Klassiker, Literatur

Kafka Originals

Ob in der Schule oder später auf dem Sofa – um Franz Kafka kommen Menschen nicht herum, deren Herz für die Literatur schlägt. Wer verstehen will, wie der in Prag lebende Versicherungsbeamte mit seinen Schriften die Kultur bis heute prägt, muss sich in seine Textwelten begeben. Dazu laden verschiedene Neuerscheinungen ein, die kurz vor dem Kafka-Jahr erschienen sind oder bis zum 100. Todestag in den kommenden Wochen erscheinen.

»Die sieben wichtigsten Werke des Jahrhundertschriftstellers« haben Kafka-Biograf Reiner Stach und Klassiker-Experte Sebastian Guggolz bereits im Herbst 2023 im S. Fischer Verlag neu aufgelegt. Die Sammlung umfasst neben den unvollendeten Romanfragmenten von »Der Prozess«, »Das Schloss« und »Der Verschollene« auch den weltberühmten »Brief an den Vater«. Zudem enthält die neu gestaltete Reihe einen Doppelband mit den Erzählungen »Das Urteil« und »Die Verwandlung« sowie zwei erstmals in dieser Form zusammengestellte Bände mit den »Geschichten von Tieren« sowie den kürzeren Parabeln (»Zerstreutes Hinausschauen und andere Parabeln« – ). In diesen Werken zeigt sich die immer noch brennende Aktualität Kafkas und seiner visionären literarischen Ideen.

Das ist aber bei weitem nicht die einzige Werkschau. Kafka-Biograf Reiner Stach ist gleich noch in ein weiteres Großprojekt verwickelt. Im Wallstein-Verlag erscheint Ende Februar der erste Band der ersten kommentierten Werkausgabe, die von Stach herausgegeben wird. Den Auftakt macht die kommentierte Ausgabe von Franz Kafkas unvollendetem Roman »Der Process«, in dessen Mittelpunkt Josef K. steht. Dessen rätselhaftes Schicksal hält die Leser:innen noch heute im Bann. Seine Verstrickungen in die gespenstische Bürokratie, die Undurchschaubarkeit dieser Welt, die es ihm unmöglich macht, Orientierung zu erlangen, lassen keine einfachen Erklärungen zu. Dennoch oder gerade deshalb lässt sich dieser Roman wie ein intensiver (Alb)Traum erleben.

Die von Stach kommentierte Ausgabe geht der Frage nach, wie Kafka diese Faszination in seinen Text bekommen hat. Der ausführliche Stellenkommentar soll die wesentlichen Motive, Begriffe und Erzähltechniken erläutern, aber auch bedeutsame Streichungen und Korrekturen aufzeigen und damit einen Blick in Kafkas Werkstatt freimachen. »Auf diese Weise wird erkennbar, wie außergewöhnlich dicht der »Process« gewoben wurde, zudem das virtuose Spiel mit den Ebenen der Wirklichkeit, dem Kafka nachgeht«, heißt es in der Ankündigung des Verlags, in dessen Werkausgabe außerdem die Romane »Das Schloss« und »Der Verschollene« sowie zwei Bände mit »Erzählungen« erscheinen sollen. Neu ediert und von Reiner Stach kommentiert soll diese Ausgabe dazu einladen, Kafkas Werke noch einmal oder zum ersten Mal mit frischem Blick zu lesen.

Franz Kafka: Die Erzählungen. Mit einem Nachwort von László F. Földényi. S. Fischer 2024. 528 Seiten. 26,- Euro. Hier bestellen.

