Essay, Gesellschaft, Sachbuch

Entkommen, um zu kommen

Liebe, Sex und Begehren dringen tief ins Private und sind doch so politisch wie nie. Zahlreiche aktuelle feministische Texte fragen danach, wie frei wir inner- und außerhalb der Betten leben können. Eine Reise durch die aktuellen und wieder aufgelegten Bücher von Laurie Penny, Amia Srinivasan, Maggie Nelson, Audre Lorde sowie bell hooks und ein Blick auf das Paradies weiblicher Macht.

Kurz nach dem Beginn der russischen Invasion in der Ukraine postete die Berliner Hetäre Salome Balthus in den Sozialen Netzwerken ein lustvolles Selbstporträt. Darunter versprach sie auf Russisch: »Alle Deserteure des russischen Militärs bekommen kostenlosen Sex mit ihr!« Statt moralische Empörung oder politische Debatten löste das Bild überwiegend Zustimmung und Unterstützung aus.

Laurie Penny

Möglicherweise befinden wir uns längst schon mitten in der »Sexuellen Revolution«, die die britische Star-Feministin Laurie Penny in ihrem neuen Buch ausruft. Denn dort heißt es, dass sich die sexuelle Revolution, die ihr vorschwebt, »dem Machtmissbrauch auf allen Ebenen entgegenstellt«. Und zweifelsohne ist der brutale Überfall der Ukraine eine Form des Machtmissbrauchs.

Der Krieg, den Penny beschreibt, ist dennoch ein anderer. Die Verschmelzung der allgegenwärtigen Sexualität mit den gesellschaftlichen Machtverhältnissen habe zu einem Klima geführt, »in dem der Freiheitsgedanke theoretisch fetischisiert und praktisch ausgehölt wird«, schreibt sie in ihrem neuen Buch. Das Ergebnis seien autoritäre Tendenzen, die die politische Mainstream-Kultur vollkommen durchdrungen hätten. Diese gelte es aufzubrechen, um ein neues, lebensbejahendes Miteinander zu schaffen.

Laurie Penny: Sexuelle Revolution. Rechter Backlash und feministische Zukunft. Aus dem Englischen von Anne Emmert. Nautilus 2022. 384 Seiten. 24,00 Euro. Hier bestellen.

Wer meint, dass für einen solchen Wandel der Begriff Revolution zu hoch gegriffen sei, dem nimmt Penny schon auf den ersten Seiten den Wind aus den Segeln. Denn die sexuelle Revolution bedrohe mit ihrer nachdrücklichen Forderung einer Neuorganisation von Fürsorge und Arbeit die moderne Wirtschaftsordnung und stelle das Prinzip sexueller Unterdrückung infrage. Penny will nichts weniger, als die neoliberale Ordnung der Welt auf den Kopf stellen, um die »Kultur des Zwangs« von einer »Kultur der Einvernehmlichkeit« abzulösen. Dies sei »ein Kulturkrieg, den entweder alle gewinnen oder niemand.«

Derlei kompromisslose Alles-oder-Nichts-Ansagen machen grundsätzlich skeptisch. Umso überraschender, wie eingängig das Vorgehen der 36-jährigen Journalistin ist. In 14 Kapiteln betrachtet sie die aus ihrer Sicht relevanten Bruchkanten des Daseins, um die autoritären Tendenzen unserer Zeit zu beschreiben und aufzuzeigen, wie Einvernehmlichkeit das auf Macht und Hierarchie basierende Miteinander positiv verändern kann. Dabei beschreitet sie die klassischen feministischen Handlungsfelder. Es geht um reproduktive Rechte, körperliche Selbstbestimmung, Abtreibungsverbote (die Penny passend als Instrument des »Gebärzwangextremismus« bezeichnet), sexuelle Gewalt, Frauenhass, Prostitution, Pornographie, Schönheitsnormen, Arbeitsverhältnisse und Beziehungsarbeit.

Dabei ist sich Penny auch nicht zu schade, eigene Traumata anzuführen, ganz egal, ob es um Vergewaltigung, Gaslighting oder Bodyshaming geht. Die Strategie dahinter ist klar: keine Frau ist vor solchen Erfahrungen sicher, auch eine wache Feministin nicht. Die Kehrseite dieses subjektiv motivierten Schreibens ist eine latente Wut auf den Hetero-Mann, die sich in pauschalen Behauptungen à la Männer sind so und Frauen so Bahn bricht.

