Erotik im Comic ­– Ein Versuch, das Ungreifbare zu greifen

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Spielerische Franzosen

In der alten Welt ist der Umgang mit Sexualität, Erotik und Sinnlichkeit grafisch und erzählerisch verspielter. Vor allem französische Zeichner wie das Duo Marie Pommepuy alias Kerascoët und Hubert Boulard mit ihrer Belle-Epoque-Serie Fräulein Rühr-mich-nicht-an, Blutch mit La Volupté oder Christophe Blain mit seiner semiphilosophischen Erzählung Sokrates der Halbhund sind Freunde der erotischen Anspielung. Etwas expliziter thematisieren Jimmy Beaulieu in Ein philosophisch pornographischer Sommer sowie in Nachtstück, Julie Maroh in ihrer gleichnamigen Comicvorlage zum Filmerfolg Blau ist eine warme Farbe oder das Duo Serge Le Tendre und Christian Rossi mit ihrer historischen Geschichte von Tiresias Fragen der erotischen Ausstrahlung. Und auch der Italiener Manuele Fior Mademoiselle Else neigt zu sinnlichen Geschichten.

Eine Sonderstellung unter den aktiven Zeichnern nehmen Joan Sfar, Bastian Vives sowie Frederic Boilet ein. In Joan Sfars in naivem Strich gezeichneten Alben spielt Sexualität eine große Rolle, in Werken wie der avantgardistisch-wilden Künstlerserie Pascin, dem etwas albernen Barockalbum Le minuscule mousquetaire und dem Experiment Tokyo bewegt er sich an der Grenze zur Pornografie.

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© Johnny Negron

Auch die halb naiv, halb realistischen Zeichnungen von Wunderkind und Dauerzeichner Bastian Vives sind von einer Faszination am Erotischen geprägt. Ob Die große Odaliske, seine Geschichte eines Kunstdiebstahls à la Drei Engel für Charlie, oder das geniale LastMan-Universum – seine Welten sind körperbetont und mehrdeutig gestaltet. Mit Les melons de la colère hat er sogar eine pornografische Version von John Steinbecks Weltroman Früchte des Zorns vorgelegt. Erschienen ist das Album bei dem Kleinverlag Les Requins Marteaux in der Independent-Sex-Reihe BD CUL, die experimentierfreudige Erotika von Autoren wie Aude Picault, Morgan Navarro oder Guillaume Bouzard versammelt, um ein neues Zeitalter des freizügigen Comics einzuleiten.

Der in Frankreich geborene und in Japan lebende Frederic Boilet startete seine erotischen Arbeiten Anfang der 1990er mit 3615 Alexia, einem zu seiner Zeit stilistisch wegweisenden Album. Inzwischen hat er, teilweise mit dem Japaner Kan Takahama, unzählige erotische Mangas geschaffen. Ohnehin treiben Erotik, Sexualität und Pornographie in der Welt der Mangas so viele unterschiedliche Blüten, wie sonst nirgendwo. Von berührenden Coming-of-Age-Geschichten mit softerotischen Zügen bis zu harter SM-Pornografie findet man im Manga-Kosmos alles was die Lust begehren könnte, unabhängig von der sexuellen Neigung.

5 Gedanken zu “Erotik im Comic ­– Ein Versuch, das Ungreifbare zu greifen

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