Wem das für den Anfang zu viel ist, dem seien die gesammelten Erzählungen, Parabeln und Prosastücke von Franz Kafka empfohlen. Die teilweise zu Lebzeiten erschienenen, doch großteils erst von Max Brod aus dem Nachlass herausgegebenen »Erzählungen« bilden die Quintessenz von Kafkas literarischem Werk. Dazu gehören auch seine berühmtesten Texte wie »Die Verwandlung«, »Das Urteil«, »In der Strafkolonie« oder »Der Hungerkünstler«, in denen immer wieder die autobiografischen Selbstbezichtigungen eines möglicherweise missratenen Sohnes, der einem allmächtigen Vater und dessen schonungslosen Urteil ausgeliefert ist, aufblitzen. Und dort, wo die Fantasie Figuren auf die Reise schickt, landen diese vermeintlich selbstverschuldet in absurden bürokratischen Situationen, in denen düstere Beklemmung um sich greift. »Das überwältigend Ungemütliche an Kafkas Werk (es ist wahrscheinlich das ungemütlichste der Literaturgeschichte) entsteht wohl daraus, dass den Figuren stets diese Neigung zur Selbstzerknirschung sowie einige andere hässliche Eigenschaften oder Taten angehängt werden«, schrieb Jens Jessen kürzlich in der Zeit. In seinen Erzählungen gebe Kafka dem Bittsteller und Untertan ein selbstzerstörerisches Zuhause, so Jessen. Derart hält Kafka dem Individuum den Spiegel vor – in seiner wie in unserer Zeit.

Franz Kafka: Kafka träumt. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Manfred Müller. Jung und Jung Verlag 2024. 144 Seiten. 20,- Euro. Hier bestellen.https://jungundjung.at/kafka-traeumt/

Der Germanist und Präsident der Österreichischen Franz-Kafka-Gesellschaft Manfred Müller lädt ab Ende März unter dem Motto »Kafka träumt« dazu ein, dessen Schriften aus dem Schlaf heraus zu erobern. Franz Kafkas Literatur komme aus der Logik des Traums, heißt es gleich zu Beginn der Ankündigung der von Müller zusammengestellten Texte Franz Kafkas. »Seine Figuren erwachen aus unruhigen Träumen, sie kämpfen mit dem Schlaf und sehnen ihn herbei, im Bett ereignen sich entscheidende Wendungen im Leben von Kafkas Protagonisten. Der Autor selbst, der untertags seinen Dienst im Büro der Arbeiter-Unfallversicherung versah, schrieb meist nachts und erkundete die feine Grenze zwischen Wachsein und Schlafen, zwischen Traum und Wirklichkeit.« Kafkas Tagebücher und Briefe zeigen einen obsessiven Selbstbeobachter, dessen persönliche Traumarbeit die Basis seines Schreibens war. Verwandelt kehrten die Traumbilder in Erzählungen und Romanen wieder und trügen zu jener Irritation bei, die beim Lesen ein ums andere Mal gefangen nimmt, heißt es. Müllers Zusammenstellung sei ein idealer Einstieg in die Welt des Prager Schriftstellers – »und zugleich eine Fundgrube für alle, die Kafkas Texte hier mit neuem Blick entdecken können.«

Franz Kafka: Briefe 1921-1924. Band 5 (Kritische Ausgabe). S. Fischer Verlag 2024. 1.056 Seiten. 150,- Euro. Hier bestellen.

Die kritische Ausgabe von Kafkas Tagebüchern und Briefen, von der im Kafka-Jahr der fünfte Band »Briefe 1921-1924« erscheint, kommt alles andere als schlaftrunken daher. Der Abschlussband der von Hans-Gerd Koch herausgegebenen Schriften enthält 334 Briefe aus den letzten Lebensjahren, sorgfältig kommentiert. Darunter finden sich 21 hier erstmals veröffentlichte Briefe, sowie 52 Briefe an Kafka und 27 Briefe der Begleiter der letzten Lebenswochen, Dora Diamant und Robert Klopstock, an die Familie Kafkas. Zudem sind erstmals vollständig auch die Gesprächsblätter aufgenommen, auf denen Kafka seine Fragen und Antworten notierte, nachdem ihm die Ärzte ein Sprechverbot auferlegt hatten. Die gesundheitlichen Probleme überschatten die Korrespondenzen, und auch das ewige Ringen um ein gelingendes Leben zwischen Pflichterfüllung, literarischer Berufung und spätem Liebesglück. Nirgendwo komme man dem, »was Kafka mitteilen möchte und dessen Formfindung er anstrebt, so nahe und dringt so tief ein in seine persönlichen Verbindungen und das dialogische Denken wie in den Briefen«, heißt es in der Ankündigung.

