Die 76. Berlinale geht heute mit dem Publikumstag zu Ende, mit Ilker Çatak hat seit 22 Jahren erstmals wieder ein Filmemacher aus Deutschland den Goldenen Bären gewonnen. Begleitet wurde das Festival von einer politischen Kontroverse, bei der das Wesentliche aus dem Blick geriet. Ein Kommentar.
Es gab einige politische Statements und Klarstellungen bei der Bären-Zeremonie am Samstagabend im Berlinale-Palast. Festivaldirektorin Tricia Tuttle, Jurypräsident Wim Wenders, Goldener-Bär-Gewinner Ilker Çatak – sie alle äußerten sich zum Verhältnis von Kino und Politik.
Den besten Bogen spannte wohl die 38-jährige libanesische Regisseurin Marie-Rose Osta, die mit ihrem Film »Someday a Child« den Goldenen Bären für den Besten Kurzfilm gewann. Ihr Film handelt von einem elfjährigen Jungen, der im Krieg lebt und mit Superkräften zwei Kampfflugzeuge zum Absturz bringt. Das vermag nur die Kraft des Kinos, sagte Osta, in der Wirklichkeit der Politik aber haben Kinder in Gaza, Palästina und Libanon keine Superkräfte, um sich zu schützen. Ihre Leben sollten nicht verhandelbar sein, mahnte sie bei der Entgegennahme ihres Bären.
Kann ein kulturpolitisches Festival unpolitisch sein? Wer hätte gedacht, dass diese simple Frage ausgerechnet bei der Berlinale zu einer geradezu hysterischen Kontroverse führen kann. Ausgelöst wurde die Debatte von Journalist Tilo Jung, der in der Eröffnungspressekonferenz der Jury die Frage stellte, ob es eine Position zur Missachtung der Menschenrechte in Gaza, Palästina, aber auch im Westen gäbe. Die eierte, um es mal auf den Punkt zu bringen, herum und Wim Wenders verstieg sich in der Aussage, dass sich das Kino als Gegengewicht zur Politik aus dieser heraushalten müsse.
Da die Berlinale seit Jahren als das politischste der drei A-Festivals in Berlin, Cannes und Venedig gilt, war Tilo Jungs Frage durchaus angebracht. Denn dahinter steckt die offensichtliche Frage, wie unabhängig ein massiv auf Fördergelder angewiesenes Festival eigentlich agieren kann. Darf und will es sich, wie beim russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine oder ähnlich den offenen Sympathiebekundungen für die unterdrückten iranischen Filmemacher, auch zum Krieg positionieren, den Israel in Gaza führt? Ob die Jury der richtige Adressat war, sei dahingestellt, sie wurde allerdings von Festivalleiterin Tricia Tuttle auf die Position geschoben. Tuttle selbst hatte auf eine öffentliche Pressekonferenz verzichtet, auf der sie zu solchen kulturpolitischen Fragen hätte Stellung beziehen können. Sie stellte mit ihrem Team lediglich das Programm vor.
Die Atmosphäre in Berlin ist angespannt, nicht nur in der aktivistischen Szene (gegen die mit massiver Polizeigewalt vorgegangen wird), sondern auch unter Kunst- und Kulturschaffenden. Denn seit dem 7. Oktober 2023 wird in Bund und Land mit Fördergeldern Politik gemacht. Die kulturpolitisch Verantwortlichen der CDU, allen voran Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, lassen keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie „die jüdisch-europäische Kultur fördern“ und jenen öffentliche Gelder entziehen wollen, die sich in ihren Augen antisemitisch äußern. Die notwendige Differenzierung zwischen berechtigter Israelkritik und antisemitischer Äußerung bleibt dabei meist aus.
Der Vorwurf des Antisemitismus wird zum politischen Mittel, um unbequemen und unliebsamen Akteuren den Geldhahn abzudrehen. Die Fördermittelaffäre in Berlin sowie die Debatte um die Antisemitismusbeauftragte des Senats belegen das.
Wie schnell der Vorwurf laut wird, wurde auch schon auf der Berlinale deutlich. 2024 erhielt die Dokumentation »No Other Land« des israelisch-palästinensischen Filmemacherduos Basel Adra und Yuval Abraham den Dokumentarfilmpreis der Berlinale; im Jahr danach gewannen sie mit dem Film den Oscar für die beste Dokumentation. Im Berlinale-Palast hatten Adra und Abraham eindringlich über die Situation in ihrer Heimat gesprochen. Adra forderte Deutschland auf, keine Waffen mehr an Israel zu liefern, und Abraham nannte den Umstand der unterschiedlichen Rechte, die für ihn und Adra gelten, eine »Situation von Apartheid«.
Auch daran entbrannte sich eine Kontroverse, in der sich auch Israels rechtsextremer Botschafter Ron Prosor zu Wort meldete, der der Berlinale-Leitung vorwarf, dass »unter dem Deckmantel der Rede- und Kunstfreiheit … antisemitische und antiisraelische Rhetorik zelebriert« werde. Auch Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner warf den Filmemachern »untragbare Relativierung« vor und forderte damals von der neuen Berlinale-Leitung Tricia Tuttle Maßnahmen, um Relativierungen in Bezug auf Israel zu verhindern.

