Sachbuch

Wie die Welt sich ändert

Die drei nominierten Sachbücher beim Bayerischen Buchpreis hinterfragen Ideologien und Ideologen. Jens Malte Fischer widmet sich in einer voluminösen Biografie dem Kritiker Karl Kraus, Hedwig Richter schreibt über die deutsche Demokratie und Max Czollek legt ein Programm der radikalen Vernunft vor.

Wer kennt ihn nicht, Karl Kraus, der mit gerade einmal 25 Jahren die berühmt-berüchtigte Satirezeitschrift »Die Fackel« gründete, in der er mit scharfer Zunge über alles herzog, was ihm vor die geistige Flinte lief. Der die Machtergreifung Hitlers mit den Worten kommentierte »Mir fällt zu Hitler nichts ein«, um diesen Satz seinem Buch »Die Dritte Walpurgisnacht« voranzustellen. Und der sich leidenschaftlich mit Alfred Kerr und dem österreichischen Bürgertum zoffte und diesem in »Die letzten Tage der Menschheit« ein bitterböses Porträt widmete.

Walter Benjamin veranlasste das, ihn zum »grössten europäischen Vertreter« der Polemiker zu erklären, deren Ich »eine konstruktive Leistung« sei. »Es ist durchsichtig und prismatisch angelegt und jede Reaktion in ihnen untersteht moralischen Gesetzen, die exakt sind wie die Gesetze über die Brechungswinkel«, schrieb er 1927 in der Nouvelle Revue Française über Kraus.

Jens Malte Fischer: Karl Kraus. Zsolnay Verlag 2020. 1.104 Seiten. 45,00 Euro. Hier bestellen

Jens Malte Fischer, emeritierter Theaterwissenschaftler, hat jenem Polemiker nun eine über eintausendseitige Biografie gewidmet. »Der Widersprecher« heißt es schon auf dem Titel, um deutlich zu machen, dass Kraus ein »Kämpfer gegen seine Zeit« war, wie es Nietzsche für Menschen, denen Biografien zu widmen seien, forderte. In sage und schreibe 28 Kapiteln setzt sich Fischer mit Kraus Leben und Werk, den Provokationen und Kontroversen sowie den geistigen Turns und Twists dieses leidenschaftlichen Schreibers auseinander.

Und davon gab es einige. Nicht nur, dass Kraus vor dem Ersten Weltkrieg ein glühender Anhänger der Monarchie, um nach dem Krieg dann auf den Pfad der Sozialdemokratie umzuschwenken. Auch dass er in der Freiheit der Presse erst das Übel aller Menschheit sah, um dann auf ihr seine Existenz wie kaum ein anderer aufzubauen, ist doch erstaunlich. Sein weltanschaulicher Emanzipationsprozess – Fischer spricht von »konfessionellen Irritationen« – führte ihn aus dem Judentum in den Katholizismus.

Der gesunde Selbsthass, der aus seiner jüdischen Herkunft hervorging, hätte sicherlich einen Freud interessiert. Da Kraus aber eine tiefe Abneigung der Psychoanalyse gegenüber hatte und Freud in ihm einen wortstarken Kontrahenten, verband beide nicht mehr als »tiefe Abneigung«. Fischer, der beide verehrt, führt das dazu, wiederholt zu betonen, dass Stefan Zweig (der Freud im Gegensatz zu Kraus sehr verehrte) eine weitere »Sternstunde der Menschheit« geschrieben hätte, wäre es anders gelaufen.

Wie anders kann auch Jens Malte Fischers ziegelsteinschwere Biografie, die Daniel Kehlmann (seit seinem Kraus-Projekt zweifelsohne eine Fachmann) im Literaturmagazin der Zeit bereits zum Standardwerk ausgerufen hat, nicht zutage fördern, aber sie ruft uns den kritischen Geist von Karl Kraus sowie sein Licht- und Schattenseiten ins Gedächtnis.


Licht- und Schattenseiten hatte ohne Zweifel auch die deutsche Politik der vergangenen gut zweihundert Jahre. Hedwig Richter, Historikerin an der Bundeswehruniversität in München, sieht dennoch eine Kontinuität, und zwar eine demokratische.

In Ihrem Buch »Demokratie – Eine deutsche Affäre« erzählt sie eine gesellschaftliche Modernisierungsgeschichte, an deren Anfang Ideale wie Gleichheit und Freiheit standen. Diese galten allerdings erst einmal nur für männliche Bürger. Die Öffnung der Gleichheitsidee für das andere Geschlecht war lange Zeit »ein feinsinniger Gelehrtendiskurs«, schreibt Richter. Dass diese Gleichheit heute auch für People of Colour und LGBTIQ-Menschen gilt, ist Teil des Lernprozesses, von dem Richter hier erzählt.

