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»Der Sommer 1990 war der geilste Sommer meines Lebens«

Das Bild-Text-Konvolut »Das Jahr 1990 freilegen« ist wohl die wichtigste, faktenreichste und kreativste Publikation im Jahr 30 nach der Wiedervereinigung. Ich konnte mit einem der Macher, dem Fotografen und ehemaligen Bürgerrechtlicher Andreas Rost über die Arbeit an dem Buch und sein Jahr 1990 sprechen.

Andreas Rost, der Untertitel von »Das Jahr 1990 freilegen« lautet »Remontage einer Zeit«. Das klingt, als wäre diese Zeit mal demontiert worden?
Aktiv natürlich nicht, aber das Unsicherste, was es für die Geschichtsschreibung gibt, ist die Erinnerung. Es ist wirklich erstaunlich, was man alles gar nicht, falsch und richtig erinnert. Ich dachte beispielsweise immer, dass ich seit November am Runden Tisch in Leipzig gesessen habe. Das stimmt aber nicht, wir haben uns das erste Mal erst am 4. Dezember versammelt. Insofern war diese Arbeit schon eine Remontage. Jan Wenzel (Herausgeber und Verleger von »Das Jahr 1990 freilegen«, A.d.I.) beschrieb das immer als antibiografische Arbeit, ich fühlte mich eher an Walter Benjamin und seinen Geschichtsbegriff erinnert. Wir haben uns bewusst nicht auf die Erinnerung verlassen, sondern haben nur Originaldokumente aus dieser Zeit versammelt, sind quasi Benjamin’sche Lumpensammler gewesen. Und dieses Sammeln hat zu einigen Aha-Momenten geführt.

Leipzig, Februar 1990 | Foto: Andreas Rost

Zum Beispiel?
In den Fotos von Gerhard Gäbler fanden wir das Bild eines Mannes mit einem Kopfverband. Links und rechts von ihm liegen Autos auf dem Dach, da hat es also ganz offensichtlich eine heftige Auseinandersetzung gegeben. Und da dachte ich, na so friedlich war die friedliche Revolution dann doch nicht. In solchen Momenten merkt man, was Erinnerung mit einem macht.

Die Fotografien dokumentieren in besonderer Weise, dass es nicht immer friedlich war. Wie erinnern Sie diese Zeit?
Irgendwann ist die Stimmung gekippt und ich kann auch nicht wirklich erklären warum. Es gibt eine Defa-Dokumentation auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung, in der normale Menschen auf den Montagsdemonstrationen in Leipzig befragt werden. Die haben unglaublich reflektiert und achtsam geantwortet, auch wenn es um die SED und deren Kader ging. Da war kein Zorn zu spüren. Drei Monate später im Januar war das komplett verloren. Wie schnell aus einer achtsamen Haltung Hass wird, ist für mich bis heute nicht zu erklären. Das macht mich schon auch traurig, war damals aber auch der Grund, warum diese Fotografien entstanden sind.

Demonstranten in Berlin | Foto: Andreas Rost

Das müssen Sie erklären.
Ich war seit 1982 in Oppositionskreisen unterwegs, es gab auch einen operativen Vorgang gegen mich. Im Herbst 1989 war ich mit vielen anderen sehr aktiv und ab Dezember Sprecher des Runden Tisches in Leipzig. Relativ schnell wurde aber klar, dass für mich und viele meiner Freunde kein Platz in der Politik ist. Dennoch merkten wir, dass die Stimmung am Kippen war, immer mehr wendeten sich von der Bürgerrechtsbewegung ab. Das wollte ich verstehen. Also bin ich mit der Kamera auf die Straße gegangen, habe fotografiert und mich mit Leuten unterhalten. Deshalb halte ich die Alltagsfotos in dem Buch auch für wichtige Dokumente, weil sie keinen Anspruch auf Wahrheit erheben und auch keinem dokumentarischen oder journalistischen Interesse folgen.