Die liberale israelische Zeitung Haaretz wunderte sich über diese politisch herbeigeführte Debatte nicht. Sie bezeichnete den Druck, der da auf die Beteiligten ausgeübt werde, als Entsprechung der gegenwärtigen Lage in Israel, in »der Atmosphäre des Verschweigens, der Selbstzensur und der Verfolgung jeder Person, die Kritik am israelischen Regime« äußere.
Bei der Berlinale hätte man sich der Sensibilität des Themas und der notwendigen Positionierung zur Kunst- und Meinungsfreiheit bewusst sein müssen. Und es ist völlig legitim, diese Frage als Journalist aufzuwerfen. Und um es vorwegzunehmen: Freie Meinungsäußerung fand statt, eine Zensur, wie von über 100 Filmschaffenden, darunter gewichtige Namen wie Ehrenbär-Inhaberin Tilda Swinton, Silberner-Bär-Gewinner Ken Loach, Mark Ruffalo und Javier Bardem, in einem Offenen Brief vorgeworfen, war öffentlich zumindest nicht wahrnehmbar. Vielmehr fand über mehrere Sektionen hinweg eine Auseinandersetzung mit dem Nahost-Konflikt statt.
Dass die Debatte die Berlinale dennoch ununterbrochen begleitete, lag aber auch an der Kommunikationspolitik des Festivals. Denn das Schweigen der Institution Berlinale zum Gaza-Krieg, dessen Ende in dem offenen Brief ebenfalls gefordert wurde, wurde bis zum Abschluss des Festivals aufrecht erhalten. Ob das Ausdruck der Meinungsfreiheit oder Folge politischen Drucks ist, hinterfragte seltsamerweise niemand.
Tuttle äußerte sich in einem essayistischen Beitrag »Über das Sprechen, das Kino und die Politik« auf der Website der Berlinale https://www.berlinale.de/de/news-themen/berlinale-notes.html. Der bot letztlich die Vorlage, die Filmschaffenden in Ermangelung einer Position des Festivals immer wieder nach ihrer individuellen Haltung zu fragen. Dort heißt es:
»Was viele Filmschaffende bei der Berlinale eint, ist ein tief verwurzelter Respekt vor der Würde jedes Menschen. Wir glauben nicht, dass es unter den hier vertretenen Filmschaffenden jemanden gibt, dem gleichgültig wäre, was in dieser Welt geschieht – jemanden, der die Rechte, das Leben oder das immense Leid der Menschen in Gaza und im Westjordanland, in der Demokratischen Republik Kongo, im Sudan, im Iran, in der Ukraine, in Minneapolis und an einer erschreckend großen Zahl weiterer Orte nicht ernst nähme.«
Diejenigen, denen der Israel-Gaza-Komplex ein Anliegen ist, sind diesem Glauben dann auf den Grund gegangen und haben einzelne Filmemacher:innen und Schauspieler:innen in den Pressekonferenzen gefragt. Warum auch nicht, auch Filmschaffende bewegen sich in der Welt der Kinder im Nahen Osten, von denen Marie-Rose Osta sprach. Sie sind prominent, haben eine Stimme, werden gehört. Auch die Filmschaffenden haben ein Gewissen und eine Verantwortung.
Die versammelte Filmkritik befürchtet nun, dass die Berlinale darunter leiden und noch mehr an Bedeutung verlieren werde. Filmschaffende würden nicht mehr kommen, wenn sie hier zu politischen Konflikten Stellung nehmen müssten. Schaut man zu den Oscars und Grammys, wo es zum guten Ton gehört, dass sich Künstler:innen politisch äußern, fragt man sich, woher diese Sorge kommt. Und wäre sie berechtigt, müsste man fragen, ob eine Berlinale besser würde, die Filmemacher:innen eine Bühne gibt, die sich um eine Haltung drücken. Denn ein Kino ohne Haltung will niemand haben. Schon gar nicht in Berlin, wo sich alle Beteiligten immer damit geschmückt haben, dass die Berlinale ein politisches Festival sei.
Haltung ist auch nötig, wenn es um die mediale Reflexion solcher Debatten geht. Grundsätzlich gilt, dass Journalisten im Sinne der öffentlichen Meinungsbildung grundsätzlich alles fragen dürfen, was von öffentlichem Interesse ist. Nicht nur einmal, sondern auch mehrmals.
Während des Festivals wurden einige Journalist:innen von Kolleg:innen als aktivistisch diskreditiert, einige forderten sogar, die Akkreditierungsliste mal kritisch zu säubern; das ist ein Unding. Unbequeme Fragen gehören weder bei Pressekonferenzen niedergebrüllt noch im Nachhinein kleingeredet, nur weil sie nicht von Filmkritiker:innen kamen. Die Vielfalt macht nicht nur die Berlinale, sondern auch die Berichterstattung darüber aus.
Zur persönlichen Haltung gehört auch, Dinge und Argumente auszuhalten, die einem nicht gefallen. Über alle Vorbehalte hinweg nach deren Berechtigung zu fragen, ist Teil der journalistischen Haltung. In und außerhalb des Kinosaals.

