Europas träges Auge

Fuocoammare | Fire at Sea

Es ist nicht so, als wäre die Flüchtlingssituation bislang nicht auf der Berlinale wahrnehmbar gewesen. George Clooneey traf sich sogar eigens mit Angela Merkel zum Refugee-Talk. Mit Gianfranco Rosis erschütternd-anrührendem Dokumentarfilm »Fuocoammare« ist das Thema nun unmittelbar ins Zentrum dieses noch jungen Festivals gerückt. Außerdem mussten sich am zweiten Wettbewerbstag die Französin Isabel Huppert als Lehrerin neu erfinden und ein junger Maori gegen seinen autoritären Großvater durchsetzen. 

Flüchtlinge kurz nach ihrer Rettung auf dem Meer. Müde, ausgelaugt und doch froh, am Leben zu sein, sitzen sie im Dunkel, eingehüllt in die goldenen Isolierdecken der Küstenwache. Es könnten Könige aus fernen Ländern sein, sie sind aber die Elenden dieser Welt. Europa will sie mit aller Macht von seinen Außengrenzen fernhalten. Aufgenommen wurde dieses bleibende Bild im Hafen von Lampedusa, einem Hotspot der Einwanderung nach Europa. Es ist zentral in Gianfranco Rosis famosem Wettbewerbsbeitrag, dem Dokumentarfilm Fuocoammare. Der Filmtitel ist einem Schlager entnommen, in dem vom Feuer über dem Meer die Rede ist. Es brennt auf dem Mittelmeer – was das heißt, muss man dieser Tage nicht mehr erklären.

In den siebziger und achtziger Jahren wusste kaum ein Europäer, das es die italienische Insel Lampedusa überhaupt gibt. Noch in den neunziger Jahren wussten nur wenige, wo sie eigentlich liegt. Inzwischen ist die Insel der Inbegriff des schlechten Gewissens Europas. Sie ist zu einem der zentralen Schauplätze einer Tragödie geworden, die in den letzten zwanzig Jahren fast 15.000 Menschenleben gekostet hat.

Etwa 4.000 Menschen leben auf der Insel, die einen Vorposten der Festung Europa bildet. Von diesem Fleck Erde aus versucht die Europäische Union mit modernster Waffentechnik, ihren Wohlstand vor den Flüchtlingen dieser Welt abzuschirmen. Der italienische Dokumentarfilmer Gianfranco Rosi hat sich gefragt, wie es sich auf dieser Insel lebt, aus deren Häfen Fischerboote auslaufen und mit Flüchtlingen statt mit dem Tagesfang zurückkehren. Wo sich eine permanente Katastrophe vor der eigenen Haustür vollzieht und mit den Flüchtlingen die Folgen der Globalisierung in eine Welt dringen, die aus längst vergessenen, traditionellen Lebensformen besteht.

Auch Rosi kommt nicht umhin, für diese zwei völlig unterschiedlichen Welten zwei Erzählstränge zu entwickeln. Da ist zum einen die Abbildung der Katastrophe, die sich vor den Küsten dieser (und inzwischen bei weitem nicht nur dieser) Insel täglich ereignet. Rosi schont die Zuschauer dabei in keiner Weise, zwingt sie, (endlich) hinzusehen. Er ist mit den Rettungsteams auf das Meer hinausgefahren und hielt selbst dann noch die Kamera auf die Geschehnisse, als es der Verstand schon nicht mehr ertragen kann. So dokumentiert er den unerbittlichen und endlosen Kampf um das Leben der Schutzsuchenden nahezu lückenlos. Zentral ist dabei ein Einsatz, bei dem ein Boot mit dutzenden Toten unter Deck aufgebracht wurde. Rosi bildet hier unmittelbar die Wirklichkeit ab, die Bilder sind nahezu unerträglich, wühlen auf und wecken eine kaum zu bändigende Wut im Bauch.

Im Zentrum des zweiten Erzählstrangs steht der zwölfjährige Samuele, der auf der Insel aufwächst. Er trägt in sich eine kindliche Unschuld, die Rosi der politischen Situation kontrastierend gegenüberstellt. Er begleitet den Jungen auf seinen Streifzügen über die Insel, filmt ihn bei der Vogeljagd mit der selbstgebauten Schleuder und beobachtet ihn beim Verschlingen von Omas Pasta. Samuele ist ein Lausejunge im besten Sinne des Wortes mit vielen Flausen im Kopf, dessen Naivität man angesichts der erschütternden Bilder der Flüchtlingskatastrophe neidet.

Fuocoammare | Fire at Sea

Fuocoammare | Fire at Sea

Ein glücklicher Zufall, dass Rosi in Samuele schon kurz nach seiner Ankunft auf der Insel im Herbst 2014 nicht nur eine faszinierende Hauptfigur, sondern auch die Verkörperung der großen Metapher dieses Filmes gefunden hat. Die Angst schnürt ihm die Luft ab, seine imaginierten Feinde auf dem Meer ballert er gnadenlos nieder. Außerdem hat er ein träges Auge, er benutzt immer nur das linke, wenn er seine Ziele ins Visier nimmt. Ihm wird eine Blende verschrieben, mit der er das gesunde Auge abdecken soll, um das kranke zum Sehen zu zwingen. Welch gelungene poetische Allegorie auf die Europäische Union, die auf dem Auge der Menschlichkeit blind ist und stattdessen nur das andere Auge nutzt, das der Jagd, der militarisierten Abwehr der imaginierten Feinde, die vom Meer her kommen.