Hedwig Richter: Demokratie. Eine deutsche Affäre. Verlag C.H.Beck. 400 Seiten. 26,95 Euro. Hier bestellen

Wie es sich für eine Affäre gehört, hat das Verhältnis Störungen. Der Gewinn dieses Buches liegt nicht darin, dass Richter diese aufzeigt, sondern versucht herauszuarbeiten, wie sie zum Lernprozess und damit zur weiteren Demokratisierung beigetragen haben. Allerdings wird hier auch ihre akademische Verankerung sichtbar. Ganz in der Tradition militärisch-hierarchischer Ordnungsvorstellungen werden Revolutionen, Aufstände und Klassenkämpfe zu gewaltvollen Abgründen auf dem Weg zur liberalen Demokratie erklärt. Das sie womöglich notwendig oder unumgänglich waren, kommt dabei zu kurz.

Allerdings arbeitet sie, wie kaum jemand vor ihr, die Entstehung einer universellen Würde des Körpers – ausgehend von der Abschaffung von Folter, Todes- und Prügelstrafe über die Wirkung des Bekanntwerdens der kolonialen und Holocaust-Verbrechen, die Einführung sozialer Rechte bis hin zur feministischen Revolution – die liberale Demokratien prägt. Belegen lässt sich dies durch die Entwicklungen im benachbarten Polen oder in den USA unter Trump, wo mit dem Beschneiden von Frauenrechte der Niedergang des demokratischen Systems einherging.

Den Unkenrufen der Demokratiemüdigkeit und Politikverdrossenheit setzt Hedwig Richter mit diesem Buch eine optimistischere Perspektive entgegen. »Ein Ende der liberalen Demokratien ist möglich – aber unwahrscheinlich«, so ihr Fazit nach etwas mehr als 300 Seiten Demokratiegeschichte. »Demokratie vermag bei allen Gebrechen, die sie hat, am ehesten die Menschenwürde zu schützen, sie kann am ehesten Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit gewähren. Dass das Krisenempfinden gleichwohl nicht schwächer wird, kann auch als Chance gesehen werden, denn Krise und Kritik befördern Reformen und sorgen dafür, dass sich unsere Demokratien weiterentwickeln. Wichtig wäre allerdings, dass die Mehrheiten die teils intellektuellen, teils populistischen Abgesänge auf die liberale Demokratie weiterhin nicht allzu wörtlich nehmen, um gelassen den Alltag der Demokratie leben zu können.«


Die Frage, ob die Münchener Historikerin Max Czolleks Programmschrift »Gegenwartsbewältigung« als einen solchen »intellektuellen Abgesang« auffasst, wird sicher auch von der Jury diskutiert, wenn am 6. November der Bayerische Buchpreis verliehen wird. Denn das besondere des Preises ist, dass die drei Juror:innen in Anwesenheit der Autor:innen über die nominierten Titel öffentlich diskutieren, bevor sie sich auf die Preisträger:innen festlegen.

Czolleks vergleichsweise schmales Buch ist die krachende Antwort eines der klügsten Vertreter der Generation Y auf eine kluge Vertreterin der Generation X. Denn der Aufstieg des Individuums zum kollektiven demokratischen Wir, das Richter feiert, kritisiert Czollek scharf.

Das tat er schon mit seinem Essay »Desintegriert Euch«, in dem er politische Schlüsselbegriffe der Gegenwart wie »Heimat«, »Integration« oder »Leitkultur« – der er in seinem neuen Buch eine Quarantäne verordnet – in ihre Einzelteile zerlegte und zeigte, wie diejenigen, die diese vor sich her tragen, einer offenen Gesellschaft der Vielen die Berechtigung absprechen. Czollek ist mit dieser Schrift zum Leuchtstern seiner Generation geworden.

Max Czollek: Gegenwartsbewältigung. Hanser Verlag 2020. 207 Seiten. 20,00 Euro. Hier bestellen

Sein neues Buch wird daran nichts ändern. Im Gegenteil, »Gegenwartsbewältigung« könnte für die Generation Y einmal so etwas sein wie Florian Illies gleichnamiger Roman für die Generation Golf oder Benjamin von Stuckrad-Barres »Soloalbum« für die Generation X. Dass es sich dabei nicht um schöne Literatur, sondern um politische Literatur handelt, trägt dazu bei, denn Phänomene wie Klimawandel, Nachhaltigkeit und Rassismus ist im Bewusstsein dieser Generation verankert. Sie hat sie längst als die Herausforderungen ihrer Zeit anerkannt.

