Der türkische Regisseur Emin Alper ist nach »The Tale of Three Sisters« wieder im Berlinale-Wettbewerb vertreten. In »Kurtulus« erzählt er die geradezu biblische Geschichte eines eskalierenden Clankonflikts in den türkischen Bergen.
Im Osten der Türkei wird seit Jahren ein Krieg geführt, den das türkische Militär als Antiterrorkampf bezeichnet. Als Terroristen gelten in diesem Kampf die kurdischen Befreiungskämpfer, die ein Territorium für die Selbstbestimmung und Selbstverwaltung ihres Volkes kämpfen.
Teil dieses Konflikts sind Clans und Milizen, die den Oberhäuptern der jeweiligen Bergdörfer unterstehen. Männer wie Mesut und Yilmaz ziehen im Namen ihrer Gemeinden »gegen den Terrorismus« in den Krieg. Zu Beginn von Emin Alpers Drama »Kurtulus« kommt ein Dutzend dieser freiwilligen Kämpfer von einem solchen Einsatz zurück in ihr Dorf, um dort wieder ihren Platz einzunehmen. Als Krieger genießen sie hohes Ansehen im Dorf, nur der ortsansässige Scheich, Mesuts Bruder Ferit, steht als Respektsperson zumindest anfangs noch über den Kämpfern.
Mit deren Rückkehr kündigt sich eine zweite an. Im Unterdorf hatte zu Beginn der Kämpfe eine Großfamilie ihre Felder und Höfe verlassen. Um die hatte sich der Hazeri-Clan gekümmert. jetzt wollen die Bezaris zurückkommen und ihre Ländereien wieder übernehmen, was der das Oberdorf regierenden Großfamilie nicht passt. Schon lange schwelt der Konflikt zwischen den beiden Clans, Paranoia und Vorurteile haben sich in den Köpfen festgesetzt. Sie übernehmen nun die Regie in diesem zweigeteilten Ort, der immer mehr in den Bann der Feindseligkeit gerät, die die ärmeren Bauern des Oberdorfs gegen die Hirten im Unterdorf hegen.
Es ist der biblische Konflikt von Kain und Abel, den Emin Alper in seinem Film auf die Leinwand bringt. Die Rolle der beiden Söhne von Adam und Eva nehmen hier die beiden Clans ein, die weder ethnische Differenz noch der Glauben trennt. Geschwister erhalten im Film dann noch eine besondere symbolische Bedeutung, um nicht zu viel zu verraten.
Es ist letztlich eine Mischung aus patriarchalem Gehabe und Aberglauben, die diesen auf wahren Begebenheiten beruhenden, überaus blutigen Zwist vorantreiben. Die Besinnungslosigkeit, die bei den Hazeris um sich greift, dringt dabei bis ins gemeinsame Gebet vor. Ferit, der örtliche Scheich, kann das nicht aufhalten, als einer der letzten Besonnenen gerät er unter die Räder der Ereignisse. Denn Mesut und Yilmaz stacheln – angetrieben von Träumen und Visionen – die Männer im Oberdorf gegen die zurückkehrenden Bezaris auf. Ein Kind wird dabei zum vermeintlichen Boten einer teuflischen Intervention und Mezuts Eifersucht zum Treibstoff einer blutigen Fehde mit schlimmstmöglichen Ausgang.
Emin Alper wendet sich nicht das erste Mal den traditionellen Lebensweisen in den türkischen Bergen zu. Bereits in seinem märchenhaften Film »A Tale of Three Sisters« hatte er sich dieser wenig bekannten Welt angenähert, damals noch mit weniger radikalen Mitteln. Die Geschichte der Fehde zwischen Hazeris und Bezaris erzählt er als packenden Psychothriller, der dem Entstehen von kollektiver Paranoia als Ursprung von Hass und Gewalt auf den Grund geht. Die Hirngespinste der Männer aus dem Oberdorf setzt er dabei als visuelle und akustische Täuschung ins Bild und lässt so die Grenze zwischen Wirklichkeit und Einbildung verschwimmen. Einige Frauen im Dorf tragen mit Getuschel und Geschwätz dazu bei, dass die Wahrheit immer mehr hinter einem Schleier aus Imagination und Paranoia verschwindet.
Es braucht nicht viel Fantasie, diesen Konflikt auf die aktuelle Lage in der Türkei oder andere Brandherde im Nahen und Mittleren Osten zu übertragen. Alper führt kein türkisches Problem vor Augen, sondern ein globales, wie die Lage im Iran, im israelisch-palästinensischen Konflikt, im Sudan, ja selbst in den USA zeigen. Wenn Fanatismus und Wahn erst einmal die Oberhand gewinnen, werden Hass und Gewalt der rote Teppich ausgerollt.

