Berlinale, Film

Berlinale 2026: Wolfram

»Wolfram« von Warwick Thornton | © Bunya Productions

Der australische Filmemacher Warwick Thornton präsentiert im Wettbewerb seinen Outback-Western »Wolfram«. Er erzählt darin von der Gewalt der weißen Kolonialisten und dem Überlebenskampf der Aborigines.

Der Tod hat in der Bergbaustadt Haindy bereits Oberhand gewonnen, hier wird mehr gestorben als gelebt. Das erklärt auch die Unmengen an Fliegen, die sich auf allem niederlassen, was nicht in ständiger Bewegung ist. Das Wolfram, das im australischen Outback noch aus dem Boden geholt wird, ernährt schon lange keine Familien mehr. Wer kann, macht sich nach Queensland auf und hofft, dort Gold zu finden.

Es lässt daher nichts Gutes ahnen, als mit Casey und Frank zwei Unbekannte in der Stadt auftauchen. Und während die breitbeinig ihren Verbleib ankündigen, machen sich zwei Geschwister auf, ihre Mutter Pansy zu finden. Seit die von einem Tag auf den anderen verschwunden ist, mussten Max und Kid für einen weißen Cowboy schuften. Die Wege der zwei ungleichen Paare kreuzen sich und führen schließlich zu einem Mann namens Kennedy, der zurückgezogen mit einem Aborigine-Jungen namens Philomenas im »Sweet Country« Australiens lebt.

In dessen Setting war auch schon Warwick Thorntons vielfach ausgezeichneter Film »Sweet Country« verortet. Das Outback ist in den 1930er Jahren ein Landstrich, in dem nur das Recht des Stärkeren gilt. Hier ist jeder der Boss von jemandem; und sei es nur, um auch mal etwas zu sagen zu haben. 

»Wolfram« ist wie schon »Sweet Country« dem Indigenous Cinema verschrieben, zu dem auch der 2023 im Wettbewerb gezeigte Krimi »Limbo« von Ivan Sen gehört. Der Film ist keine direkte Fortsetzung von »Sweet Country«, erzählt aber eine verwandte Geschichte. Im Kern liegt eine »Run and Hide«-Erzählung, die sich um die Kinder dreht. Denn Max und Kid werden sich mit Hilfe von Philomenas aus dem Staub machen, um der tödlichen kolonialen Gewalt der Weißen zu entkommen und ihre Mutter zu finden.

Der Film erinnert mit seinen beeindruckenden Panoramen – Warwick Thornton selbst stand hinter der Kamera – an klassische Western. Allerdings dreht der Filmemacher die Perspektive, wie er auf der Pressekonferenz erklärte. Der klassische Cowboy bewegt sich immer auf sicherem Terrain, auf den Brettern des Saloons oder auf dem Pferd. Der Boden und die Natur seien für den weißen Ranger aber eine Terra Incognita. Hier hätten die Ureinwohner die Hoheit. Seine Helden blickten daher nicht von der Veranda das Saloons in die Wüste, sondern von den Bergen und aus den Wäldern auf die Städte der weißen Eroberer. 

Die, die es in diesem Film gut meinen, sind alles mögliche, nur keine weißen Cowboys. Solidarität und Hilfsbereitschaft gibt es im rechtlosen Outback nur unter Nicht-Weißen.

Thornton macht keinen Hehl daraus, dass seine Helden Überlebende einer gewaltsamen Landnahme sind, die keine Gefangenen nimmt. Exemplarisch dafür steht das Schicksal von Pansy, deren Geschichte fast gänzlich ausgelassen wird. Lediglich in Blitzlichtern wird eine unscheinbare Parallelhandlung angedeutet, die die Aborigine-Frau an der Seite eines chinesischen Glückssuchers nach Queensland führt. Was zuvor mit ihr passiert ist, wie es zur Trennung von ihren Kindern und dann zur Schicksalsgemeinschaft mit Shen kam, klingt nur in wenigen Momenten an.

Am Ende liefert der Film eine Auflösung, die den weißen Kolonialismus in seine Schranken verweist und die Solidarität der Unterdrückten belohnt. Das kann man kitschig finden. Oder konsequent im Sinne des indigenen Kinos.