Berlinale, Film

Berlinale 2026: The Loneliest Man In Town

Al Cook in »The Loneliest Man in Town« von Tizza Covi, Rainer Frimmel | © Vento Film

Der Blues-Musiker Al Cook ist der letzte Mieter in seinem Wiener Wohnhaus. Nun muss er raus und sich von all dem verabschieden, was sein Leben ausgemacht hat. Tizza Covi und Rainer Frimmel ist mit ihrem melancholischen Porträt eines Mannes aus dem letzten Jahrhundert ein Coup gelungen.

»I’m so tired of yearning. For the long returnin‘. I’m so tired of livin‘ all alone«, singt Lonnie Johnson in den ersten Minuten von »The Loneliest Man In Town«. Es ist eine seiner Lieblingsplatten, die sich Alois Koch alias Al Cook bereitgelegt hat, um es sich an den Weihnachtsfeiertagen gemütlich zu machen. Es ist ein einsames Fest, seine große Liebe Silvia ist schon vor Jahren gestorben, in seiner Wohnung hat er ihr einen kleinen Altar eingerichtet.

Doch nun soll er raus, eine Holding will das Haus abreißen. Für die angeblich neuen Werte, die sie bauen, reißen sie alles ab, was einmal von Wert war. Alois Koch ist der letzte Bewohner des Hauses und bekommt das auch zu spüren. Erst wird der Strom abgestellt, dann das Wasser. Außerdem tauchen zwei windige Typen auf, die ihn so lange schikanieren sollen, bis er freiwillig geht.

Für den Blues-Musiker mit grauer Elvis-Tolle ist das kein Zustand, um derartige Kämpfe ist er bislang drumherum gekommen. Er hat sich sein Leben lang mit Menschen umgeben, die mit ihm die Musik teilen: mit Ma Rainey, Robert Johnson und Elvis Presley, mit Bertha Chippie Hill, Jerry Lee Lewis und eben Lonnie Johnson. Ihre Stimmen sind auf Schallplatten, Tonbändern und CDs festgehalten, ihre Körper und Gesichter auf Fotografien und Videos zu sehen. Überhaupt sprechen seine Wohnung und der Studio-Keller für sich, sie sind bis unter die Decke gefüllt mit Erinnerungsstücken und musikalischen Devotionalien. Es sind die Patina der Dinge und Al Cooks mit Leben gefülltem Gefühl für seine Objekte, die diesem zwischen Dokumentation und Inszenierung schwebenden Film die besondere Atmosphäre gibt. 

»The Loneliest Man In Town« dokumentiert in vielfacher Hinsicht den schleichenden Untergang einer Welt, der sich leise, aber immer rasanter vollzieht. Rainer Frimmel fängt das alte Wien mit seinen Eckstuben und Weinhäusern, seinen alten Kinos und Kulturhäusern, die kaum noch zu retten sind, in tollen Bildern ein. Die daneben verschwindende Welt der Schwarzen Musik, von Jazz und Blues, setzt er mithilfe der Räume und Objekte ins Bild, die Al Cook umgeben.

Der inzwischen 80 Jahr alte Al Cook ist selbst Teil dieser untergehenden Welt. Eine goldene Schallplatte an der Wand deutet seine Rolle in der Szene an. In den 70ern hat er im Wiener Jazzland noch mit den Legenden des Blues gejammt, seither zahlreiche Platten selbst herausgebracht. Sein Traum ist es, in einem der legendären Juke Joints im Mississippi-Delta selbst einmal zu spielen. Doch in Amerika war er noch nie, die Donau musste immer als Mississippi herhalten. In Wien nennen ihn einige deshalb auch den Karl May des Blues.

Die österreichischen Filmemacher Tizza Covi und Rainer Frimmel nutzen ihren Film für eine kleine Utopie. Denn da nutzt Al Cook den Untergang seines Wiener Daseins, um sich seinen Lebenstraum zu erfüllen. Nachdem er noch einmal die alten Platten gehört, die gesammelten Elvis-Devotionalien angesehen und die letzten Aufnahmen gemacht hat, verscherbelt er Stück für Stück sein Hab und Gut. Hier erzählt der Film in Miniaturen, wie wenige Menschen zu schätzen wissen, was andere (ein Leben lang) erfüllt. 