Czolleks politisch-poetologisches Programm passt perfekt dazu. Wer sich unter den Twenty- und Thirty-Somethings für eine emanzipierte, aufgeklärte und diverse Gesellschaft einsetzt, kommt um ihn nicht herum. Das belegt auch seine kluge Analyse der Debatte um das Gomringer-Gedicht »avenidas« an der Fassader der Alice-Salomon-Hochschule, die er abschließt mit den Worten: »Den Gegenwartsbezug von Literatur gibt es nie ohne die Frage nach ihrer Verstrickung in den jeweiligen gesellschaftlichen Kontext.« Und vor diesem Hintergrund müsse ein Gedicht, in dem ein männlicher Bewunderer Frauen, Blumen und Alleen anhimmelt, »nicht die zentrale Wand einer Hochschule für kritische Soziale Arbeit zieren.« Es gibt keine unpolitische Literatur, so die Quintessenz.

Im Kern zeigt er in seinem neuen Buch aber auf, was »der Vorstellung, wer wir sind, wo die Grenzen dieses Wirs liegen, und was Menschen tun müssen, um Teil dieses Wirs zu werden« zugrunde liegt. Da dieses Wir gerade permanent eingefordert wird, da »wir nur gemeinsam« und »in Solidarität« den »Kampf gegen das Virus« gewinnen können, erscheint es kaum wichtiger und aktueller, diese Frage ernsthaft in den Blick zu nehmen. Die Perspektive des 33-jährigen Lyrikers und Antisemitismus-Coaches, Enkel des jüdisch-kommunistischen Widerstandskämpfer Walter Czollek, ist eindeutig etwas weiter als der der Regierenden. »In jenen Monaten des Jahres 2020, in denen der Staat seinen Subjekten einen Weg in die solidarische Isolation wies, wurden wir alle zu Kompliz*innen eines Systems, das manche Menschen verrecken lässt und andere nicht.«

Der tief verankerten Vorstellung eines völkischen Nationalismus, von der sich die deutsche Demokratie nie verabschiedet hat, setzt Czollek in Anerkennung an die antifaschistische Grundhaltung der Bundesrepublik die Idee eines »postmigrantischen Antifaschismus« entgegen, der alle schützt und nicht nur manche.

Die Identitätspolitik der vergangenen Jahrzehnte hat nicht nur dazu beigetragen, dass am rechten Rand nicht nur eine gewaltbereite, umstürzlerische Gruppe entstanden ist, sondern dass dieser Rand sich auch in erschreckender Manier gen Mitte ausbreitet. Ihr sagt Czollek in seinem neuen Buch den Kampf an, indem er Mut zu komplexen Verhältnissen und der genauen Analyse der gegenwärtigen Verhältnisse fordert. Dies gilt auch für die Kunst selbst, wie der Berliner mit Blick auf seine Zunft deutlich macht. »Wenn du einfach weiter so schreibst wie zuvor, obwohl die Welt sich verändert, verfehlst du die Gegenwart.«

Diesen Vorwurf muss sich Czollek nicht machen. Er fängt die Wahrnehmung der Gegenwart seiner Generation ein wie kein anderer. Und diese Generation hat längst erkannt, dass das Problem unserer Gesellschaft nicht der Mangel an Gemeinschaftsgefühl ist, »sondern ein Mangel an Gefühl dafür, wer zu dieser Gemeinschaft dazugehört.«


Für den Bayerischen Literaturpreis in der Kategorie Belletristik sind Iris Wolffs »Die Unschärfe der Welt«, Ulrike Draesners »Schwitters« und Dorothee Elmingers »Aus der Zuckerfabrik« nominiert.

Der Bayerische Buchpreis wird um den Bayern 2-Publikumspreis erweitert: Zusätzlich zu der Auszeichnung des besten Sachbuchs und des besten Romans des Jahres durch die Jury des Bayerischen Buchpreises, können in diesem Jahr erstmals alle Interessierten über ihr Lieblingsbuch abstimmen. Fünf Titel stehen beim Bayern 2-Publikumspreis zur Wahl: Jean-Luc Bannalecs Krimi »Bretonische Spezialitäten« (Verlag Kiepenheuer & Witsch), Maja Göpels Einladung »Unsere Welt neu denken« (Ullstein Verlag), Monika Helfers Roman »Die Bagage« (Hanser Literaturverlage), das Corona-Debatten-Buch »Trotzdem« von Ferdinand Schirach und Alexander Kluge (Luchterhand Literaturverlag) und Lutz Seilers Roman »Stern 111« (Suhrkamp Verlag). Bis zum 15. November kann abgestimmt werden.

NEU: Der Bayerische Buchpreis wird um den Bayern 2-Publikumspreis erweitert: Zusätzlich zu der Auszeichnung des besten…

Gepostet von Bayerischer Buchpreis am Montag, 19. Oktober 2020