Und dennoch lohnt sich die Lektüre dieser Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Schlachtfelder des offenen, genderqueeren Feminismus, allein um zu verstehen, wie »aus der Debatte über das Leben von Frauen ein Referendum über die Seelen der Männer geworden ist«.


Amia Srinivasan

Laurie Penny räumt allerdings selbst ein, dass sie einen blinden Fleck hat. »Jede weiße Person, die über Politik schreibt, trägt intellektuell weiße Scheuklappen.« Vor solchen muss die 38-jährige Philosophin Amia Srinivasan keine Angst haben. Ihr fulminantes und zu Recht hochgelobtes Debüt »Das Recht auf Sex« gilt als eines der erfolgreichsten Sachbücher der letzten Jahre. Ihre politische Kritik der Sexualität ist ebenso von der Hoffnung auf eine andere Welt getrieben wie Laurie Pennys Werk. Mutig blickt die in Oxford lehrende Professorin in ihrem Buch in die dunklen Abgründe des Sexuellen, nicht um zu urteilen, sondern um die Ambivalenzen des gesellschaftspolitischen Umgangs mit Lust und Begehren, Pornografie und Sexarbeit, Misogynie und häuslicher Gewalt herauszuarbeiten.

»Diese Essays bieten kein Zuhause«, warnt sie eingangs gleich vor. Statt mit den Errungenschaften des Feminismus werden wir hier mit unbequemen Wahrheiten konfrontiert. Der lockende Titel etwa entpuppt sich als das genaue Gegenteil. Er lehnt sich an das Manifest von Elliot Roger an, einem bekannten Incel, also einem Mann, der unfreiwillig zölibatär lebt, aber meint, er hätte »ein Recht auf Sex«. Er tötete 2014 sechs Menschen, weil keine Frau mit ihm ins Bett gehen wollte. In einschlägigen Foren, die Penny als »gefährliche Schützengräben verblendeten Selbstmitleids« beschreibt, wurde er noch jahrelang gefeiert.

Amia Srinivasan: Das Recht auf Sex. Feminismus im 21. Jahrhundert. Aus dem Englischen von Anne Emmert und Claudia Arlinghaus. Klett Cotta 2022. 320 Seiten. 24,00 Euro. Hier bestellen.

Aber gibt es nun ein solches Recht auf Sex? Die sexpositive Strömung, die seit den 80ern auch den Feminismus prägt und der auch Laurie Penny angehört, würde das nicht pauschal bejahen, aber doch zumindest einräumen, dass Sex nur einer Einschränkung unterliegt, nämlich der von Zustimmung und Einvernehmlichkeit. Srinivasan weist nun darauf hin, dass dieser Ansatz in einer patriarchalen Gesellschaft einen entscheidenden Aspekt unterschlägt. Denn wenn man Consent als einzige Voraussetzung für ethisch einwandfreien Sex ansieht, führe das zu einer natürlichen Erklärung sexueller Präferenz. Die sex-positive Perspektive birgt so die Gefahr, »nicht nur Misogynie, sondern auch Rassismus, Ableismus, Transphobie und sämtliche anderen Unterdrückungssysteme, die über den scheinbar harmlosen Mechanismus persönlicher Präferenz Eingang ins Schlafzimmer finden, zu entschuldigen.«

Persönliche Vorlieben seien aber nur selten einfach nur persönlich, sondern Konstrukte politischer Wirklichkeit. Diese zeigt Srinivasan anhand von Abstufungen persönlicher »Fickbarkeit« auf, die nicht die sexuelle Verfügbarkeit, sondern den Status anzeigt, der mit dem Geschlechtsverkehr einhergeht. Demnach stehen »geile blonde Schlampen« und weibliche East Asians ganz oben, während schwarze Frauen und männliche Asians als relativ unfickbar gelten. Sex mit schwarzen Männern werde fetischisiert und vor geistig oder körperlich beeinträchtigten, transsexuellen oder korpulenten Körpern gebe es eine regelrechte Abscheu. Wenngleich es also kein Recht auf Sex und Begehren gebe, ist die Erkenntnis, wer begehrt wird und wer nicht, politisch motiviert. »Im allerbesten Fall«, so Srinivasan, »kann sich das Begehren dem widersetzen, was die Politik für uns entschieden hat, und selbst entscheiden.«

