Die Tafel für Jederman

Clagett_Farm_CSA_Week_11 | CC BY 2.0

Essen teilen, anstatt es wegzuwerfen! Nach dem Dokumentarfilm »TASTE THE WASTE« und dem Buch »Die Essensvernichter« folgt nun das Praxisprojekt: »FOODSHARING«.

Seit dem Kinostart des Dokumentarfilms TASTE THE WASTE und seinem literarischen Begleiter Die Essensvernichter wird zunehmend über das Thema Lebensmittelverschwendung diskutiert. Das Projekt foodsharing soll künftig die vernünftige Alternative zum Wegwerfen bieten. Denn knapp 82 Kilogramm im Wert von circa 300 Euro wirft jeder Bundesbürger im Schnitt pro Jahr weg, obwohl zwei Drittel des Abfalls vermeidbar wären, weil die weggeworfenen Lebensmittel noch genießbar sind!

Wie viele Lebensmittel der Durchschnittsverbraucher indirekt vernichtet, weil er sie aufgrund seiner Mäkelhaltung im Supermarkt erst gar nicht kauft, ist dabei noch gar nicht mitgerechnet. Zu große Karotten oder Kartoffeln und zu krumme Gurken oder Bananen, kommen – unabhängig von ihrer Qualität – erst gar nicht in den Handel. Joghurt, der nur noch vier Tage haltbar ist, oder Paletten, in denen ein angeschlagener Apfel ist, werden von den Supermärkten radikal aussortiert. Weil sie den empfindsamen Verbraucher abschrecken.

All dies brachten Film und Buch ans Tageslicht. Dass dies nicht einen ebenso lauten Schrei der Empörung verursacht hat, wie etwa Jonathan Safran Foers Enttarnung der industriellen Fleisch- und Fischproduktion Tiere essen oder Karin Dukes Selbstversuch Anständig essen, ist nicht wirklich erklärbar. Ein Ansatz liegt möglicherweise in der Bequemlichkeit des Verbrauchers, der sich nach dem kopflosen Fleischverzehr jetzt nicht noch das kopflose Einkaufen nehmen lassen will. Und die Frage, was man denn überhaupt noch darf, ohne gleich am großen Weltgewissen zu rühren, ist ja nicht ganz aus der Luft gegriffen.

Umso besser, wenn aus der notwendigen Aufdeckung unhaltbarer Zustände und dem damit einhergehenden moralischen Appell etwas Positives und Produktives entsteht. Dies war bereits im vergangenen Herbst der Fall, als in über 20 deutschen Städten Aktionstage gegen Lebensmittelverschwendung stattfanden. Unter dem Motto Teller statt Tonne hatten über 50 Verbände und Organisationen, darunter Slow Food, Oxfam, die Heinrich-Böll-Stiftung und zahlreiche kirchliche Organisationen öffentliche Podiumsdiskussionen mit Verbraucherschützern, Politikern, Bauern und Handelsvertretern organisiert. Außerdem fanden in zahlreichen Städten öffentliche Tafeln statt, bei denen für Passanten leckere Mahlzeiten aus Lebensmitteln hergestellt wurden, die sonst auf dem Müll gelandet werden. All das hat aber nicht zu einem revolutionären Umdenken geführt. Während der Vegetarismus inzwischen ein moderner Lifestyle der BIO-Generation ist, ist das umsichtige Einkaufen immer noch eine Seltenheit.

Da kommt die neue Aktion von Filmemacher und Buchautor Valentin Thun gerade recht. FOODSHARING nennt sich das Folgeprojekt von TASTE THE WASTE und richtet sich besonders an die jüngere Generation. Diese Zielgruppe wirft leider auch am meisten Lebensmittel weg, wie die Studie herausfand, die Bundesernährungsministerin Ilse Aigner im März der Öffentlichkeit vorstellte. In der medialen Vermarktung des Projekts setzt man auch komplett auf den studentischen Lebensstil: »Warst Du auch schon mal hungrig einkaufen und hattest dann viel mehr im Kühlschrank, als Du brauchst? Dann teile doch mit anderen, was Du zu viel hast, statt es wegzuschmeißen. Lerne neue und interessante Leute in Deiner Umgebung kennen. Wenn die Augen, oder die Packung, mal wieder größer waren als der Magen: warum nicht gemeinsam mit Fremden essen? Und beim Nachtisch sind aus Fremden vielleicht schon Freunde geworden – das ist die Idee hinter FOODSHARING.«