»Wenn man so ein Buch macht, muss man seine Augen und Ohren in alle Richtungen aufsperren und offen sein für das, was kommt.«

Andreas Rost

Und so ist das Projekt entstanden?
Ich habe diese Fotos von mir wiedergefunden und wollte damit etwas machen. Also zeigte ich sie Florian Ebner, damals Leiter der fotografischen Sammlung des Museums Folkwang in Essen, jetzt im Centre Pompidou. Er empfahl mir, mich an Jan Wenzel zu wenden, der gemeinsam mit Anna König Verleger von Spector Books ist. Die machten damals beim f/stop-Festival für Fotografie in Leipzig etwas zum Thema »Zerrissene Gesellschaft« und fanden meine Aufnahmen total spannend. Wir sind dann losmarschiert und wussten nicht, was dabei herauskommt. Es entstand dann eine Installation mit Fotos und Texten von mir, die schon »Das Jahr 1990 freilegen« hieß. Wir hatten damals keinen Katalog, nur eine Zeitung, und beschlossen, ein Buch zu machen. Aber keines, das nur meine Arbeit reproduziert, dafür ist das Jahr 1990 zu komplex. Und aus diesem Plan sind nun 600 Seiten geworden.

Berlin, März 1990 | Foto: Andreas Rost

Der Kreis der Macher ist ja groß. Wie arbeitet man denn zu neunt an so einem Buch?
Wir hatten viele Skype-Konferenzen, bei denen uns Wolfgang Schwärzler seine Seitenentwürfe auf den Bildschirm gelegt hat und wir Texte und Bilder Seite für Seite zuordnen konnten; anfangs alle gemeinsam, später haben das Jan Wenzel und Wolfgang Schwärzler vorsortiert. Manchmal war der Ausgangspunkt eine Fotoserie, zu der man Texte sucht, in anderen Fällen war es genau anders herum. Oder es gab neue Impulse. Es gibt den Satz von Fritz Pleitgen, »DDR-Bürger sind wie Tiefseefische«, deshalb gibt es diese und Bilder von Tiefseefischen. Jan Wenzel stieß dann auf das Hubble-Weltraumteleskop, das damals abgeschossen wurde, und so kamen die Bilder mit ins Buch. Wenn man so ein Buch macht, muss man seine Augen und Ohren in alle Richtungen aufsperren und offen sein für das, was kommt.

Das heißt, konkrete Vorstellungen sind eher hinderlich?
Ja, das sind sie. Im besten Fall macht man das, was einen guten Künstler ausmacht: man hört mehr auf das Material als auf die eigenen Wünsche. Um auf Wünsche zu hören, war auch unsere Gruppe zu groß. So ein Projekt gelingt nur, wenn es einen Dirigenten gibt. Und das war in unserem Fall Jan Wenzel. Es haben auch Menschen mitgemacht, die nicht auf dem Buchumschlag genannt werden. Weil wir mit ihnen viele Gespräche geführt haben. Menschen wie Gabriele Stötzer, die zu DDR-Zeiten im Frauenknast gesessen hat und unsere Sicht auf das Jahr 1990 auch sehr beeinflusst hat. Sie war es auch, die mit ihrer Frauengruppe im Dezember 1989 in Erfurt die erste Stasi-Zentrale überhaupt besetzt hatte.

Dresden, Februar 1990 | Foto: Andreas Rost

Der Band zeigt auch eindrucksvoll, dass 1990 keineswegs nur in Berlin wegweisende Entscheidungen getroffen wurden.
Das ist richtig. Da half natürlich, dass der Verlag in Leipzig ist. Wir hatten auch Fotografen aus Leipzig oder Gotha und die Autoren kommen aus noch entfernteren Regionen. Diese Vielstimmigkeit und die Zurücknahme der eigenen Erinnerung bringt das komplexe Bild hervor, dass das Jahr 1990 ausmacht.

