Film

Theater, um die Welt zu retten

Tansu Biçer, Özgü Namal in »Gelbe Briefe« von İlker Çatak | © Ella Knorz_ifProductions_Alamode Film

Mit »Das Lehrerzimmer« hat es der deutsch-türkische Filmemacher Ilker Çatak bis zu den Oscars geschafft. Auf der diesjährigen Berlinale stellt er seinen neuen Film »Gelbe Briefe« vor, der schon im März in die Kinos kommt. Er handelt von einem Künstlerpaar in einer Gesellschaft, in der die Diskurs- und Lebensräume immer kleiner werden.

Derya und Aziz sind das Traumpaar der türkischen Theaterszene. Am Staatsschauspiel in Ankara beeindrucken sie mit ihrer Kunst, die sich nicht scheut, den Mächtigen ihr Fehlen und Versagen vor Augen zu führen. Beide sind zentrale Figuren in der liberalen Künstlerszene ihres Landes, wenn Aziz nicht an der Uni unterrichtet, schreibt er die Stücke, in denen Derya auf der Bühne glänzt. Beide wissen genau, dass ihre Kritik Grenzen hat, doch die Kriege an den Grenzen ihrer Heimat fordern eine klare Haltung.

Die wird ihnen im Laufe des Films zum Verhängnis werden, denn beide erhalten – wie viele andere Liberale und Intellektuelle – einen gelben Brief mit der fristlosen Kündigung. Aziz wird wegen Beleidigung des Präsidenten angeklagt, die Familie gerät ins Visier der staatlichen Behörden und sieht sich schließlich gezwungen, ihre großzügige Wohnung in Ankara zu verlassen und nach Istanbul zu ziehen. Dort kommen sie mit ihrer dreizehnjährigen Tochter Ezgi zunächst bei Aziz Mutter unter, doch die finanziell und persönlich angespannte Situation belastet bald schon die Familienbeziehungen.

In Ilker Çataks neuem Film gerät von einem Moment auf den anderen die Existenz einer Familie ins Rutschen Ein paar Social-Media-Posts und eine klare Haltung reichen aus, das sicher geglaubte Leben zu erschüttern. Ein Schicksal, dass in einer Welt, die politisch immer mehr ins Extreme verfällt, geradezu universell ist.

Tansu Biçer, Özgü Namal in »Gelbe Briefe« von İlker Çatak | © Ella Knorz_ifProductions_Alamode Film
Tansu Biçer, Özgü Namal in »Gelbe Briefe« von İlker Çatak | © Ella Knorz_ifProductions_Alamode Film

Das hat sich offenbar auch der in Berlin und Istanbul aufgewachsene Regisseur gedacht, der »Gelbe Briefe« ein spannendes Setting verpasst hat. Die ersten beiden Kapitel seines als Triptychon gestalteten Films tragen die Überschriften »Berlin als Ankara« und »Hamburg als Istanbul«, und verankern so die Handlung mit in einer Art künstlerischem Scharnier sowohl in Deutschland als auch in der Türkei. Und das funktioniert überraschend gut, Ankara und Berlin teilen ihre Funktion als Hauptstadt, Hamburg und Istanbul das Leben am Wasser. Und weil im Film durchgängig türkisch gesprochen wird, stellt man diesen Bezug auch schnell nicht mehr infrage.

Neben dieser geografisch-assoziativen Parallelführung, die Kamerafrau Judith Kaufmann großartig ins Bild setzt, gibt es auch eine politisch-assoziative. Çatak nutzt die pro-palästinensischen Demonstrationen in Berlin, um darüber nachzudenken, wie sich die Räume für die freie Meinungsäußerung, für Kunst und Regierungskritik verengen. Man muss nicht mit dem Finger in die Türkei zeigen, macht der Berliner Filmemacher deutlich, um das Abgleiten einer Gesellschaft in polarisierte Lager und staatliche Repressionen zu beobachten.

