Film

Ukrainische Perspektiven

Die Deutsche Kinemathek bringt »Perspectives of Ukrainian Cinema« auf die Leinwand. Bis zum 30. Juni wird in Berlin, Leipzig und Hamburg ukrainisches Gegenwartskino gezeigt, das ein eindrucksvolles und facettenreiches Bild von Land und Menschen geben. Der Eintritt zu allen Vorführungen ist frei.

Die russische Kriegsrhetorik propagiert, dass die Ukraine ein künstlicher Staat ohne eigene Kultur und Geschichte sei. Bereits in einem Beitrag zur zeitgenössischen ukrainischen Literatur hatte ich gezeigt, dass dies Unsinn ist. Die Filmreihe »Perspectives of Ukrainian Cinema« beweist nun für das Kino eindrucksvoll das Gegenteil. Mit seiner großen cineastischen Vielfalt zeichnet sie nicht nur eine unverwechselbare Landkarte der jüngeren ukrainischen Filmkunst, sondern auch der ukrainischen Geografie, Geschichte und Gesellschaft.

Seit den Anfängen des Kinos wird in der Ukraine eine große Leidenschaft für diese Kunstform gehegt. Aktuell erlebt das ukrainische Kino einen regelrechten Boom. Eine neue Generation von Regisseur*innen knüpft an das reiche filmische Erbe des Landes an und zeugt von einer lebendigen, unabhängigen Kinokultur in der Ukraine.

Das Spektrum der Filme, die in Leipzig in der Schaubühne Lindenfels, in Hamburg um Abaton Kino und in Berlin im City Kino Wedding und dem Delphi Lux am Bahnhof Zoo bis Ende Juni gezeigt werden, ist vielfältig.

Der Filmklassiker »Arsenal« von Oleksandr Dovzhenko aus dem Jahr 1929 ist ein Beispiel des frühen expressionistischen Kinos der Ukraine. Der epische Film erzählt die Geschichte der Niederschlagung des bolschewistischen Aufstands in der Arsenal-Fabrik Kyivs durch die Truppen des Zentralrats im Jahr 1918.

Das mehrfach ausgezeichnete Drama »Klondike« von Maryna Er Gorbach spielt in einem Dorf in der seit 2014 umkämpften Donbass-Region. Der Abschuss des Passagierflugzeugs MH17 in unmittelbarer Nähe verstärkt die Spannung im Dorf. Das Wrack des abgeschossenen Flugzeugs und der ankommende Strom von Trauernden unterstreichen das surreale Trauma des Augenblicks.

Iryna Tsilyks Dokumentarfilm »The Earth is Blue as an Orange« handelt von einer alleinerziehenden Mutter und ihren vier Kindern, die im kriegsumwitterten Donbass über die magische Macht des Kinos nachdenken. Während die Außenwelt von Bombenangriffen und Chaos geprägt ist, gelingt es der Familie, ihr Haus als sicheren Hafen voller Leben und Licht zu erhalten.

Philip Sotnychenkos Kurzfilm »Nail« rekonstruiert die jüngste ukrainische Vergangenheit. 1996 wanderte Valentyna mit ihrer Mutter und ihrem Stiefvater in die Schweiz aus. Zwanzig Jahre später tauchen VHS-Kassetten auf, die ihre ukrainische Vergangenheit wieder aufleben lassen – eine Vergangenheit, die so fern und gleichzeitig so nah scheint.

Der an Science Fiction angelehnte Film »Atlantis« von Valentyn Vasyanovych erzählt von einer untergegangenen Zivilisation im Osten der Ukraine. Als die Schmelzhütte, in der der traumatisierte Sergiy arbeitet, geschlossen wird, findet er einen unerwarteten Weg, damit fertig zu werden. Der ehemalige Soldat schließt sich der Freiwilligenmission Schwarze Tulpe an, die sich der Exhumierung der Kriegstoten widmet.

In der surreal anmutenden Tragikomödie »Volcano« von Roman Bondarchuk wird die Geschichte von Lukas erzählt, der als OSZE-Übersetzer in den Süden der Ukraine reist und dort ein Glück findet, von dem er nicht wusste, dass es das gibt. Der Stadtjunge findet Unterschlupf im Haus des ortsansässigen Vova. Die öffnet ihm die Augen für ein ihm gänzlich unbekanntes Leben, das losgelöst von jeder erkennbaren Struktur zu sein scheint.

Die exzentrische und berührende Komödie »My Thoughts are Silent« von Antonio Lukich begleitet einen Sohn und seine Mutter auf einem Roadtrip durch das Land. Ihre weitgehend die Westukraine durchquerende Reise gibt ihnen nicht nur Gelegenheit, ihre Beziehung, sondern auch sich selbst zu reflektieren – wer sind sie und was bedeutet für sie Heimat?

In Roman Liubiys »War Notes« werden persönliche Videos von Handys, Camcordern, Kameras und GoPros ukrainischer Soldat:innen zu einer surrealen Reise an die Frontlinie des Krieges mit Russland montiert. Der Film zeigt eine bizarre Welt, in der ganz andere Gesetze gelten, als die, die wir kennen. Ein bemerkenswertes dokumentarisches Experiment direkt von der Front.

Der Kurzfilm »Territory of Empty Windows« von Zoya Laktionova führt ins von Umweltverschmutzung und Krieg zerstörte Mariupol. Der Zweite Weltkrieg und das örtliche Stahlwerk Azovstal hatten Zoya Laktionovas Familie einst dazu bewogen, nach Mariupol zu ziehen. Und der Krieg mit Russland sowie die Auswirkungen der Industrieanlage auf die Umwelt haben eine dramatische Rolle in ihrem Leben gespielt.

Territory of empty windows (2020) | trailer from Zoya Laktionova on Vimeo.

Die Filme werden jeweils von ukrainischen Filmemacher:innen und Kulturakteur:innen eingeführt und diskutiert. Das Programm wird kuratiert von Victoria Leshchenko und Yuliia Kovalenko, die mit ihrer Filmkurator:inneninitiative sloїk film atelier unterrepräsentierten Stimmen Raum geben und sie international fördern.

1 Kommentare

Kommentare sind geschlossen.