich würde ein alternativer Kinderarzt sagen, dass wir Krankheitskrisen brauchen, um das Immunsystem zu stärken. Ich denke allerdings nicht, dass man das auf gesellschaftliche Verhältnisse übertragen sollte. Zumal es zu einer Erzählung führt, die mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmt. Denn Krisen zeigen doch eher Verluste an. Nichts desto trotz ist zu hoffen, dass durch die extreme Veränderung, die wir erleben – das Umdefinieren von Europa und der ganzen Welt durch den Rechtspopulismus –, positive Gegenkräfte entstehen. Es ist viel vorhanden, die einen treten in Die Linke ein, die anderen gründen Initiativen. Vielleicht eignet sich die Krise als Mittel zur Re-Politisierung der Gesellschaft.

An der Akademie der Künste läuft aktuell das Programm »Uncertain States. Künstlerisches Handeln in Ausnahmezuständen«. Was können wir von dort für solche Ausnahmezustände lernen?

Beispielsweise, dass es auch andere, visionäre Ideen gibt. Der Ökonom und Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus hat vor kurzem eine Rede gehalten, in der er seine Wirtschaftsprogramme in Bangladesch noch einmal vorgestellt hat. Rita Süssmuth sprach darüber, ob die deutsche Zuwanderungspolitik hilfreich für ein besseres Miteinander ist oder eher nicht. In der Reihe »Affective Societies« werden künstlerische und wissenschaftliche Positionen gegen die erstarkenden rechtspopulistischen Kräfte in Europa vorgestellt. Denn die gibt es, das darf man nicht vergessen.

Was kann die Kunst den rechtspopulistischen Kräften entgegenhalten?

Neben der Empathie, die A. L. Kennedy einfordert ist es auch unsere Aufgabe, andere Modelle zu entwerfen, die wir den Ausnahmezuständen entgegensetzen können. Wir können es uns nicht erlauben, uns in einer »Ihr seid alle ätzend«-Haltung einzurichten. Dazu gab es auch ein Panel, das ich geleitet habe. Dabei hat mich insbesondere das Modell der weißrussischen Schriftstellerin Marina Naprushkina, die die »Neue Nachbarschaft Moabit« aufgebaut hat, überzeugt.