Immer wieder nimmt die Tochter indischer Einwanderer Abhängigkeitsverhältnisse, Machtstrukturen und Rechtsregime in den Blick. Etwa wenn sie den gesellschaftlichen Umgang mit dem Vorwurf sexueller Gewalt betrachtet. Anhand statistischer Daten zeigt sie, wie bedeutsam hier etablierte Machtstrukturen wirken. So gehen Strafverfolgungsbehörden in den USA dem von weißen Frauen vorgebrachten Vorwurf sexueller Gewalt durch einen schwarzen Mann deutlich häufiger nach, als wenn schwarze Frauen weiße Männer eines Übergriffs bezichtigen. Ursächlich dafür seien auch die »scherenschnittartigen Vergewaltigungserzählungen des weißen Feminismus«, so Srinivasan, die rassistische Stereotype – der schwarze Mann als Vergewaltiger, die schwarze Frau als chronisch promiskuitiv – bestätigen.

»Die zentrale Erkenntnis der Intersektionalität besteht darin, dass eine Befreiungsbewegung (Feminismus, Antirassismus, Arbeiterbewegung), die nur das in den Blick nimmt, was sämtlichen Mitgliedern der jeweiligen Gruppe gemein ist (Frauen, People of Color, Arbeiter:innen), nur jenen Gruppenangehörigen optimal dient, die am wenigsten unterdrückt werden.« Ein Feminismus, der sich ausschließlich mit Fällen patriarchaler Unterdrückung befasst, die nicht durch Faktoren wie race, Kaste oder Klasse beeinflusst sind, diene »letztlich nur der reichen weißen und hochkastigen Frau«, schreibt Srinivasan.

Spannend sind auch die Gespräche, die die Professorin, die in Oxford den Lehrstuhl innehat, auf dem einst Isiah Berlin saß, mit ihren Studierenden über Pornografie geführt hat. Die Studierenden der Philosophin gehören zu der Generation, die mit der allgegenwärtigen Pornografie ihre Sexualität entdeckt hat. Für sie »ist Sex das, was die Pornoindustrie als Sex definiert.« Damit ist nicht die queerfeministische Pornografie von Erika Lust gemeint, sondern das, was Laurie Penny mit den Worten »geölte Körper, die einander am Fließband in die Unterwerfung bumsen« beschreibt.

In ihrem Essay zeigt Srinivasan nun auf, dass diese »gefühllose Erregung« (Audrey Lorde in »Sister Outsider«) und ihr Konsum Haltungen stärkt, die Gewalt gegen Frauen relativieren. Srinivasans Text hebt dennoch nicht zum antipornografischen Manifest an, sondern zu einer differenzierten Betrachtung der politischen Anti-Porno-Bestrebungen, die Mainstream-Praktiken wie »die gute alte „Ausziehen-Blasen-Ficken-Abspritzen“-Hetero-Pornografie« unangetastet lässt, während kinke Femdom-Praktiken, bei denen Unterwerfung oder Schmerz – zum Teil auch ohne Consent – bewusst in Kauf genommen werden, diskreditiert werden.


Maggie Nelson

Die amerikanische Essayistin Maggie Nelson zielt in »Freiheit. Vier Variationen über Zuwendung und Zwang« auch in die Graubereiche der Sexualität. Darin erkundet die 49-Jährige die Debatten um Kunst und Sexualität, Sucht und Klimawandel und stellt sich so mancher heiklen Frage.

Maggie Nelson: Freiheit. Aus dem Englischen von Cornelius Reiber. Hanser Berlin 2022. 400 Seiten. 26,00 Euro. Hier bestellen.

Ihr greift die feministische Kritik oft zu kurz, weil sie sich »auf das Sexualverhalten und Begehren anderer richtet« und (weibliches) Begehren in gut und böse einteilt. Nelson will Sex nicht als Ort von Lust und Gefahr, sondern »als potenziellen Raum des Lernens, der Informationsbeschaffung« verstanden wissen, in dem Grenzerfahrungen möglich sind. Die Abgründe der Sexualität stellt sie nicht in Abrede, allerdings verunmögliche die Fixierung auf sexuelle und andere Übergriffe zunehmend die Erkundung der individuellen Lust.