Tansu Biçer in »Gelbe Briefe« von İlker Çatak | © Ella Knorz_ifProductions_Alamode Film
Tansu Biçer in »Gelbe Briefe« von İlker Çatak | © Ella Knorz_ifProductions_Alamode Film

»Es gibt auch in Deutschland Themen, bei denen man ganz schnell weg ist«, sagte Çatak bei der Pressekonferenz zum Film. Es gäbe auch im Westen und in Deutschland keine Sicherheit. Çatak positionierte sich auch zu der umstrittenen Aussage von Jurypräsident Wim Wenders, der bei der Eröffnungspressekonfernz gesagt hatte, dass sich das Kino »aus der Politik heraushalten« müsse. Es seien »sehr schamlose Zeiten«, so Çatak, und er als Künstler möchte seinen Blick nicht nach innen richten, sondern mit seinen Filmen zu den Themen der Welt Stellung beziehen.

Der neue Film des oscarnominierten Filmemachers ist bei aller offener Gesellschaftskritik aber kein politisches, sondern ein menschliches Lehrstück. Die Handlung bleibt bei der Familie von Derya und Aziz, um zu verfolgen, was die neue Lebenslage mit ihnen macht. Das bekannte Motiv aus Bertolt Brechts »Dreigroschenoper«, »Erst kommt das Fressen, dann die Moral« gibt die weitere Richtung vor. Aziz versucht sich als Taxifahrer, um etwas Geld nach Hause zu bringen, und bereitet sich auf seinen Prozess in Ankara vor. Nebenher arbeitet an einem neuen Stück, das ebenfalls den Titel »Gelbe Briefe« trägt. An einem Istanbuler Indietheater soll Derya das neue Stück zur Aufführung bringen, doch sie verfolgt andere Pläne. In Verantwortung ihrer Familie nimmt sie einige ihrer politischen Positionen zurück, was ihr Verhältnis zu Aziz zusätzlich belastet. Und während sich Derya und Aziz aus den Augen verlieren, geht ihre Tochter eigene Wege.

Tansu Biçer, Özgü Namal in »Gelbe Briefe« von İlker Çatak | © Ella Knorz_ifProductions_Alamode Film
Tansu Biçer, Özgü Namal in »Gelbe Briefe« von İlker Çatak | © Ella Knorz_ifProductions_Alamode Film

Çatak fragt in »Gelbe Briefe« nach der Widerstandskraft und dem Zusammenhalt einer Familie, aber auch nach der Freiheit der Kunst und des Wortes in gesellschaftspolitisch schwierigen Zeiten. Dafür liefert der Film mit dem Widerstand der Beschäftigten an der Universität, mit Deryas konservativem Bruder, Aziz’ aufgeklärter Mutter sowie den am Rande aufscheinenden Kriegen zahlreiche Nebengeschichten, die für Reibung und Ambivalenz sorgen.

Darüber hinaus profitiert der Film vom grandiosen Spiel der beiden Hauptdarsteller. Die türkische Schauspielerin Özgü Namal kommt selbst von der Bühne und gibt Derya eine unheimlich kraftvolle und authentische Präsenz. Ihr Landsmann Tansu Biçer arbeitet in der Türkei als Schauspieler und Theatermacher, er verkörpert seine Figur mit einer glänzenden Ambivalenz aus Intellektualität und gefährlichem Selbstgefallen. Ihr Zusammenspiel ist geradezu magnetisch, vor allem dann, wenn das Reden endet und die Stille um sich greift.

»Gelbe Briefe« von İlker Çatak | © Ella Knorz_ifProductions_Alamode Film
»Gelbe Briefe« von İlker Çatak | © Ella Knorz_ifProductions_Alamode Film

»Du denkst, Theater kann die Welt retten«, stellt Aziz’ Tochter an einer Stelle etwas spöttisch fest; der, überzeugt von seinem Tun, heftig zustimmt. Was für das Theater gilt, gilt auch für das Kino. Beide mögen vielleicht nicht die Welt verändern, Anlass, neu auf sie zu blicken und über sie nachzudenken, gibt die Kunst aber zweifellos. Erst recht die eines Ilker Çatak. Ab dem 5. März ist sein neuer Film in den deutschen Kinos zu sehen.