Fleisch ist mein Gemüse

Foto: Agricultural Research Service

Es gibt so manch unkommentierten Missstand in diesem Land, aber wehe man nimmt dem Deutschen sein tägliches Schnitzel. Dann droht der Untergang der freiheitlichen Republik und so mancher sieht am Horizont schon die apokalyptischen Vorboten der Diktatur in den Himmel aufsteigen. Ein Kommentar zum Veggie-Day.

Was haben sie sich da nur Dreistes geleistet, die grünen Weltverbesserungsapologeten? Nur wenige Wochen vor der Bundestagswahl rücken sie dem goldenen Kalb der Deutschen auf den Pelz. In der Tradition des fleischlosen Freitags könne doch künftig der Donnerstag in den öffentlichen Kantinen Deutschlands zum Fleischfrei-Tag, zum Veggie-Day, erklärt werden, regte die Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckhardt an.

Unschwer vernimmt der säkulare Bürger den Worten der ruhenden EKD-Lobbyistin den christlichen Unterton. Der fleischlose Freitag war lange eine christliche Konvention, die spätestens seit der Erfindung der schwäbischen Maultasche, dem Herrgottsbescheißerle, ganz unfromm hintergangen wird. Und ‚Veggie-Day’ klingt so dermaßen nach dem Gospel »Oh Happy Day«, dass man sich fragt, ob sich Komponist Edwin Hawkins anno 1969 nicht zufällig verdichtet hat und es nicht schon immer um den Vegetarismus gehen sollte.

Wie dem auch sei, ganz Politikerin ergänzte Göring-Eckardt, dass man etwas für den Umwelt- und Klimaschutz tun würde, wenn dieser fleischfreie Tag eingeführt würde. Zu ihrer Unterstützung appellierte Grünen-Fraktionschefin Renate Künast an die bundesdeutschen Currywurst- und Bouletten-Vertilger über die BILD, dass ein solcher Gemüse-Tag doch ein »wunderbarer Tag zum Ausprobieren [sei], wie wir uns mal ohne Fleisch und Wurst ernähren.« Das wäre, angesichts von etwa 60 Kilogramm verzehrtem Tier pro Kopf in 2012, wahrscheinlich nicht das Schlechteste. Denn wenn der Vegetarierbund Deutschland bei diesem Ausgangswert den Rückgang des Pro-Kopf-Verbrauchs an Fleisch um 2,1 Kilogramm im Jahr als »erfreulich« hochjazzt, dann zeigt das, wie unverzichtbar dem Deutschen seine tägliche Wurst aufs Brot ist.

Und weil der Wahlkampf langsam anrollt, dauerte es nicht lange und ein Entrüstungssturm brach los im deutschen Leberwurstglas. FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle, bekanntermaßen ein Freund fleischlicher Verlockungen, moserte, dass es nicht sein Verständnis von Freiheit und Liberalität sei, den Menschen ständig Vorschriften zu machen. Zur Seite sprang ihm Ernährungsministerin Isle Aigner, die »generell wenig von Bevormundungen« hält, wie sie sagt. Die Konzerne kennen das schon von der Verbraucherschutzministerin, aber das nun auch der Bürger vom Gängelband der Politik soll, ist neu. Andererseits: Aigner könnte es besser wissen. Fleischkonsum und Gesundheit stehen in der Cholesterinrepublik Deutschland durchaus in einem Verhältnis. Der Bundesgeschäftsführer der Linken, Matthias Höhn, echauffierte sich ebenfalls und zittert schon jetzt vor der »grünen Erziehungsdiktatur«. Vollends verwundern muss aber, dass selbst Hermann Gröhe, seinerseits Generalsekretär der Partei der deutschen Schöpfungsbewahrer, gegen einen regelmäßigen Tag der Schonung der göttlichen Kreatur ist. Er frotzelte etwas von einer »grünen Verbots-Republik«, statt das Wiederaufwärmen einer guten alten christlichen Tradition zu goutieren. So schnell kann der Schöpfungsglaube unter die Räder geraten.

Es ist erstaunlich, dass kaum jemand dem Vorschlag der Grünen zustimmt. Denn abgesehen von den knapp acht Millionen vegetarisch oder vegan lebenden Wählern in Deutschland, gibt es ja noch zahlreiche Vertreter im Stimmvolk, denen die fleischhaltige Kost in den Kantinen der Republik gehörig gegen den Strich geht. Zählen die denn nicht? Will denn niemand die Stimmen der vielen jungen und alten Wahlberechtigten haben, die unter notorischer Kantinenflucht leiden und sich täglich an den Salatbars dieses Würstchenstaats anstellen, um der betrüblichen »Wahl« zwischen Makkaroni mit Wurstgulasch und Bratwurst mit Kartoffelpüree und Sauerkraut aus dem Weg zu gehen?