»In einer Zeit, in der oft von alternativloser Politik die Rede ist, ist es wichtig, zu erkennen, dass am Ende alles Menschenwerk ist. Und Menschen können sich immer auch anders entscheiden.«

Andreas Rost

Gibt es eine dominante Perspektive im Buch?
Nein, es waren sowohl Ost- als auch Westdeutsche an dem Buch beteiligt, wenngleich mehr aus dem Osten berichtet wird. Wir wussten, dass diese Perspektive auch schwierig ist, deshalb war die Öffnung nach außen mit Vaclav Havel, Nelson Mandela und anderen wichtig. Wir haben vorsichtig internationale Bezüge angedeutet, um klar zu machen, das 1990 nicht nur für Deutschland bedeutend war, sondern es ein großes internationales Ding war.

Warum sollen wir uns heute das Jahr 1990 noch einmal ins kollektive Gedächtnis holen?
Zum einen, weil es nach wie vor ein großes Unverständnis im Westen gibt, wie der Osten – also auch jenseits der Grenzen von Ostdeutschland – sich verhält. Ich denke, da Buch hat das Potenzial, für mehr Verständnis zu sorgen. Zum anderen haben wir das Buch so gemacht, damit die Möglichkeiten anderer Verläufe aufgezeigt werden. In einer Zeit, in der oft von alternativloser Politik die Rede ist, ist es wichtig, zu erkennen, dass am Ende alles Menschenwerk ist. Und Menschen können sich immer auch anders entscheiden.

Berlin, Sommer 1990 | Foto: Andreas Rost

Haben Sie dafür ein Beispiel?
Es gibt eine Doppelseite im Buch, die zeigt das exemplarisch. Als es um die letzten Volkskammerwahlen ging, hatten wir am Runden Tisch festgelegt, dass das Wahlen in dem eigenständigen Staat DDR sind und für den Wahlkampf nur DDR-Politiker zugelassen sind. Nur wenige Stunden später traten dann aber Anke Fuchs für die SPD und Volker Rühe für die CDU in Bonn vor die Kameras, und erklären, dass das so niemals geschehen wird. Und tatsächlich ist genau das im Wahlkampf passiert. Als wir Bürgerrechtler die reale Möglichkeit hatten, politische Macht zu übernehmen, kam der Westen und hat uns für komplett naiv erklärt. Wir wurden wieder zu Kindern gemacht, wie in der DDR. Das wollten wir aufzeigen. Es werden Möglichkeiten ausgeleuchtet, um zu zeigen, dass das alternativlose Geschehen vielleicht doch nicht so alternativlos war. Und das ist für die Gegenwart eine interessante Erkenntnis. Insofern ist dieses Buch gewissermaßen ein Appell an die Fantasie und Utopie. Deswegen sind auch die Texte von Alexander Kluge so wichtig. Es sind die einzigen fiktionalen Texte, die aber natürlich auf realen Hintergründen beruhen.

»Das Jahr 1990 freilegen« ist für den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse nominiert. Ist es für Sie als Fotograf nicht auch ein Fotobuch?
Für Fotografen ist das natürlich kein Fotobuch, genauso wenig wie es für Historiker ein Geschichtsbuch ist. Es ist eine experimentelle Form des Nachdenkens über die Zeit mit den Möglichkeiten von Text und Bild. Üblich ist die erklärende Bildunterschrift, die die Deutung des Bildes vorwegnimmt. Hier aber entsteht eine Spannung zwischen der Sachlichkeit der Texte und den Emotionen auf den Bildern.

