Berlinale Bites: Auf sich allein gestellt
Edward Berger erzählt in seinem Sozialdrama »Jack« von einer überforderten Mutter und der Odyssee ihrer beiden Söhne durch ein ignorant überzeichnetes Berlin.
Edward Berger erzählt in seinem Sozialdrama »Jack« von einer überforderten Mutter und der Odyssee ihrer beiden Söhne durch ein ignorant überzeichnetes Berlin.
Forest Whitaker überzeugt in »La voie de l’ennemie« als Ex-Häftling, der erbittert mit den Dämonen seiner Vergangenheit und um seine Menschenwürde kämpft. Rachid Boucharebs Wettbewerbsbetrag ist eine Anklage gegen den Alltagsrassismus in den USA.
Ein junger britischer Soldat gerät im nordirischen Konflikt zwischen die Fronten und kämpft, auf sich allein gestellt, ums Überleben. Der britische Film »’71« erzählt von einem vergessenen europäischen Bürgerkrieg, dessen Ende noh nicht allzu viele Jahre zurückliegt.
Lars von Triers bereits vor seiner Weltpremiere umstrittener Film »Nymphomaniac« wird bei der Berlinale 2014 außer Konkurrenz in ungekürzter Fassung gezeigt. Inzwischen steht auch schon knapp die Hälfte der Wettbewerbsbeiträge fest.
Der mit zwei Silbernen Bären ausgezeichnete Film An Episode in the Life of an Iron Picker erzählt die Geschichte von Nazif und Senada, die in einem kleinen Dorf in bitterarmen und harten Verhältnissen leben. Den Lebensunterhalt der vierköpfigen Familie verdient Nazif mit dem Handel von Schrott, indem er Autos mit Hammer und Axt zerlegt und diese dann in Einzelteilen an Schrotthändler verkauft. Ein Knochenjob, wie der bosnische Oscar-Preisträger Danis Tanovic zeigt.
Die Berlinale hat sich einmal mehr als politischstes aller Filmfestivals bewiesen. Das rumänische Drama »Poziţia Copilului« von Calin Peter Netzer wurde als Bester Film mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. Silberne Bären gingen außerdem an den bosnischen Roma-Film »An Episode in the Life of an Iron Picker«, dem kasachischen Beitrag »Harmony Lessons« und Jafar Panahis heimlich gedrehtes Selbstporträt »Pardé«.
Der erst 29-jährige Regisseur Emir Baigazin aus Kasachstan stellt auf der Berlinale mit »Harmony Lessons« eine außergewöhnlich feinfühlige, und zugleich brachiale Gesellschaftsstudie seiner Heimat vor.
Mit »Die Nonne« des französischen Regisseurs Guillaume Nicloux und »Im Namen des…« der polnischen Filmemacherin Małgorzata Szumowska zeigen zwei Filme aus dem Wettbewerb der diesjährigen Berlinale die fanatische Seite des Religiösen. Sowohl Nicloux’ Adaption von Denis Diderots gleichnamigen Romanfragment als auch Szumowskas Geschichte eines homosexuellen Priesters in Polen machen deutlich, wie der Mensch im Mahlwerk der religiösen Dogmen kaputtgemacht wird.
Der rumänische Regisseur Calin Peter Netzer erzählt in seinem Psychodrama »Poziţia Copilului« eine bedrückende Geschichte von Macht, Einfluss und Korruption am Rande und im Herzen der gegenwärtigen rumänischen Gesellschaft.
Neben Stars und Sternchen bieten die diesjährigen Internationalen Filmfestspiele Berlin vor allem spannende Beiträge, die den Menschen unter dem Eindruck der internationalen Finanzkrise in den Blick nehmen. Außerdem verneigt sich die Berlinale vor dem französischen Dokumentaristen Claude Lanzmann und zeigt sein bis heute einmaliges, neuneinhalbstündiges Erinnerungswerk »Shoah« aus dem Jahr 1985 in einer restaurierten Fassung.
Die italienischen Brüder Taviani haben bei den 62. Internationalen Filmfestspielen in Berlin den Goldenen Bären gewonnen. Ihr außergewöhnlicher Beitrag »Cesar must die« ist in diesem Jahr nicht der einzige Beitrag, der mit einem Appell an die Menschenrechte und Rekurs auf Aufklärung reüssierte.
Noch sind nicht alle Stars und Sternchen über den roten Teppich am Potsdamer Platz in Berlin gegangen, aber bereits zur Halbzeit der Berlinale kann man feststellen, dass die Wettbewerbsbeiträge außergewöhnliche Blicke auf den Menschen werfen.
Ursula Meier: L’enfant d’en haut (Winterdieb). Léa Seydoux, Kacey Mottet Klein. 97 Min. FSK: 6 Jahre