Stranger than fiction oder: Der Raum, wo das Neue wäre, bleibt unerreichbar

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Der Dramatiker Nis-Momme Stockmann kann sich berechtigte Hoffnungen auf den Preis der Leipziger Buchmesse machen. In seinem 700-seitigen Debütroman »Der Fuchs« schlittern die Leser auf verschiedenen, kompliziert ineinander gewundenen Erzählbahnen durch das komplexe Ideen- und Gedankengebäude des Erzählers Finn Schliemann, in dessen Kopf Zustand und Perspektive von Mensch, Welt und Kosmos vielstimmig verhandelt werden. Ein Gespräch über das Ende der Postmoderne, die Lage der Nation, Verramschungsklauseln und bierlaunige Theaterkritik. Oder anders gesagt, ein Gespräch über »reden und schreiben und meinen und denken und fühlen«. 

Herr Stockmann, Sie waren bislang als Dramatiker in aller Munde, nun starten Sie als Romancier durch. Hat Ihnen die Erfahrung als Theaterautor beim Romanschreiben geholfen?

Ich glaube schon, dass ich als Dramatiker viel gelernt habe. Man braucht am Theater eine große Genauigkeit, sowohl in der Tektonik als auch in der Ökonomie eines Texts. Dialoge muss man beispielsweise entkernen, denn wenn Figuren geschwätzig werden, fliegt einem das Stück sofort um die Ohren. Die Leute schalten dann sofort ab. Ein Text wird von einem Dramaturg am Theater auch nach solchen Schwächen durchsucht. Dieser genaue Blick ist auch bei einem komplexen Format wie »Der Fuchs« hilfreich. Die Erzählung beginnt wie ein konventioneller Roman – die meisten lesen den Anfang wie eine klassische Coming-of-Age-Geschichte –, doch nach und nach entsteht etwas ganz anderes, erzählerisch und strukturell. Diese Entwicklung fasziniert mich, wäre aber nicht möglich gewesen, wenn ich mit einer kryptischen Struktur gestartet wäre. Da verliert man gleich die Leser.

Wie kam es zu dem Roman? Verwirklichung des Lebenstraums oder Ergebnis der Suche nach schriftstellerischen Alternativen?

Wer will nicht mal einen Roman schreiben? Insofern natürlich auch ein Lebenstraum. Aber meine Autorenstimme war schon immer eher belletristisch. Ich fühle mich in der Prosa zuhause, das merkt man meinen Theatertexten auch an. Letztendlich ist der Zufall in meiner Biografie, dass ich für das Theater schreibe, da bin ich eher so reingerutscht. Ich glaube, es gibt auch niemanden, der sich willentlich entscheidet, Dramatiker zu werden. Vielmehr befindet man sich nach einer Reihe von Zufällen plötzlich in dieser Rolle. Aber ich will nicht falsch verstanden werden, ich liebe das Theater! Aber die Idee, Prosa zu machen, hatte ich schon immer. Ich bin von diesem Pfad aber einfach ein wenig abgekommen.

Inwiefern unterscheidet sich das Schreiben eines Romans vom Schreiben eines Theaterstücks?

Sie sind plötzlich sehr alleine. Im Theater gibt es viele Menschen, die lesen und begutachten, was Sie schreiben. Bei einem Roman sind Sie aber der Cowboy in der Wüste. Das ist einerseits wahnsinnig schön, weil niemand in ihren Texten herumfuhrwerkt, andererseits ist es aber auch eine große Verantwortung, die, zumindest bei mir, einen immensen Druck verursacht. Ich war während der Zeit des Schreibens immer sehr ängstlich, habe mich gefragt, ob das jemand versteht. Erst jetzt, wo die ersten Leser sagen, dass sie mit dem Buch etwas anfangen können, fällt dieser Druck von mir ab. Wahrscheinlich schlafe ich deshalb gerade auch so viel.

Ihr Debütroman kandidiert für den Preis der Leipziger Buchmesse. Was bedeutet Ihnen diese Nominierung.

Das weiß ich selbst noch nicht so genau, ich kenne den Literaturbetrieb nicht. Aber ich weiß schon, dass Leipzig eine wichtige Sache ist und mich wahnsinnig gefreut, als die Nominierung bekannt wurde.

Wechseln Sie jetzt in die Literatur und damit das Genre? Oder macht die Nominierung eher Angst vor einem zweiten Roman?

Nein, oder vielleicht doch. »Der Fuchs« ist ja selbst ein wilder Genremix, der ein gemeinsames Dach hat. Insofern, warum nicht Genrewechsel. Angst vor einem zweiten Roman habe ich jedenfalls nicht, aber offen gesagt bin ich gedanklich noch viel zu sehr beim ersten. Ich habe ihn noch nicht ein Mal am Stück gelesen, weil ich mich als Autor immer noch zu nah dran fühle, um ihm als Leser begegnen zu können.

Geht das überhaupt, als Autor seinem Roman als Leser zu begegnen?

Doch, das mache ich bei meinen Theaterstücken ja auch. Nach einem Jahr nehme ich sie noch einmal zur Hand. Ich lese die Texte dann mit einer anderen inneren Stimme und einem klareren Blick.

Und was denkt dann der Leser Nis-Momme Stockmann über den Autor?

Meistens gefällt mir das, was er macht (lacht). Aber manchmal finde ich schon auch, dass Dinge, die er vor Jahren geschrieben hat, prätentiös oder naiv sind. Dann stimmt auch mal der Ton nicht ganz oder ich habe zu bestimmten Figuren die Zuneigung verloren. Das ist ja auch immer abhängig von der Lebensphase, in der ich mich zu dem Zeitpunkt befinde. Es ändert sich eben nicht nur die Sicht auf den Text, sondern man ändert sich auch als Mensch.

Hat Sie der Roman verändert?

Ich würde nicht soweit gehen, zu behaupten, dass er einen anderen Menschen aus mir gemacht hat, aber ich habe mir damit schon etwas bewiesen. Natürlich hatte ich den Wunsch, einen Roman zu schreiben, aber ich hätte diesem Wunsch nicht nachgehen müssen. Wenn man das mögliche Scheitern vermeidet, schützt man sich ja auch vor Enttäuschung.

Wann schreiben Sie? Wachen Sie morgens schon voller Ideen auf, die es verlangen, schnellstens aufgeschrieben zu werden, oder verarbeiten Sie ihren Tag abends am Rechner?

Ich schreibe morgens. Ab dem Nachmittag bin ich verbraucht, da ist der Tag für mich als Autor schon gelaufen. Die wichtigsten Stunden sind die am Morgen, da stimmt mein Blutzuckerhaushalt. Wenn ich fit bin, schaffe ich es, gegen acht am Schreibtisch zu sitzen. Es gibt aber auch Tage, da quäle ich mich aus dem Bett und brauche bis elf, bis ich in die Gänge komme. Ich bin kein Frühaufsteher und schreibe stundenmäßig auch nicht wahnsinnig viel, maximal vier bis fünf Stunden am Tag.

2 Gedanken zu “Stranger than fiction oder: Der Raum, wo das Neue wäre, bleibt unerreichbar

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