»Erkenntnis ist nie nur eine rein logische Sache, sondern immer auch ein sinnlich-emotionaler Prozess.«

Andreas Rost

Für jeden Monat im Jahr 1990 haben Sie einen besonders bedeutsamen Tag festgelegt, um Ankerpunkte zu bieten. Im Januar ist das der Tag, als Bürger die Stasizentrale in der Normannenstraße besetzten. Im März der Tag der ersten freien Volkskammerwahlen, die Unterzeichnung des Staatsvertrags zwischen DDR und BRD am 18. Mai gehört dazu, aber auch der 2. August, will da der Zweite Golfkrieg begann. Wie sind diese Schlüsseltage ausgewählt worden?
Meistens hat Jan Wenzel die Tage intuitiv festgelegt, auch mit Blick auf das Material. Die elfte Sitzung des Runden Tisches ist jetzt zum Beispiel vielleicht nicht unbedingt so bedeutend, aber da passiert etwa sehr Entscheidendes, das wir mit unserem Material unterstreichen konnten. Es ist also immer auch eine subjektive Entscheidung, ob an den Tagen etwas Symptomatisches passiert. Und natürlich hatten wir auch gewisse Vorstellung, Erinnerungen oder Erfahrungen, die die Entscheidung beeinflusst haben. So war Boris Budens »Zone des Übergangs« ein wichtiger Text, der zeigt, wie Bürgerrechtler vom Westen zu Kindern gemacht wurden. Und das wollten wir auch darstellen.

Demonstration auf dem Karl-Marx-Platz, Leipzig, 5. April 1990 | Foto: Andreas Rost

Die Form, in der das Buch daherkommt, erstaunt. Das Format erinnert an ein Telefonbuch, auf der sich Text und Bild immer anders begegnen und ins Verhältnis setzen. Welcher Gedanke stand hinter diesem Konzept?
Wir haben dieses Layout das erste Mal vor drei Jahren in der Zeitung zum f/stop-Festival in Leipzig ausprobiert. Ute Mahler, die hier auch mitgemacht hat, sah das damals und sagte zu mir »Och Andreas, die Fotos sind prima. Du brauchst gar nicht so viel Text.« Den Ausgangspunkt bildeten dann Drehbücher von László Moholy-Nagy, in denen er eine gewisse Übersichtlichkeit über die Elemente schafft und trotzdem die Polyphonie abbildet. Wir haben dieses Design abgewandelt. Ich hatte in meinem Studium noch gelernt, auf unterschiedliche Schriften oder zu viel unterschiedliche Schriftgrößen zu verzichten, aber hier macht es genau den Effekt aus, den wir erzielen wollten, weil es wie ein Reinzoomen und wieder Rausgehen wirkt. Ein großer Verlag hätte angesichts des Aufwands und Risikos auch die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen bei diesem Layout. Insofern war es ein Riesenglück, dass Jan Wenzel und Anne König das unbedingt wollten und entsprechende Kapazitäten im Verlag freigeräumt.

Weil jede Seite ist ein Unikat ist und besondere Aufmerksamkeit verlangt.
Dass jede Seite anders ist, ist Ausdruck für die vielen Stimmen, die wir versammelt haben. Wenn wir jede Seite gleich gemacht hätten, hätten wir die Wirklichkeit dieses Jahres in ein Schema gepresst und vergewaltigt. Und genau das ist ja auch das Problem bei dem Thema, bei dem zu viele Leute zu viele Schemen im Kopf haben. Insofern ist es wichtig und richtig, dass jede Seite anders ist. Andererseits ist das Buch natürlich auch ein Kunstwerk, das man zusammenhalten muss. Deshalb kehren bestimmte Elemente immer wieder und geben dem Buch eine gewisse Stabilität. Wir haben beispielsweise längere Textpassagen, neben die wir Fotoblöcke gesetzt haben, wo eine Arbeit intensiver beleuchtet wird. Es beginnt mit Fotos von Ulrich Wüst, das war mir sehr wichtig, der wahrscheinlich 1990 ein bisschen überfordert war. Was macht der also? Er geht auf seinen Dachboden und findet alte Zeitung aus den 50ern, die er fotografiert. Da hatten wir plötzlich die ganze Vorgeschichte, das war unser Anfang. Am Ende steht eine großartige Serie von Harald Kirchner, der in so ein nach der Wiedervereinigung geschlossenes Leipziger Kombinat ging und fotografiert, was davon bleibt, wenn die Arbeit fehlt. Zugleich findet man die Geschichte dieser Veränderung in Form von irgendwelchen Aufklebern und Notizen an den Wänden. Durch diese beiden Bildblöcke haben wir versucht, dem Buch einen Bogen zu gehen. Also ja, jede Seite ist anders, das war uns als Ausdruck für die vielen Stimmen, die wir versammelt haben, wichtig. Gleichzeitig gibt es wiederkehrende Elemente Schlüsseltage in jedem Monat, die Orientierung geben. Sonst wäre es wahrscheinlich eine Kakophonie geworden, in der man sich komplett verloren hätte.

