Berlinale Bites: Niveauvolles Grinsen

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Dominik Grafs »Die geliebten Schwestern« ist eine Hommage an Friedrich Schiller und den freien Geist sowie eine Verneigung vor dem Mut dreier Menschen, einen anderen Weg und damit das Scheitern zu wagen.

In Dominik Grafs »Die geliebten Schwestern« spielt ein außerordentlich inniges Vertrauensverhältnis eine wesentliche Rolle. Es handelt sich dabei um die tiefe Zuneigung der Schwestern Caroline von Beulwitz (Hannah Herzsprung) und Charlotte von Lengefeld (Henriette Confurius), die über viele Jahre einverständlich eine heimliche Ménage à trois mit dem deutschen Dichterphilosophen Friedrich Schiller (Florian Stetter) geführt haben. Mit ihm verbrachten sie einen aufregenden Sommer und tauschten sich gemeinsam geheime Botschaften aus, in denen sie ihr gemeinsames Liebesverhältnis verabredeten.

Allerdings lag von Anfang an ein Schatten auf diesem Verhältnis, da Caroline eine Zweckehe eingehen musste, um der in Schieflage geratenen Familie Haus und Hof zu bewahren. Ihre Liebe zu Friedrich Schiller musste ein Geheimnis bleiben. Mit ihrer Schwester vereinbarte sie, dass diese Schiller heiraten solle, um die gemeinsame Liebe zu bewahren. Der Pakt wurde getroffen, die Beziehung zwischen »Zwei Striche« (Schiller), »Kreis« (Caroline) und »Dreieck« (Charlotte) mit der Heirat von Friedrich und Charlotte gesichert.

1789 wird Schiller an die Universität Jena berufen. Der deutsche Aufklärer hält dort seine berühmte Vorlesung »Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte«, während in Paris die Bastille gestürmt und ein neues Mittelalter eingeleitet wird. Die schrecklichen Nachrichten aus Frankreich halten die drei Liebenden nicht davon ab, gemeinsam vergnügte Sommermonate zu verbringen. Bis Charlotte ihrer Schwester gesteht, dass sie mit Schiller wie eine Schwester lebt. Für die geliebte Schwester war sie bereit zu verzichten. Caroline reist erschüttert ab und zieht sich aus dem Leben der beiden zurück.

Vier Jahre später begegnen sich Schiller und Caroline zufällig und verbringen noch einmal eine leidenschaftliche Nacht miteinander. Diese Nacht bleibt ein Geheimnis, welches sich wie eine scharfe Klinge in das Vertrauensverhältnis der beiden Schwestern bohrt und dort langsam aber kontinuierlich ein Massaker anrichtet.

Die Besetzung in den Hauptrollen ist außerordentlich gut gewählt, insbesondere Hannah Herzsprung besticht in ihrer Verkörperung der sich hemmungslos aufopfernden, leidenschaftlich liebenden, herzhaft leidenden und zugleich intellektuell anspruchsvollen Caroline.

Dominik Graf erzählt diese historisch verbriefte Weimar-Geschichte in spritzigen Dialogen (»Sie grinsen heute schon den ganzen Tag weit unter ihrem Niveau«) spannend und unterhaltsam zugleich – eine Kunst, blickt man auf die historischen Schmonzetten der vergangenen Berlinalen zurück, die mehrheitlich nicht mehr als Kostümfilme waren. Er hat aus dem vielfältigen Geflecht privater Verbundenheiten, höfischer Pflichten, literarischer Ambitionen und philosophischer Gedanken eine kompakte Erzählung geschaffen, die das Dreiecksverhältnis geistesgeschichtlich einordnet.

Lange hat historisches Kino aus Deutschland nicht mehr so viel Spaß gemacht, wie in Die geliebten Schwestern von Dominik Graf, der im Sommer 2014 in einer kürzeren Fassung in die deutschen Kinos kommt.

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