Al Cook in »The Loneliest Man in Town« von Tizza Covi, Rainer Frimmel | © Vento Film
Al Cook in »The Loneliest Man in Town« von Tizza Covi, Rainer Frimmel | © Vento Film

Währenddessen kauft er ein Ticket in die USA, um endlich das Mississippi-Delta zu sehen. Ein Spiel mit den Tatsachen, denn nicht zuletzt vor dem Hintergrund der politischen Umstände ist es dem sympathischen Sänger zu wünschen, dass er sich sein romantisches Bild des Blues bewahren kann. Die Wirklichkeit wäre da nur schädlich.

Al Cook (eine selbstironisch.amerikanische Spielart seines bürgerlichen Namens Alois Koch) spielt sich im Film selbst und bleibt ganz der, der er auch in der persönlichen Begegnung ist: ein einfacher Mann mit Klasse. Allerdings einer, der auf liebenswerte Art in den 70ern hängengeblieben ist. Er nutzt Streichhölzer statt Feuerzeug, schlägt Telefonnummern in den gelben Seiten nach und deckt für sein bescheidenes Frühstück den Tisch noch mit Kaffeeservice ein.

Dieser uneitle Habitus spiegelt sich auch in seiner gepflegten Erscheinung. Das karierte Sakko wird mit Jeans und Boots kombiniert, die stilechte Frisur jeden Morgen mit Haarspray fixiert. Authentischer kann man kaum aus der Zeit gefallen sein. Die komischen Momente, in denen er nichts ahnend am Tempo der Gegenwart scheitert oder sich selbst im Weg steht, verleihen dem Film eine faszinierende Leichtigkeit. 

Al Cook ist ein Mann aus einer anderen Zeit, der weiß, woher er kommt. »Der Blues, der wirklich echte, authentische, wie er mal gespielt worden ist«, erklärte er in gelassenem Duktus auf der Pressekonferenz, »das waren einfache Menschen, die am Round gelebt haben und diese Musik gemacht haben.« 

Und genauso geht es ihm, der noch beim erzwungenen Auszug aus seiner Wohnung eine Platte aufnimmt. Mit seiner Musik möchte er Gefühl in die kühle Welt bringen, erklärt er im Film, in dem er sich selbst preisgibt. Aus jeder Szene scheint das Bekenntnis »Schaut her, das bin ich!« zu sprechen. Krisen gehören zum Leben dazu, jeder hat mal seinen Blues. Die Frage ist nicht, ob man dem aus dem Weg gehen kann, sondern was man daraus macht.

Hier muss man unweigerlich an den Schlagersänger Richie Bravo aus Ulrich Seidls Künstlerporträt »Rimini« denken, der mit seiner Kunst fast untergeht. Seine Krise hat zwar noch andere Gründe, aber es gibt durchaus Parallelen. Auch in der Herangehensweise, auch Seidl mischt immer wieder Dokumentarisches mit Fiktionalem.

Wie auch insgesamt zum Auftritt des österreichischen Kinos bei der Berlinale. Mit Markus Schleinzers »Rose« ist ein zweiter starker Film im Wettbewerb, insgesamt ist das Nachbarland mit zwölf Filmen vertreten, darunter Ulrike Öttingers prominent besetzte Horror-Komödie »Die Blutgräfin« und Ruth Beckermanns Äthiopien-Suche »Wax & Gold«. Schon in den zurückliegenden Jahren war Österreich mit eindrucksvollen Filmen in Berlin vertreten.

»The Loneliest Man In Town« passt gut in diesen starken Jahrgang aus Österreich. Dieser berührende Film handelt von Einsamkeit und dem Verlust von Menschen und Dingen, die einem wichtig sind. Mit wenigen Worten und eindrucksvollen Bildern erzählt er aber auch von der Kraft des Neuanfangs. Denn trotz aller Enden, von denen hier erzählt wird, hat der Film einen kraftvollen Kern. Al Cook hat schon von so viel Leid gesungen, er weiß, dass es immer irgendwie weitergeht. Wie der Blues gestattet er sich melancholische und wehmütige Momente, Verzweiflung aber lässt er nicht zu. 

Am Ende sieht man ihn mit seinem alten Lederkoffer in der Hand in seiner leeren Wohnung stehen. Er legt ein letztes Mal eine seiner Lieblingsplatten auf, dann geht er, noch während die Musik die nun leerstehende Wohnung ausfüllt. Die Kamera bleibt stehen, die Gardine am offenen Fenster hebt sich. Ab sofort weht hier ein neuer Wind, sagt das Bild, während man noch wehmütig die alte Luft atmet.