Das Jahr 1990 freilegen - Spector Books - 1

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Verlieren kann man sich dennoch, wenn man will. Ist das nicht auch intendiert, um sich einzufühlen in das Chaos des Jahres 1990?
Für uns Künstler ist es natürlich ein Riesenspaß, ein Buch zu machen, das nicht lesbar ist. Das ist auch irgendwie ein Witz. Und als Künstler ist man immer interessiert daran, sich an Sachen zu wagen, die vorher keiner probiert hat oder die komplett unmöglich erscheinen. Bei mir entsteht dabei genau das, was Sie beschreiben, nämlich dass ich emotional in eine Überforderung gebracht werde, die die Menschen damals auch wahrgenommen haben. Erkenntnis ist nie nur eine rein logische Sache, sondern immer auch ein sinnlich-emotionaler Prozess. Die pure Menge der Inhalte im Buch wirft die Leser – mit sicheren Abstand der Jahre wohlgemerkt – emotional in eine ähnliche Überforderungssituation hinein. Sowas kann eben nur Kunst. Diese emotionale Erkenntnisse kann man mit dem Buch haben, ohne per Zeitreise wirklich zurückgehen zu müssen.

Und doch macht man diese Zeitreise mit den Protokollen der Aussagen vieler normaler Leute, die in dem Buch sind, weil in ihnen deutlich wird, was der Mann oder die Frau auf der Straße damals für Hoffnung, Ängste und Sorgen hatten. Da geht die große Politik im Kleinen auf.
Manchmal wird die große Politik auch nur darüber verständlich. Am Anfang des Buches gibt es eine Interviewsequenz mit Aussagen von Arbeitern von der Wismut, die da sagen, dass sie ihr Leben lang unter gesundheitsschädlichen Bedingungen gearbeitet haben und mit 50 vielleicht schon an Krebs sterben und deshalb nicht noch ewig auf die Wiedervereinigung warten, sondern die sofort haben wollen. Es braucht schon sehr viel intellektuellen Höhenflug, um so ein Argument wegzudiskutieren. Das ist einfach ein ganz legitimes Bedürfnis der Menschen gewesen. Und vielleicht war es auch der Fehler von uns Bürgerrechtlern, dass wir auf dieses unmittelbare Bedürfnis nicht genügend eingegangen sind. Das ist sicher Teil unseres Misserfolges.

»Die Ostzone gab es nicht mehr, der Westen war noch nicht da, und wir haben frei rumexperimentiert.«

