Pop-Musik als Kunstform – Pop-Musik als Phänomen

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Pop-Theoretiker Diedrich Diederichsen legt mit »Über Pop-Musik« sein Alterswerk vor, in dem es ihm nicht weniger als um eine allumfassende Betrachtung der titelgebenden Kunstform geht – autonom den anderen Künsten zur Seite gestellt.

Diedrich Diederichsen hat es seinen Lesern nie leicht gemacht. Egal, wie weit man sich zurücklehnte, es war kaum möglich, das Theoriegebäude in Gänze zu erfassen, das DD errichtet hatte und aus dem er seit den siebziger Jahren das Denken über Pop in Deutschland dominierte. Auf leichte Verständlichkeit, gar auf Eindeutigkeit kam es ihm aber nie an, seine gedanklichen Volten ließen zusammen mit einer Sprache als Mischung aus akademischem Duktus und Alltag immer Spielraum für eigenes Denken in verschiedene Richtungen. In seinen fünf Jahren als Chefredakteur der Spex machte er das Blatt zur bestimmenden Größe im popkulturellen Diskurs – nicht von der Auflage her, aber von der Stimmgewalt. Spex erfindet sich seit ein paar Jahren neu, Diedrich Diederichsen ist sich auf Diedrich-Diederichsen-Art treu geblieben. Nun hat der mittlerweile 57-Jährige, der seit 2006 als Professor für Theorie, Praxis und Vermittlung von Gegenwartskunst an der Akademie der bildenden Künste in Wien lehrt, sein Alterswerk vorgelegt, mit dem er (vorerst) mit dem Thema Pop-Musik abschließt.

Über Pop-Musik ist im Bereich Sachbuch nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse und man kann es der Jury nicht verdenken. Der Titel des Werkes führt den Unbedarften allerdings in die Irre, geht es doch gemessen am Umfang nur selten um Musik. Diederichsen umreißt seine Prämisse gleich auf der ersten Seite, »Und Pop-Musik ist nicht nur sehr viel mehr als Musik. Pop-Musik ist eine andere Sorte Gegenstand.«

Und damit steht sie nicht als eine Spielart der Musik, sondern gleichberechtigt an ihrer Seite, neben den anderen Künsten, Literatur, bildende Kunst und eben die klassische Musik. Pop-Musik ist für Diederichsen nicht allein auf die Musik als Gegenstand zu beschränken. Vielmehr kommt den Rezipienten, den Hörern eine gestaltende Rolle zu, sie sind »in einem sehr hohen Maße auch die Macher von Pop-Musik«. Pop lässt sich nicht auf Soundfiles einengen, er besteht aus verschiedenen »Teilprodukten (Sounds, Texten, Videos, Covern, Frisuren, Emblemen usw.)«, die in immer neuen Zusammenhängen wahrgenommen werden. Wir hören einen Song und finden uns in den Verbindungen als Individuum wieder. Wir erinnern uns an Situationen, an Farben, an die Mode, die wir trugen, als wir ihn zum ersten Mal hörten. Dazu benötigen wir nicht unbedingt einen Tonträger, (Pop-)Musik lässt sich einfach im Kopf in Erinnerung rufen; sie ist auch nicht statisch, sondern lässt sich samplen. In Anlehnung an Charles Sanders Peirce beschreibt DD Pop-Musik als indexalische Kunst, eine Kunst, die sich nicht in den Absichten des Produzenten manifestiert, sondern in »einem unwillkürlichen Besonderen, Punctum genannt«. Musik ist die Basis, Pop-Musik aber entsteht erst im Zusammenspiel unterschiedlichster Faktoren, die sich zu großen Teilen außerhalb der reinen Musik manifestieren. So ist auch die Bindestrichschreibweise von Pop-Musik keine zufällige Marotte, sondern steht für das zu beschreibende Zwitterwesen. Neu ist das bei Diederichsen auch nicht, das rührt bereits aus Spex-Zeiten.

Dies ist die Ausgangsposition, von der aus DD die Kunst Pop-Musik durchleuchtet, in einer umfassenden Analyse, die einzigartig scheint. Gegliedert in fünf Kapitel, denen jeweils zahlreiche Unterkapitel zugeordnet sind, wird der Gegenstand um- und eingekreist, keine Facette bleibt unbeleuchtet. Dabei fährt der Autor schwere Theoriegeschütze auf, so wie er schon immer im Interdisziplinären zu Hause war. Von der Semiotik Charles Sanders Peirces und Lacans Bemerkungen zur Photographie ausgehend, reibt sich Diederichsen an Adorno, an dessen Kritik der Kulturindustrie er sich reibt. Viel Platz wird auch Michel Foucault eingeräumt. Ihn zieht DD hinzu, um – vor allem – im Subkulturalismus im Speziellen und allgemeiner in den Pop-Musik-Kulturen Unterscheidungselemente, »produktive und transformatorische«, herauszuarbeiten. Das Personenregister liest sich wie ein Who ist who der Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts. Judith Butler – in Bezug auf den Performanceakt – fehlt ebenso wenig wie Niklas Luhmanns Beschreibung des Mediums.

Historisch verortet werden die Wurzeln von Pop-Musik im Jazz und dessen Bedeutung für das afroamerikanische Amerika. Kulturhistorische ordnet er die Entstehung von Pop-Musik der von ihm so genannten zweiten Kulturindustrie zu. In Abgrenzung zu Adornos erster Kulturindustrie, in durch den Verbund von Radio und Fernsehen geprägt wurde, entstand Pop-Musik in der Synthese aus ebendieser Musik und dem Fernsehen. Die Phonographie übernimmt hier »die Rolle, die Seele, das Kontingente, das Heilige im kulturindustriellen Produkt zu bezeugen«.

Über Pop-Musik ist in der Lektüre fordernd. Bei Weitem nicht alle Gedankengänge erschließen sich dem Leser beim ersten Mal, selbst bei wiederholter Lektüre bleiben Leerstellen. Das schmälert aber nicht den Eindruck, den dieser gewichtige Band hinterlässt.

In einem Gespräch mit Ulf Poschardt, abgedruckt in der Welt am Sonntag, gab Diedrich Diederichsen an, das Thema Pop-Musik sei für ihn jetzt »gegessen«. »In der Logik des Psychischem wäre naheliegend, dass ich noch melancholisch werde. Mal sehen.« Mal sehen, ob das letzte Wort über Pop-Musik mit diesem Band tatsächlich schon gesprochen wurde.

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Diedrich Diederichsen: Über Pop-Musik

Kiepenheuer & Witsch 2014

474 Seiten. 39,99 Euro

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