Juliette Binoche und Tom Courtenay brillieren in Lance Hammers Demenz-Drama »Queen at Sea«. Der Film folgt der Tochter und dem Ehemann der demenzkranken Leslie, die sich über den verantwortungsvollen Umgang mit der Krankheit streiten.
Klassische Musik schallt durch das viktorianische Haus von Leslie und Martin, als Amanda und ihre Teenager-Tochter Sara nach dem Rechten sehen wollen. Als niemand auf ihr rufen reagiert, ahnt Amanda schon, wo sie ihre Mutter und ihren Stiefvater findet. Und tatsächlich erwischt sie die beiden in flagranti. Mehrmals hatte Amanda zuvor ihren Stiefvater gebeten, auf Zärtlichkeiten mit ihrer Mutter zu verzichten. Der Hausarzt ihrer Mutter war der Ansicht, dass ihre schwer an Demenz erkrankte Mutter nicht mehr in der Lage sei, selbstbestimmt sexuellen Handlungen zuzustimmen. Doch Martin findet das zu viel verlangt, zumal andere Mediziner andere Ansichten hinsichtlich der Verbindung von Sexualität und Demenz verträten.

Dass ihr Stiefvater immer noch der Ansicht sei, dass er nach 18 Jahren Ehe genau wisse, was seine Frau wolle und was nicht, ist für Amanda nicht mehr hinnehmbar. Es ist der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Sie ruft die Polizei und löst damit unbedacht ein Prozedere aus, dessen Folgen sie weder absieht noch kontrollieren kann. Ihre Mutter wird forensisch untersucht, der Sozialdienst wird von Amts wegen eingeschaltet, eine Heimunterbringung geprüft und Martin, der sich bislang liebevoll um seine Frau gekümmert hat, erhält ein Betretungsverbot zur gemeinsamen Wohnung.
Lance Hammer spielt in seinem emotionalen und packenden Drama mit den vermeintlichen Sicherheiten. Denn Leslies Krankheit lässt sichere Annahmen nicht mehr zu. Ist die Tatsache, dass Leslie den Sex zulässt, Folge ihrer Krankheit und oder Ausdruck eigenen Begehrens? Hält sie die Zuwendung und Zärtlichkeit der sexuellen Begegnung vielleicht sogar über Wasser? Wiegen medizinische Positionen schwerer als der Erfahrung jahrelangen Miteinanders? Was sind die persönlichen moralischen Grenzen Wert, wenn man für andere entscheiden muss? Diese Fragen stürze alle Beteiligten in wahre Gewissenskonflikte, denen Lance Hammers in »Queen at Sea« nachgeht.

Zugleich erzählt der Film auf ebenso schockierende wie augenöffnende Weise davon, wie sich Menschen aus Liebe übernehmen und ihre eigenen Grenzen ignorieren. Denn Martin wird sich erst nach und nach eingestehen, dass er sich nicht mehr allein um Leslie kümmern kann. Doch im Heim ist sie nicht gut aufgehoben, wie sich herausstellen wird, so dass sie bald wieder mit Martin in ihrem vertrauten Haus wohnt. Doch nichts wird wieder so werden, wie es einmal war.
Dabei erinnert das Drama unweigerlich an Filme wie Michael Hanekes »Liebe« oder Florian Zellers »The Father«, die sich ebenfalls um solch existenzielle Fragen am Lebensende drehen. Während sich Haneke ganz auf das Verhältnis des rüstigen George und der plötzlich pflegebedürftigen Anne konzentriert und Zeller vor allem das Innenleben des dezenten Anthony in den Blick nimmt, schlägt Lance Hammer einen dritten Weg ein. Er interessiert sich weniger für die in ihrem Körper gefangene Leslie – wenngleich die Verlorenheit in der Welt herausragend von Anna Calder-Marshall gespielt wird – als für ihre nächsten Angehörigen, für ihren Blick auf die demente Frau und dessen Auswirkungen auf ihr Verhältnis.
Leslies Verlorenheit spiegelt sich im entschlossenem Tatendrang von Martin und Amanda, die beide vollkommen unterschiedliche Wege gehen wollen. In der Hoffnung, ihrer Mutter zu helfen, will Amanda ihre Mutter aus der Abhängigkeit von Martin führen. Dabei scheint sie die Dinge aber nur immer schlimmer zu machen. Martin hingegen weiß, was er tat und tun würde, hat aber nicht die Kraft, den Kampf gegen seine Stieftochter auch noch auszufechten.
Juliette Binoche und Tom Courtenay geben ihren zutiefst verzweifelten Figuren eine unheimliche Kraft und Authentizität. Während die von Binoche zwischen Selbstgefallen und Sorge verkörperte Amanda dabei ein ums andere Mal übergriffig agiert, wird in Momenten der Wut Martins Verbitterung und Schmerz darüber sichtbar, dass er Leslie auf diesem Weg nicht Freund und Begleiter sein kann. Gut möglich, dass Courtenay, der bereits 2015 gemeinsam mit Charlotte Rampling die Silbernen Bären für den besten Hauptdarsteller und die beste Hauptdarstellerin für »45 Years« erhalten hat, kurz vor seinem 89. Geburtstag noch einen weiteren Silbernen Bären erhält.

»Queen at Sea« ist ein leiser und sanfter Film, unter dessen Oberfläche es brodelt. Nachdem der Wettbewerb lange im Mittelmaß feststeckte, liefert der Film endlich wieder einen Höhepunkt. Das Drama vertieft die Diskussion von Familie, die in vielen Filmen geführt wird, um eine weitere Facette. Es rückt die Bedeutung von Liebe und Vertrauen in den Mittelpunkt, verschweigt aber auch nicht, dass es Situationen gibt, in denen nicht einmal mehr das hilft.
Dieser Film lässt niemanden unberührt, das liegt nicht zuletzt auch am sensiblen Miteinander von Anna Calder-Marshall und Tom Courtenay, in deren Blicken und Gesten die ganze Geschichte ihrer Verbindung liegt. Das über Jahre aufgebaute Vertrauen ebenso wie die durch die Krankheit hervorgerufene Verunsicherung, wenn plötzlich die normalen und vertrauten Dinge nur noch ein Rätsel sind.