»Niemand will, dass der Preis des Begehrens eine tödliche Krankheit oder eine einschneidende Gewalterfahrung ist. Um die Wahrscheinlichkeit solcher Ereignisse zu verringern, sollten wir Räume für die Praxis der Freiheit erweitern, ohne jedoch eine Welt herbeizufantasieren, in der unsere Sicherheit immer garantiert ist oder in einer gelungenen Begegnung daran gemessen wird, ob wir ungeschoren davongekommen sind«, schreibt die 49-Jährige.

So gern man dem zustimmen mag, werden hier auch die weißen Scheuklappen deutlich, insbesondere wenn man sich die von Amia Srinivasan aufgezeigten Aspekte von Macht, race und Klasse daneben legt.

Nelsons Sex-Essay in ihrem neuen Buch ist dennoch höchst interessant, weil sie sich für die Lust von Männern und Frauen interessiert. Weil sie offen einräumt, dass die Suche nach erfüllter Lust und die Erkundung des eigenen Begehrens mit Ambivalenzen verbunden ist. Zum Menschsein gehöre, »mit dem Verlangen fertig zu werden, dunkle Räume zu umkreisen oder zu betreten«.

Das sei natürlich mit heiklen Fragen verbunden. «Was, wenn es nicht die eine Wahrheit über unser sexuelles Selbst gibt (wie z. B. unterwürfig, Stone Butch, sadistisch, heterosexuell, gebrochen, geheilt usw.)?« Auf solche Fragen hat auch die Consent-Kultur keine Antworten. Nur weil Sex einvernehmlich stattfinde, ist er zwangsweise erfüllend, gewaltfrei oder nicht missbräuchlich. Das zeigen sowohl Srinivasan als auch Nelson deutlich auf. Es gehe vielmehr darum, »Ja zu sagen, vor allem, wenn es mehr oder etwas Anderes bedeutet als Erdulden«, so Nelson.


bell hooks und Audre Lorde

Und glaubt man der Ende letzten Jahres verstorbenen Aktivistin bell hooks, dann liegt in diesem Ja-Sagen – zur Selbstliebe, zum Begehren, zur Sexualität – die eigentliche feministische Revolution. In ihren bereits um die Jahrtausendwende erschienenen und nun übersetzten Ratgebern »Alles über Liebe« und »Liebe lernen« appelliert sie an den Mut zum großen Ganzen. Liebe definiert sie dabei als »Willen, das eigene Selbst auszudehnen, um das eigene spirituelle Wachstum oder das eines anderen Menschen zu nähren.« Dieses Konzept wollte hooks nicht auf den privaten Raum beschränkt wissen, sondern stellte sie als gesellschaftliche Utopie in den Raum. Dabei richte sich die Liebe direkt gegen das Patriarchat, weil sie als politische Idee Dominanz und Unterdrückung beende.

bell hooks: Alles über Liebe – Neue Sichtweisen. Aus dem Englischen von Heike Schlatterer. Harper Collins 2021. 304 Seiten. 20,00 Euro. Hier bestellen. | bell hooks: Lieben lernen – Alles über Verbundenheit. Aus dem Englischen von Elisabeth Schmalen. Harper Collins 2022. 288 Seiten. 20,00 Euro. Hier bestellen. | Audre Lorde: Sister Outsider. Aus dem Englischen von Eva Bonné, Marion Kraft. Hanser Verlag 2021. 256 Seiten. Hier bestellen.

Wenn hooks über akzeptierte Gewalt in der Erziehung schreibt, merkt man ihren Texten an, dass zwanzig Jahre zwischen Verschriftlichung und Erscheinen liegen. Auch so manchen Verweis auf spirituelle und befreiungstheologische Erweckungen muss man erdulden. Aber ihre Ethik der Liebe ist hochaktuell, wenn es da etwa heißt, dass Kulturen der Dominanz auf die »Kultivierung der Angst« und den »Wunsch nach Abschottung« bauen. Daher gelte es, die Angst abzubauen, um sich mit anderen zu verbinden und uns selbst in den anderen wiederzufinden.