Er habe keinen politischen Film machen wollen, sagte Rosi am Samstag in Berlin. Der Film wird aber gerade durch die Abwesenheit einer solchen Intention politisch. Der in Eritrea geborene Filmemacher, der 2013 mit Das andere Rom in Venedig den Goldenen Löwen gewonnen hat, will keine bestimmte Geschichte erzählen. Nein, er will einfach nur erzählen, von den Menschen und ihren Schicksalen. Und das macht er hier einerseits in radikal ehrlichen, unzensierten Bildern der Schutzsuchenden, andererseits mit romantischen Impressionen der in ihren Traditionen verwurzelten Insel und ihrer Bewohner. Von der europäischen Gesellschaft ist hier nichts zu sehen. In dieser Abwesenheit schafft Rosi wahrscheinlich das ehrlichste Porträt dieses Staatenbunds und seiner aktuellen Befindlichkeit, das man in diesem Jahr auf die Berlinale sehen wird.

Vor allem aber gibt Rosi mit jedem Bild den Flüchtlingen ein Stück ihrer Würde zurück, holt sie raus aus ihrer Rolle eines Objekts (der Berichterstattung, der Inszenierung, der Fremdenfeindlichkeit) und zeigt sie als Subjekte, die Unfassbares erlebt haben, die um die Toten weinen und das eigene Überleben in melancholischen Gesängen feiern. Er verneigt sich mit der Dokumentation aber auch vor den Helfern, die täglich mit den Folgen der rigiden europäischen Einwanderungsgesetzgebung konfrontiert sind.

Einer dieser Helfer ist Pietro Bartolo, ein Arzt, der im Film eine tragende Rolle einnimmt. Seit Jahren ist er am Hafen, wenn die Flüchtlinge ankommen, reibt sich auf für das Leben jener, die der EU so wenig wert sind. Auf der Pressekonferenz gefragt, warum die Menschen in Lampedusa diese Situation so stoisch hinnehmen und nicht auf die Barrikaden gehen, sagte er, dass die Menschen in seiner Heimat Fischer seien und alles, was vom Meer kommt, mit offenen Armen empfangen.

Der Arzt ist einer der wenigen Zeugen, der die Tragödie, die sich in Lampedusa seit Jahren vollzieht, von Anfang an begleitet und dokumentiert hat. Er untersucht und behandelt die ankommenden Flüchtlinge, so sie noch am Leben sind, die Toten kann er nur noch obduzieren. Unzählige Tote habe er seit dem Beginn der Massenhaften Einwanderung über Lampedusa gesehen, sagte er auf der Pressekonferenz. »All das erzeugt so eine Wut, eine Leere im Bauch«, sagt er in einer Sequenz, die Rosi erst vor wenigen Wochen gedreht hat. »Jeder Mensch, der sich so nennt, muss diesen Menschen helfen« appelliert Pietro Bartolo im Film. Eine Botschaft, die passender nicht sein könnte.

Noch hat das Festival kaum Fahrt aufgenommen, hinterlässt dieser Film einen überaus starken Eindruck. Für Vorhersagen ist es noch zu früh, aber über die Frage, ob die Jury des selbsternannten politischsten aller Filmfestivals Rosis Beitrag unberücksichtigt lassen kann, wenn es um die Bären geht, kann man durchaus schon einmal nachdenken.

L' avenir | Things to Come

L’ avenir | Things to Come

Und was gab der Wettbewerb sonst noch her? Isabelle Huppert hatte einen starken Auftritt in L’Avenir, Mia Hansen-Løves Beitrag zur Suche nach dem Glück. Huppert verkörpert die Philosophielehrerin Nathalie, die ihren Schülern auf der Basis der klassischen Philosophie das Denken beibringen will. Ihr gemütliches bourgeoises Leben gerät aus den Fugen, als ihr ihr Mann (Andre Marcon) eröffnet, dass er sie für eine jüngere Frau verlassen will. Als dann auch noch ihre senile Mutter stirbt, muss sie einen neuen Lebensinhalt finden. Huppert verkörpert diese resolute, ganz der Aufklärung verschriebene Frau in kühler Eleganz, stets auf dem schmalen Grat zwischen absoluter Rationalität und emotionaler Aufwühlung wandelnd.

Mahana | The Patriarch

Mahana | The Patriarch

Im dritten Wettbewerbsbeitrag des Tages wurde man Zeuge eines Maori-Rancher-Dramas vor der wunderschönen Kulisse Neuseelands. Lee Tamahoris Film Manaha (The Patriarch) ist das Porträt einer Maori-Familie in den sechziger Jahren, die unter der autoritären Führung des Patriarchen (Temuera Morrison) Manaha verschiedene Ländereien bewirtschaftet. Dabei gilt es nicht nur, den Ansprüchen der Verpächter gerecht zu werden, sondern auch die Erwartungen des Familienoberhauptes zu erfüllen, der seinen Clan in einen erbitterten Konflikt mit der Familie seines persönlichen Rivalen geführt hat. Der 14-jährige Simeon (Akuhata Keefe), ein Enkel des Despoten, lehnt sich gegen die Gewaltherrschaft seines Großvaters auf. Er durchbricht das System aus Angst und Gewalt und findet auf dem Grund seiner Familiengeschichte ein finsteres Geheimnis. Der Film verharrt fast ausschließlich im Familienkonflikt, reflektiert die Gewalt innerhalb der Maori-Gemeinschaft und tippt nur am Rand den britischen Rassismus gegenüber den Ureinwohnern Neuseelands an. Trost spenden da nur die traumhaften Bilder, mit denen Tamahoris Kameramann Ginny Loane Neuseelands überwältigende Landschaft einfängt.

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