»I had sex today… Holy shit!«

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Das Regiedebüt der US-Amerikanerin Marielle Heller »The Diary of a Teenage Girl« ist ein faszinierend lockerer und zugleich verstörender Coming-of-Age-Film, der vom sexuellen Erwachen eines jungen Mädchens im San Francisco der siebziger Jahre erzählt. Die britische Schauspielerin Bel Powley glänzt in der Rolle der rebellisch-reflektierten Tagebuchautorin Minnie Goetze.

San Francisco in den siebziger Jahren, das bedeutete immer noch Flowerpower, Schlaghosen, Alkohol und Drogen. Auch für Charlotte Worthington (Kristen Wiig), der feierfreudigen Mutter der niedlich-resoluten Minnie Goetze (Bel Powley), die im Mittelpunkt von Marielle Hellers erstaunlichem Coming-of-Age-Film The Diary of a Teenage Girl steht. Minnie ist vielleicht fünfzehn Jahre jung, hat langes braunes Haar, große braungrüne Augen und Pausbacken im Gesicht. Die Pubertät hat sie noch nicht vollkommen hinter sich, aber ihre Hormone wissen schon viel zu oft, was sie wollen. Sie wollen Liebe, Nähe und Berührung. Sie wollen Verlangen, Begehren und Sex, denn das macht das Leben in der drogengeschwängerten Atmosphäre San Franciscos erst spürbar.

Der Film beginnt mit einem Geständnis, dass sie, wie wir später erfahren, auf einem Aufnahmegerät festhält. »I had sex today… Holy shit!« Ja genau, »holy shit«, denn diesen Sex hatte sie mit Monroe Rutherford (Alexander Skarsgård), »dem bestaussehendsten Mann der Welt« und Freund ihrer Mutter. »Das macht mich offiziell zu einer Erwachsenen«, spricht die selbstbewusste junge Frau in ihr Aufnahmegerät, während sich das sehnsüchtige Kind an den Kater Domino kuschelt und Iggy Pop am Kopfende des Bettes anhimmelt. Minnie und Monroe beginnen eine verhängnisvolle Affäre, während der das verträumte Mädchen tatsächlich schnell erwachsen und Monroe immer stärker von seinem Gewissen geplagt wird.

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Der Film basiert auf dem gleichnamigen Comic von Phoebe Gloeckner, den die US-amerikanische Regisseurin und Drehbuchautorin Marielle Heller – zuletzt als Marie Gotteskind in Scott Franks Ruhet in Frieden – A Walk Among the Tombstones zu sehen – für die Leinwand angepasst hat. Bei seiner Premiere auf dem renommierten Sundance Film Festival erntete The Diary of a Teenage Girl stürmischen Applaus. Nicht anders war die Reaktion, als der Film wenige Wochen später im Beisein der Regisseurin und ihrer Nachwuchsdarstellerin im ausverkauften Haus der Kulturen der Welt in Berlin gezeigt wurde.

Der Film ist nicht allein ein sensibles Porträt eines Teenagers und seiner inneren Konflikte, sondern zugleich auch tiefgründige Zeit- und Gesellschaftsstudie, die sowohl die faszinierende Seite der vielversprechenden Freiheit hervorhebt als auch die verstörenden Schatten der enttabuisierten Grenzenlosigkeit dieser Zeit sichtbar macht. Denn dass es überhaupt zur Liaison Dangereuse zwischen Minnie und Monroe kommt, hat seine Ursachen im Verschwinden aller Hierarchien angesichts von Drogenrausch und Partyleben, die Charlotte und ihre Freunde vor ihren Kindern exzessiv ausleben. Dies ist die Ausgangssituation, in der Minnie beginnt, sich selbst und ihren Körper zu entdecken, bevor sie sich auf Monroe einlässt.

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Nach der Eröffnungssequenz wirft der Film einen kurzen Blick zurück, im Anschluss wird Minnies Prozess des Erwachsenwerdens linear erzählt. Als Zuschauer wird man Zeuge der sich immer komplizierter gestaltenden Beziehung zwischen Minnie, Monroe und Charlotte, die im Abnabelungsprozess des Mädchens von ihrer Mutter und der inneren Rebellion mündet. Minnie wird mit ihrer Freundin Kimmie (Madeleine Waters) durch die Clubs von San Francisco ziehen, sich mit ihr auf Sexspielchen mit unbekannten Gleichaltrigen einlassen (die sie am nächsten Morgen umgehend bereut), die Schönlinge ihrer Highschool verführen und ein Techtelmechtel mit der drogensüchtigen Tabatha (Margarita Leviva) wagen. Denn »what is the point of loving, if nobody loves you, nobody sees you and nobody touches you?« In dieser rhetorischen Frage ist die Antwort auf viele Fragen verborgen, die der Film stellt.

