Zwei Silberne Bären hat sie schon gewonnen. Nun konkurriert Angela Schanelec mit »Meine Frau weint« erneut um eine der begehrten Trophäen. Darin erzählt sie von der unerträglichen Gleichzeitigkeit der Welt und der Schwierigkeit, dafür Worte zu finden. Ihr Kino bleibt gleichermaßen anspielungsreich und rätselhaft, seine Geheimnisse offfenbart es nur zögerlich.
»Es ist gut nachzudenken, bevor man etwas tut«, sagt der Kranfahrer Thomas (Vladimir Vulević) in einem Gespräch mit seiner Kollegin, bevor er erfährt, dass seine Frau Carla (Agathe Bonitzer) einen Autounfall hatte. Ob Carla tatsächlich einfach nicht nachgedacht oder nicht doch einfach nur ihrer Sehnsucht nach Nähe und Berührung nachgegangen ist, als sie der Anziehung zu ihrem Tanzpartner nachgegangen ist, bleibt offen in Angela Schanelecs neuem Film, in dem das Reden – miteinander und aneinander vorbei – im Mittelpunkt steht.
Der Auslöser für Carlas Tränen könnte tragischer kaum sein. Denn in den Unfall ist jener Tanzpartner verwickelt, zu dem sie sich hingezogen fühlte. Er habe ihr das Haus in Brandenburg zeigen wollen, in das er zu ziehen gedachte, bevor er bei dem Unglück ums Leben kam. Um nun Thomas ihre Verzweiflung darüber zu erklären, muss Carla ihre Gefühle offenlegen. Auf dem Weg von der Klinik nach Hause versucht sie ihm zu erklären, wie sie süchtig nach der Präsenz des Tänzers wurde. Doch Thomas versteht nicht weder Carla noch die Welt, die ihm das jetzt zumutet.
In drei Tagen kreist »Meine Frau weint« um die Frage, wie man als Paar mit einer solchen Wahrheit umgeht, die da plötzlich im Raum steht. Denn auch wenn zwischen Carla und ihrem Tanzpartner nichts geschehen ist, so liegt doch in dem Geheimnis von Carlas Gefühlen ein Anflug von Betrug. Dabei erhalten einige Freunde aus dem Umfeld das Paares Bedeutung und erweitern dieses Nachdenken darüber, warum die Dinge so sind wie sie sind. Sie sprechen über Erfolg und Versagen im Leben, Berufliches und Privates, die Vergeblichkeit der Liebe und die Kraft der Poesie.

Zentral in dem in weiten Teilen in Berlin-Weißensee gedrehten Film sind die Gespräche, die Schanelecs Figuren miteinander führen. Vielleicht weil jedes Gespräch auch eine Bewegung (von Ideen, Gedanken und Gefühlen) ist, finden die gelingende Gespräche meist beim Spazierengehen oder beim Fahrradfahren statt. Sobald die Figuren aber zum Stillstand kommen, gerät meist auch ihr Austausch ins Stocken.
Interessanterweise ist in diesen Momenten des Stillstands oft nur eine Figur im Bild zu sehen, ihr Blick und ihre Worte richten sich oft an eine andere Person jenseits der Leinwand. So prallen die Worte und Blicke geradezu wortwörtlich auf die imaginäre Wand des auf 35 mm begrenzten Bildausschnitts, hinter dem eine ganze Welt (und der Kinosaal) lauert. Auch so kann man einen Diskurs mit dem Publikum herstellen. Die Spannung in »Meine Frau weint« wohnt abseits der Mitte,. Der Fokus strebt in die Randbereiche, wohin auch die Handlung führt.
Die Dialoge in Schanelecs Filmen – zuletzt wurde sie für »Ich war zuhause, aber…« und »Music« jeweils mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet – wirken oft künstlich und theatral. Das gilt auch für ihren neuen Film. Die immer wieder vor weißen Wänden platzierten Figuren wirken dabei zuweilen wie Token, die einen sperrigen Diskurs aufführen. Aber was heißt schon sperrig in einer Welt, in der jeder Akzent das vermeintlich Normale an einen anderen Ort verschiebt? Oder symbolisieren diese gespreizten Gespräche die Diskursunfähigkeit unserer Zeit? Entscheiden Sie selbst!
Weil in »Meine Frau weint« nahezu jede Figur eine migrantische Geschichte auf der Zunge trägt, wirken die Gespräche umso befremdlicher. Aber womöglich ist das ein Zufall, der seine Wirkung entfaltet und uns daran erinnert, dass wir alle irgendwo fremd sind. »We are all Strangers«, lautet der Titel des ebenfalls im Wettbewerb konkurrierenden Dramas von Anthony Chen. Bei Schanelec erst begreift man, was das konkret heißt.
Kameramann Marius Panduru setzt diese steife Welt mit hoher Tiefenschärfe um. Die kaum arrangierten Szenerien haben eine eindrucksvolle Balance, insbesondere wenn die Handlung in ein älteres Haus am Rand von Berlin führt.
Dabei drückt sich dieser stille und nachdenkliche Film nicht um die Grausamkeit der Gegenwart. Im Pausenraum der Baustelle, auf der Thomas arbeitet, läuft im Hintergrund ein Livestream aus Gaza. Dabei wird die Stille immer wieder vom Bombenlärm in Nahost unterbrochen. Während in Berlin etwas aufgebaut wird, läuft in Gaza die Zerstörung. Hier das Leben, dort der Tod – in solch konzentrierten Miniaturen erzählt Schanelec von der unerträglichen Gleichzeitigkeit der Welt und der Schwierigkeit, dafür Worte zu finden.