FoodsharingFOODSHARING setzt dort an, wo die Gewohnheit Folgen hat. Da sich das Einkaufsverhalten der Konsumenten wenn dann nur langsam verändern wird, bleiben Kühl- und Vorratsschränke zunächst weiterhin überfüllt. Um diese Lebensmittelüberschüsse eben nicht wie bisher wegzuwerfen, soll man sie auf der Internet-Tauschbörse zur Abholung eintragen. Ein prinzip, wie beim Bundesverband deutscher Tafeln. Tauschen statt Wegschmeißen. Dafür müssen eine Internetdatenbank, eine für mobile Endgeräte optimierte Webseite und je eine App für native iOS und Android konzipiert und programmiert werden. »Unser Ziel, die Wertschätzung von Lebensmitteln zu vergrößern, möchten wir auf spielerische Art und Weise erreichen«, so Initiator Valentin Thurn.

Wie bei vielen utopischen Vorhaben lassen sich zunächst mehr Argumente für das Scheitern als für den Erfolg finden. Denn ist tatsächlich zu erwarten, dass diejenigen, denen bereits das Schreiben eines Einkaufszettels zu viel ist, ihre überschüssigen Lebensmittel in eine Tauschbörse eintragen? Oder dass diejenigen, die Bedarf an diesen Lebensmitteln haben, über einen Online-Zugang verfügen? Und dass diese dann auch noch ein Ticket ausdrucken und zu einer bestimmten Zeit die Lebensmittel abholen? Kann die Seite tatsächlich diejenigen zusammenführen, die auf der einen Seite zu viel und auf der anderen Seite zu wenig haben? Man darf skeptisch bleiben, zumal Familienkompatibilität erst einmal anders klingt.

Aber andererseits ist es auch ein Anfang, den momentanen Zustand der Lebensmittelverschwendung anzugehen. Und warum nicht in der jungen, internetaffinen Generation anfangen. Ihre Lebensrealitäten und -gewohnheiten prägen schließlich die künftige Gesellschaft. Wenn durch Aktionen wie FOODSHARING Teilen als Tugend bei den nachkommenden Generationen verankert wird, kann dies der Anfang für ein tragfähiges Zukunftsmodell sein.

Und hier beginnt auch schon die Verantwortung der Generation, für die dieses Projekt nicht in erster Linie gemacht zu sein scheint. Denn die Fragen zur Ethik auf dem Teller, die Valentin Thun und Stefan Kreutzberger in Die Essensvernichter und TASTE THE WASTE ebenso gestellt haben, wie Jonathan Safran Foer und Karin Duve mit ihren kritischen Büchern zur Moral des Fleischverzehrs, gehören in die Schulen und Kinder- und Jugendeinrichtungen. In Fächern wie Ethik, Gesellschafts- oder Lebenskunde sollte dieses Thema ebenso eine Rolle spielen, wie auf Kinder- und Jugendreisen oder im Rahmen der Jugendarbeit.

Einen Anfang macht nun FOODSHARING. Um die geplanten Online-Dienste kostenlos zur Verfügung zu stellen, wurde unter www.foodsharing.de bereits eine so genannte Crowdfunding-Kampagne eingerichtet. Jeder, der dieses Projekt unterstützen möchte, kann dies dort tun. Kleine Motivatoren, wie die handsignierte DVD von TASTE THE WASTE oder das im Herbst erscheinende TASTE THE WASTE – Kochbuch gibt es als Dankeschön. Getragen wird das Projekt von dem eigens initiierten Verein Fair-Teilen e.V., der am 11. Juni 2012 in Köln gegründet wird.

fair-teilen e.V., Marsiliusstr. 36, 50937 Köln

Ansprechpartner: Sebastian Engbrocks, 0178-3108121, sebastian@thurnfilm.de