The Diary of a Teenage Girl ist ein außergewöhnlicher Autoren- und gelungener Kostümfilm (der Siebziger-Jahre-Charme erinnert vage an David O. Russels vergnügliche Räuberpistole American Hustle), der von einem großartigen Ensemble getragen wird. Vor allem die 23-jährige britische Schauspielerin Bel Powley brilliert in ihrer Rolle als selbstbewusstes wie auch verlorenes Teenagermädchen, das nicht nur feststellt, dass »adult codes so fucking confusing« sind, sondern auch begreifen wird, dass ihre exzessiven Alkohol- und Sexexperimente keinen Ersatz für die Liebe und Beachtung ihrer Mutter bieten. »Everything is so loveless and mediokre«, heißt es da lapidar.

Powley gelingt es, den schwebenden Zustand, in dem sich die Natur ihrer Figur befindet, wunderbar umzusetzen. Nur so ist es zu erklären, warum ihr tapsiges Stolpern und Stöckeln durch San Francisco immer auch irgendwie sexy wirkt. Alexander Skarsgård – vielen als Michael aus Lars von Triers Melancholia sicher noch in Erinnerung – glänzt in seiner schmierigen Rolle des ewigen Kindes im Manne, der der Versuchung nicht widerstehen kann, wie auch Kirsten Wiig als verlorene Geliebte und fahrige Mutter.

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Dass sich dieser Film nie in der Entfremdung, die Minnie durchmacht, verliert, ist auf die Fokussierung auf das in Teenageraugen Akute zurückzuführen, die Powley gleichermaßen spielerisch wie glaubwürdig vermittelt. Dazu tragen das Kassettentagebuch, aber auch ihre gezeichneten Comics bei, die eine Art künstlerisches Paralleltagebuch darstellen. Durch dieses alternative Journal bekommt der Film eine spielerische Leichtigkeit, indem die Zeichnungen vom Blatt auf die Leinwand klettern und sich dort als animierten Traumsequenzen weiterentwickeln.

Stilistisch sind Minnies Zeichnungen an die Underground-Comix von Aline Kominsky-Crumb angelehnt, die innere Rebellion bekommt also eine passende äußere Kunstform (die, nebenbei bemerkt, parallel zur Heldin dieses Films mit Robert Crumb und Aline Kominsky ein sexuelles Erwachen erleben sollte). Als Minnie dann Kominskys Twisted Sister-Comic entdeckt, beginnt sie, der Künstlerin Briefe zu schreiben und Zeichnungen zu schicken. Bis sie eines Tages einen Antwortbrief von der Frau an Robert Crumbs Seite bekommt, in dem sie die Ausnahmekünstlerin ermutigt. »Alienation ist good for your art«, schreibt sie ihr und fordert sie auf, weiterzuzeichnen. Am Ende sehen wir Minnie, die wie Robert Crumb ihre Zeichnungen auf der Straße verkauft.

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Marielle Hellers The Diary of a Teenage Girl ist ein mutiger und bewegender Film über das Erwachsenwerden eines jungen Mädchens, in dem Sex, Drugs und Comickunst nur einige der wichtigsten Facetten von Minnies schonungsloser Auseinandersetzung mit sich selbst und ihrer Umwelt darstellen. Dass er trotz des anklingenden Missbrauchsthemas kein Drama ist, sondern oft gar die Qualitäten einer Komödie hat, liegt am Widerspruch zwischen der Ernsthaftigkeit aller Dinge in der Pubertät, wie sie Heranwachsende wahrnehmen, und der Leichtigkeit, mit der Erwachsene im Nachhinein auf diese zurückblicken.

»Es ist immer schwer, groß zu werden«, sagte Bel Powley im Februar bei der Filmvorstellung in Berlin. Aber es birgt auch die Chance, manche Fehler erst gar nicht zu machen. Das weiß auch Minnie. »Meine Mutter denkt, sie braucht einen Mann, um glücklich zu sein. Ich nicht!«.

DIARY_Hauptplakat_RZ_A4_300dpi_1400Marielle Heller: The Diary of a Teenage Girl

Mit Bel Powley, Alexander Skarsgård, Kirsten Wiig, Madeleine Waters, Margarita Leviva

102 Minuten. FSK: 12 Jahre

Die Zitate sind dem englischen Original entnommen. In Deutschland wird der Film überwiegend synchronisiert gezeigt (siehe Trailer)