Andreas Rost

Hat sich durch die Arbeit an dem Buch auch Ihr Blick auf das Jahr 1990 geändert?
Er ist sicher differenzierter geworden. Ich kann jetzt die Versäumnisse von uns Bürgerrechtlern besser sehen. Wenngleich ich schon beim Fotografieren auf der Straße mitbekommen habe, dass die einfachen Leute andere Dinge diskutiert haben als wir am Runden Tisch. Diese Erfahrung hatte mich schon damals ziemlich geerdet. Ich glaube zwar nicht, dass ich das damals wirklich verstanden habe, aber es war der Versuch. Dieser Verstehensprozess hält auch heute noch irgendwie an. Ich frage mich bis heute, wie es passieren konnte, dass aus der großartigen Demonstration am 9. Oktober 1989 in Leipzig eine Atmosphäre entstehen konnte, die uns im Februar 1990 am Runden Tisch veranlasst hat, die Montagsdemos abzusagen. Denn da marschierte plötzlich ein Haufen Neonazis auf. Und ich kenne keinen Bürgerrechtler, der das gut fand. Und es ist ja auch heute noch so, auch wenn der Spiegel da was anderes schreibt.

Berlin, 1990 | Foto: Andreas Rost

Inwiefern?
Mehr als drei oder vier Namen von ehemaligen Bürgerrechtlern, die bei der AFD gelandet sind, kann keiner nennen. Dennoch wird immer so getan, als wären viele ehemalige Bürgerrechtler bei der Partei. Ich kann nur sagen, dass keiner meiner Freunde oder der Leute, mit denen ich damals zusammen war, bei der AfD ist. Bürgerrechtler haben schon ein stabiles inneres Geländer. Wir haben die ganze Sache nie völkisch betrachtet, sondern für uns war klar: Bürgerrechte sind Bürgerrechte. Das heißt, jeder und jede, egal welcher Herkunft, Beruf oder sonstwas, muss die gleichen Rechte haben. Deshalb haben wir die Wende auch vollendet. Wir wollten in einem Staat mit einer demokratischen Verfassung, Wahlfreiheit, freier Presse und Meinungsäußerung und so weiter zu leben. Dieses Ziel haben wir erreicht. Es gab andere Ziele, die wir auch gern erreicht hätten, aber die Wähler zur ersten freien Volkskammerwahl haben nun einmal so entschieden. Und das haben wir als Demokraten zu akzeptieren, auch wenn wir das nicht richtig fanden. Wir Bürgerrechtler sind da unterlegen gewesen, aber das was wir erreichen wollten, das haben wir erreicht. Wenn die AfD jetzt meint, sie müsste die Wende vollenden, dann bekomme ich Würgereflexe. Es gibt da nichts zu beenden. Zumal es keine Wende war, sondern ein Epochenbruch oder Regimewechsel.

Welches ist denn Ihr persönlicher Schlüsseltag?
Ich kann das nicht auf einen Tag festlegen. Wenn, dann wäre es wohl die Besetzung des Tacheles am 13. Februar. Denn ich kann sicher sagen, dass der Sommer 1990 im Tacheles der geilste Sommer meines Lebens war. Die Ostzone gab es nicht mehr, der Westen war noch nicht da, und wir haben frei rumexperimentiert. Für mich besonders wichtig war dabei, dass, auch wenn es nicht geplant war, das ganze sofort eine internationale Angelegenheit war. Und nach meinem politischen Volontariat am Runden Tisch wollte ich nur noch raus aus dieser deutsch-deutsche Gemüsesuppe. Ich war fertig damit, wollte das nicht mehr. Und dann war da diese riesige Spielwiese mit einer internationalen Community, da war der Ost-West-Konflikt auf einmal komplett unwichtig. Und das war einfach geil. Wir haben im Tacheles den ersten Techno-Club von Berlin gehabt, wir hatten diese wahnsinnigen Theateraufführung und jede Nacht Lagerfeuer mitten in der Großstadt. Was kann es Schöneres geben?

Jan Wenzel (Hrsg.): Das Jahr 1990 freilegen
In Zusammenarbeit mit Jan-Frederik Bandel, Anne König, Christin Krause, Elske Rosenfeld, Andreas Rost, Wolfgang Schwärzler, Monique Ulrich, Anna Magdalena Wolf
Spector Books 2019
592 Seiten, 36,- Euro
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