Schmerzhafte Gleichgültigkeitssplitter

Titel_Kuhligk_Gibraltar

Der Berliner Lyriker Björn Kuhligk legt mit seinem Langgedicht »Die Sprache von Gibraltar« das menschliche Versagen an den europäischen Außengrenzen schonungslos offen.

»Im Mittelmeerraum ist Mittelmeerboden
im Mittelmeerraum treiben Ertrunkene
die Ertrunkenen werden zu Mittelmeerboden
die Ertrunkenen werden zu Mittelmeerraum
die Ertrunkenen verändern die Geografie
die Ertrunkenen machen das«

Um zu begreifen, dass die so genannte Flüchtlingskrise eine Empathie- und Menschlichkeitskrise ist, muss man hinfahren dahin, wo es weh tut, wo diese Krise ihre Wurzeln in den Boden schlägt. An die europäischen Außengrenzen, nach Idomeni, Lampedusa oder Melilla. Dort sitzen die Affen auf den Felsen und singen höhnisch vom Auseinanderdriften der Kontinente. Vor zwei Jahren entschied sich Björn Kuhligk, diesem Affen ins Auge zu sehen und reiste in die spanische Exklave Melilla. »ich bin angekommen in der Krise | es ist kein Zeitungsartikel, kein Diskurs | kein surrealer Film, es ist zum Riechen | zum Anfassen, zum Durchgehen«, schreibt er in seinem Langgedicht Die Sprache von Gibraltar, dass auch seinem neuen Gedichtband den Titel gibt.

Melilla liegt wie die zweite spanische Exklave Ceuta auf dem afrikanischen Kontinent, umzäunt von einer massiven, hochmodernen Grenzanlage und dem Mittelmeer. Die Strände hier kennen keine Flüchtlingsboote, wer es hierher schaffen will, versucht es über den meterhohen Sicherheitszaun, auch wenn hier »die Leute von den Zäunen geschossen« werden. Heftig beben diese Strände bei Kuhligk, vielleicht auch, weil die Brise, die vom Meer her über sie hinwegweht, nicht nur Reiher und Möwen trägt, sondern auch »den Helikopter, der nachts mit hellem Auge die Linien absucht«. Linien, die »zwischen denen, die Krieg haben | und denen, die keinen haben« verlaufen.

Die Form des Langgedichts erinnert an T. S. Eliots Das öde Land, ähnlich wie jener stellt sich Kuhligk den Abgründen seiner Zeit. Während Eliots Beschreibung seiner Zeit ein Ausdruck seines Weltschmerzes ist, ist Kuhligks Sprechen über Gibraltar dezidiert politisch motiviert. Sein Langgedicht ist keine Klage, eher eine Anklage.

Wo andere die Worte verlieren, findet er sie zwischen Wüstensand und NATO-Draht, hinabblickend aus den Höhen, in die ihn eine Propellermaschine getragen hat, um das Ganze zu begreifen. Doch das Ganze kann er gar nicht sehen, denn das beginnt auf der anderen Seite des Meeres, in Finsterwalde, Halberstadt, Berlin und Brüssel, wo die Satten und die Sieger sitzen. So bleibt es bei Momentaufnahmen. Aber diese lyrischen Gleichgültigkeitssplitter haben es in sich, denn sie beschreiben die Wirklichkeit, indem sie sie dekonstruieren und wieder neu zusammensetzen. Der Berliner Lyriker produziert mit Worten Bilder, die nicht mehr loslassen, die in ihrem eindringlichen Rhythmus offenlegen, was an den europäischen Außengrenzen Tag für Tag im Schatten unserer Aufmerksamkeit passiert.

»Die Ertrunkenen verändern die Geografie«, heißt es im eingangs zitierten Auszug, der das im doppelten Sinne deutlich macht. Denn neben der Topographie verändern sie auch die politische Landkarte. Selten war dies deutlicher zu spüren als in den vergangen 18 Monaten. Deshalb sind diese Toten kein Problem der Mittelmeerstaaten, sondern eine Schande für jede*n Europäer*in. Kuhligks Sprache von Gibraltar legt das koloniale Grundgerüst frei, das unter all der europäischen Fassade steckt. »mare nostrum, nicht eures«, »air nostrum, nicht eure«!

Neben dem Langgedicht enthält der gleichnamige Band drei weitere Gedichtzyklen. Darin singt sein Alter Ego ein Hohelied auf die Schwalbenchristine und kämpft »mit einer Zwille gegen Cowboys | und alle anderen Falschen dieser Erdkugel | und lud mit Erbsen nach«. Tatsächlich wirken diese Gedichte neben dem Langgedicht wie lyrische Erbsen, die in ihrer Formschönheit nach all den Realitätssplittern aus Melilla irgendwie deplaziert wirken. Zumal er in seinem Langgedicht noch »ich esse eure Naturlyrik-Suppe nicht | eure Naturlyrik-Suppe esse ich nicht« geschrieben hatte, weil man aufgrund der aktuellen Missstände nicht – wie beispielsweise Jan Wagner – über die Schönheit der Welt schreiben könne.

Allein der vierte Zyklus mit dem Titel »Das Gedicht geht durch meinen Körper und grüßt nicht mal« kann den Bildern des Langgedichts noch etwas entgegenhalten beziehungsweise hinzufügen. Denn Kuhligk gibt sich hier selbst Preis, schreibt darüber, was es heißt, ein Gedicht zu schreiben und sich dem anschließenden Lärm der Kritik zu stellen. Hier bekommt man eine Ahnung davon, was es bedeutet haben muss, in Melilla auf dem Hotelbalkon zu sitzen und zu verstehen, was es heißt, wenn sich die schmutzigen Beweisstücke des Flüchtlingselends in den Maschen der Grenzzäune verfangen. »Das Gedicht geht durch meinen Körper. | »Das Gedicht geht durch meinen Körper und grüßt nicht mal. | Das Gedicht holt sich, was es braucht. | Das Gedicht braucht Jahre, zwei Minuten. |Das Gedicht wird manchmal richtig scheiße. | Das Gedicht wird dann gelöscht. | Das Gedicht ist so klug wie der, der es liest. | Das Gedicht ist so dämlich wie der, der darüber redet, darüber schreibt.«

»Ich weiß, dass jedes Gedicht die Ballung aller Defizite ist», schreibt Björn Kuhligk in Die Sprache von Gibraltar. Es sind Verse, die klar und eindringlich die menschlichen Defizite beschreiben, die dazu führen, dass die Toten im Mittelmeer die Geografie verändern.

Kuhligk_25291_MR.inddBjörn Kuhligk: Die Sprache von Gibraltar

Hanser Berlin 2016

88 Seiten. 16,- Euro

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