Wie dies gelingen und insbesondere Frauen in Liebe und Sexualität Freiheit entdecken können, beschreibt sie in »Liebe lernen«, einem Buch, in dem sie aus persönlicher Erfahrung heraus Arbeit, Macht, Körper, Alter und Sexualität in den Blick nimmt. Wenngleich Sexualität für sie nachrangig ist. Das viele Feminist:innen darauf ihre Aufmerksamkeit legen, sei ein Zeichen der Angst, über Verluste, mangelnde Willenskraft und fehlenden Mutes zu sprechen. Aber all das sei nötig, um sich selbst anzunehmen und der Dominanzkultur den Kampf anzusagen.

Audre Lorde beschrieb diesen Lern- und Emanzipationsprozess in »Sister Outsider« wie folgt: »Wir wurden dazu erzogen, das eigene Verlangen und das Ja zu uns selbst zu fürchten. Doch sobald wir es einmal anerkennen, verliert alles, was unserer Zukunft hinderlich ist, seinen Schrecken und seine Unveränderlichkeit. Die Angst macht unsere Sehnsüchte verdächtig, verleiht ihnen aber auch eine willkürliche Macht, denn eine unterdrückte Wahrheit ist umso zäher. Die Sorge, mit uns könnte etwas nicht stimmen oder wir könnten irgendwie verdreht sein, macht uns nachgiebig, loyal und gehorsam; sie definiert uns von außen und lässt uns die Unterdrückung in all ihren Facetten hinnehmen.«


Tanja Raich und Lina Muzur

»Frauen, die lernen zu lieben, stellen die größte Gefahr für den patriarchalen Status quo dar«, schreibt hooks und darin, soviel kann man sagen, sind sich alle hier genannten Autor:innen einig. Nicht nur dieser Umstand ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass es sich dabei um ein generationsübergreifendes Projekt handelt, sondern auch die Texte in dem lesenswerten Sammelband »Das Paradies ist weiblich. 20 Einladungen in eine Welt, in der Frauen das sagen haben«.

Tanja Raich (Hrsg.): Das Paradies ist weiblich. 20 Einladungen in eine Welt, in der Frauen das Sagen haben. Kein & Aber 2022. 256 Seiten. Hier bestellen. | Lina Mazur (Hrsg.): Sagte sie. 17 Erzählungen über Sex und Macht. Hanser Verlag 2018. 224 Seiten. 20,00 Euro. Hier bestellen.

Darin schreiben Autor:innen wie Mithu Sanyal, Shida Bazyar, Mareike Fallwickl, Feridun Zaimoglu, Linus Giese, Philipp Winkler, Jaroslav Rudiš oder Miku Sophie Kühmel, wie sich die Welt ändern würde, wenn »Die Frau auf dem Thron« säße, um den Titel von Kübra Gümüşays Text zu zitieren. Auf den ersten Blick erinnert der Sammelband an die »17 Erzählungen über Sex und Macht«, die Lina Muzur 2018 unter dem Titel »Sie sagte« herausgebracht hat. Tatsächlich aber ist Anke Stelling die einzige Autorin, die in beiden Bänden, die jeder für sich ein überaus facettenreiches und vielfältiges Bild der Debatten abbilden, auftaucht. Und während der von Tanja Raich herausgegebene Paradies-Band tatsächlich in eine bessere Zukunft schaut, blicken die Erzählungen in Muzurs Band zurück auf gescheiterte, kaputte, gewaltvolle und missbräuchliche Erlebnisse.

Allein die sollten eigentlich Anlass genug geben, die Geschlechterverhältnisse – auch sexuell – in einen neuen, offeneren Rahmen zu setzen. Doch seit 2018 ist wenig passiert, insbesondere Männer machen sich immer wieder für die Beibehaltung des Patriarchats stark. Für die französische Aktivistin Emilia Roig liegt auf der Hand, woran das liegt. Männer würden nicht verstehen, dass »der Feminismus nicht umgekehrt die Dominanz der Frauen über die Männer anstrebe, sondern die Vision einer gerechteren, unterdrückungs- und hierarchiefreien Welt verfolge«, so Roig. Das Ende des Patriarchats sei daher kein Nullsummenspiel, sondern eine Win-win-Situation, der allerdings »nicht ohne das Ende der Ehe und der institutionalisierten Heterosexualität, das Ende der Polizei und der Gefängnisse, das Ende des Nationalstaats, das Ende des Geldes (im kapitalistischen Sinne) und das Ende der Lohnarbeit stattfinden« werde. Oder anders ausgedrückt: Die Freiheit des Individuums erfordert ein Ende der Dominanz.

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