Wer nicht glaubt, dass an den deutschen Essenstheken der Fleischfrust herrscht, der teste das einfach in einer beliebigen öffentlichen Kantine. Die Versuchsaufstellung braucht nicht mehr als eben eine solche Verköstigungsanstalt mit einem vegetarischen Alternativangebot zur gewöhnlichen Karnivorenkost und einige auskunftsfreudige Kunden. Bei einer kleinen Spontanbefragung werden Sie nicht nur feststellen, dass mehr Nicht-Vegetarier zur fleischlosen Variante greifen, als Vegetarier zur Linsensuppe mit Wursteinlage, sondern auf Nachfrage werden Sie auch erfahren, dass die Mehrzahl der Besucher der öffentlicher Speisehallen mehr vegetarische Alternativen zur normalen Kost wünscht. Die Normalität in den deutschen Kantinen besteht nach der Erfahrung des Autors nämlich darin, dass man bis 16 Uhr noch bequem das Eisbein auf Sauerkraut bekommt, aber der Salat mit Fetakäse oder die Nudeln mit Pesto meist »schon seit 13 Uhr aus« sind. Das liegt nicht nur an der geringeren Stückzahl, sondern auch an der höheren Nachfrage.

Die Diskussion um den Erhalt des täglichen Koteletts in öffentlichen Kantinen erinnert in seiner Logik ein wenig an die früheren Debatten um das Rauchverbot in Zügen. Das wollte lange Zeit auch keiner haben, obwohl nicht einmal die Raucher in den Raucherabteilen sitzen wollten. Gleiches gilt für Fleischesser. Auch sie wollen nicht jeden Tag Fleisch haben, 60 Prozent der Deutschen würden gelegentlich auf Fleisch verzichten. Statt dies gesundheitspolitisch aufzugreifen, folgt nun reflexartig der Aufschrei aufgrund einer vorsichtigen Anregung, in Kantinen an einem Tag kein Fleisch zu servieren. Und das in Zeiten, in denen eine fleischfreie Mahlzeit am Tag doch längst Standardelement des Fitness-Lifestyles unserer Tage ist (dessen Kritik an anderer Stelle erfolgen muss).

Man fragt sich, in welcher Republik (man möchte fast Bananenrepublik sagen, wäre die nicht fleischlos) die Damen und Herren Politiker leben, die gern jeden Tag das Jägerschnitzel auf der Speisekarte haben möchten. Die deutschen Schulen sind da weiter, aber dort geht es ja auch um die gesunde Ernährung der nächsten Generation. Die wird eines Tages erschrocken in der Kantinenschlange aufwachen und angewidert feststellen, dass der geliebte Grünkernbratling hier aus Rinderhack besteht und in einer seltsamen braungrauen Soße schwimmt.

Schal ist übrigens auch das liberale Argument, dass es mit der Bevormundung ein Ende haben muss. Dass es sich überhaupt noch ein Politiker wagt, derartige Erklärungen in einem Staat anzuführen, in dem auf Bahnhöfen Raucher in virtuelle Quader gezwungen werden, ist schon eine Unverfrorenheit.

Besonders ist auch die Verve, mit der die Fleischfanatiker die Debatte führen. Da bedient man sich Vokabeln, die man sonst nur von autoritären Staaten oder verschworenen Glaubensgemeinschaften kennt. Die Anregung, mal den Versuch zu starten, auf Fleisch zu verzichten, wird als Angriff auf die eigene Religiosität des Fleischkonsums verstanden. Als ginge es darum, eine Ernährungspolizei zu installieren. Wie wäre es mit etwas Entspannung im Diskurs? Was spricht denn gegen den fleischfreien Tag, wohlgemerkt ausschließlich in öffentlichen Kantinen? Es blieben in diesen vier Tage mit fleischhaltiger Kost in der Woche übrig, und wer für das persönliche Glück auch am fünften Tag seine Hühnerbrust bräuchte, dem stünde doch die gesamte Infrastruktur der freien Gastro- und Bewirtungsbranche offen. Aber dies einzusehen hieße, Rationalität und Ruhe in der emotionsgeladenen »Schlacht am kalten Buffet« zuzulassen.

Am Ende, ja so wird es kommen in der Rouladenrepublik Deutschland, wird die Richtlinie Nummer 3 für Kantinen bei Dienststellen des Bundes
dem deutschen Schnitzel die Existenz sichern. Denn dort heißt es: »In der Kantine sollen nach Möglichkeit mindestens zwei Essen bereitgestellt werden. Das Essen soll aus Fleisch, Gemüse, Kartoffeln oder anderen gleichwertigen Nahrungsmitteln bestehen.« Nun denn…