Franz Kafka: Brief an den Vater. Faksimile im Originalformat und Transkription. Nachwort von Joachim Unseld. Kampa Verlag 2024. 240 Seiten. 46,- Euro. Hier bestellen.

Hans-Gerd Koch betreut seit 1981 die Kritische Ausgabe der Werke Franz Kafkas, in deren Rahmen er die »Tagebücher«, die »Drucke zu Lebzeiten« sowie die Briefbände ediert hat. Außerdem ist er Herausgeber der Taschenbuch-Edition von Kafkas Werken in der Fassung der Handschrift. Apropos Handschrift: Kafkas Verteidigungs- und Anklageschrift »Brief an den Vater« liegt im Kampa Verlag als Faksimile im Originalformat in einer seitenidentischen Transkription vor. 1919 schrieb Kafka seinem Vater Hermann den Brief, der seinen Empfänger nie erreichen sollte. Auf einhundert Seiten Kafka in seinem »Riesenbrief« das Bild eines übermächtigen Vaters, eines Tyrannen, der den unglücklichen Versicherungsangestellten Franz, der nur nachts die Zeit zum Schreiben findet, sein Lebtag unterdrückt. Der Brief ist mehr als ein biografisches Zeugnis, er ist eine Art vibrierendes Zentrum seines Werkes. »Wer immer sich mit Kafka beschäftigt, greift auf diesen Brief zurück«, schrieb Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki.

Franz Kafka: Betrachtung. Mit einem Nachwort von Vivian Liska. Suhrkamp Verlag 2024. 100 Seiten. 18,- Euro. Hier bestellen.

Ebenfalls für Kafka-Experten ist wohl die um ein Nachwort von Vivian Liska ergänzte Ausgabe seines ersten Romanes »Betrachtung«, der im Suhrkamp-Verlag schon vor zwei Jahren in der Klassiker-Reihe erschienen ist. Die belgische Professorin ist eine der angesehensten Expertinnen deutsch-jüdischer Literaturgeschichte und geht im Nachwort auf die Bedeutung dieser Texte in Kafkas Gesamtwerk ein. 1912 als erstes Buch bei Rowohlt in Berlin erschienen umfasst dieser Band eine Sammlung von Erzählungen (mitunter bestehen sie nur aus einem Satz), die vom Ausflug ins Gebirge, dem Unglück des Junggesellen, dem zerstreuten Hinausschauen, dem Wunsch, Indianer zu werden, und dem Unglücklichsein handeln und damit das Ausweglose der menschlichen Existenz, die kleinen Seitenwege des Alltags und die großen Lebensfragen vorwegnehmen. »Denn wir sind wie Baumstämme im Schnee. Scheinbar liegen sie glatt auf, und mit kleinem Anstoß sollte man sie wegschieben können. Nein, das kann man nicht, denn sie sind fest mit dem Boden verbunden. Aber sieh, sogar das ist nur scheinbar.«

Mit dem Worten »Mich blendet die Sonne der genialen Metapher, die durch die dunklen Wolken des Talmud bricht, aber Seite für Seite zu lesen, nein, das übersteigt meine Kräfte«, hielt Witold Gombrowicz in der Niederlage seine Bewunderung für Kafkas Texte fest. Nun kann jede:r dem Grund dieser Bewunderung selbst auf die Spur gehen und dabei die kafkaesken Welten an der Gegenwart messen.

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