Das Ende des dreißigjährigen Krieges bildet den Hintergrund von Markus Schleinzers historischem Gender-Drama »Rose«. Sandra Hüller spielt darin eine Frau, die sich nach dem Krieg als Mann ausgibt und in einem deutschen Dorf niederlässt. Eine queere historische Geschichte erzählt auch Kai Stänickes Debütfilm »Der Heimatlose«.
Niemand im Dorf hat diesen jungen Mann schon einmal gesehen, der da irgendwann im 17. Jahrhundert in einem abgelegenen protestantischen Dorf auftaucht. Der 30-jährige Krieg ist gerade erst vorbei, noch qualmen die Felder von dem verheerenden Feuer, dass 30 Jahre die deutschen Lande abbrannte. Für einen Soldaten ist der Fremde etwas schmächtig, aber was heißt das schon in einem Krieg, der selbst Kinder verschlungen hat. Eine Narbe zieht sich über seine Gesichtshälfte, entstellt von einer Kugel, die er an einer Kette um den Hals mit sich trägt. Mit einem Schriftstück, das niemand im Dorf lesen kann, macht er seinen Anspruch auf ein Gehöft geltend, das seiner Mutter gehört haben sollte, und lässt sich nieder.

Das anfängliche Misstrauen gegen den neuen Dorfbewohner legt sich, als er bei einem Bärenangriff auf einige Bauern eingreift und den sicheren Tod eines der Knechte verhindert. Der junge Mann erweist sich nach außen nicht nur als hilfsbereit, sondern auch als überaus protestantisch, als arbeitsam und gottesfürchtig, was zur Dorfgemeinschaft passt. Dass sich unter deren Glauben auch eine gehörige Portion Aberglaube mischt, zeigt allein der Umstand, dass Roses als junger Soldat getarnte Existenz auf einer Lüge basiert. Der Drahtseilakt dieser Figur wird nicht kleiner, als die Tochter eines der Bauern diesen Soldaten ehelicht. Suzanne wird fortan mit Rose unter einem Dach leben. Und wie es oft so ist, wird eine Lappalie dazu führen, dass ihre Tarnung auffliegt.
Markus Schleinzers Film, der am 30. April in die Kinos kommt, basiert auf der Lebensgeschichte von Catharina Margaretha Linck, die 1721 wegen der Unzucht mit einer anderen Frau hingerichtet wurde. Ihr Schicksal habe ihn zu diesem Film inspiriert, in dem eine Erzählerin aus dem Off das Leben einer Frau schildert, die sich wie ein Mann verhielt und dabei ein ganzes Dorf täuschte.
Der Grund für Frauen, in die Hose zu steigen, sei mannigfaltig, erklärte der österreichische Regisseur auf der Pressekonferenz zum Film, über 300 Frauenschicksale steckten hinter seiner Figur, die Sandra Hüller einmal mehr in bestechender Manier auf die Leinwand bringt. Dies liegt weniger an der Maske als vielmehr an ihrem nuancierten Spiel, das männliches Verhalten nicht einfach nur imitiert, sondern wenn man genau hinschaut auch karikiert. Dieser leise Humor, zu dem auch Godehard Giese als Großbauer und Caro Braun als angetraute Gattin beitragen, verhindert jedoch nicht den dramatischen Ausgang dieser Geschichte.
Als Rose im Prozess gefragt wird, warum sie sich nicht »den Vorgaben des Gesetzes« entsprechend verhalten habe, antwortet sie lakonisch: »In der Hose war mehr Freiheit.« Viel besser kann man die Ungleichheit der Geschlechter auch heute nicht auf den Punkt bringen.
»Der Heimatlose« von Kai Stänicke
Die Verarbeitung eines historischen Stoffes mit queerem Hintergrund in der Provinz findet sich auch in Kai Stänickes bemerkenswerten Erstling »Der Heimatlose«, der in der neu ins Leben gerufenen Debütfilm-Reihe Perspectives gezeigt wird. Mittelpunkt der Erzählung ist Hein, der nach 14 Jahren auf die Insel zurückkommt, auf der er seine Kindheit verbracht hat. Auch hier erkennen die Dorfbewohner den Neuankömmling nicht, gehen aber anders mit der Situation um.
Sie veranstalten ein Dorfgericht, um herauszufinden, ob Hein tatsächlich der ist, der er behauptet zu sein. Im Mittelpunkt der Verhandlung stehen die Erinnerungen einzelner Dorfbewohner, die mit Heins Erinnerungen verglichen werden. Weil dabei einige Unstimmigkeiten auftreten, wächst das Misstrauen im Dorf.

Im Laufe des Prozesses erhalten Heins Freunde aus Kindertagen, Friedemann und Greta, eine enorme Bedeutung. Mehr und mehr wird deutlich, dass sich die Menschen im Dorf nur daran erinnern möchten, was in ihre selbst konstruierte Geschichte passt. Unliebsame Wahrheiten, an die sich Hein – den Paul Boche eindrucksvoll in sich gekehrt verkörpert – erinnert, wurden längst umgeschrieben oder verdrängt.
Kai Stänickes »Der Heimatlose« ist ein auf eine Insel verlagertes Kammerspiel, in dem permanent die Grenzen zwischen Wahrheit und Lüge, Erlebtem und Erinnertem vermessen werden. Seth Turners theatrales Szenenbild ist von Florian Mag eindrucksvoll ins Bild gesetzt. Ein Debüt, das in seiner psychologischen Spannung und eigenwilligen Inszenierung besticht.

