Literatur, Roman

Heiliger und Hund

© Thomas Hummitzsch

Der Debütroman des Lyrikers und Rassismusexperten Ozan Zakariya Keskinkiliç ist ein rhythmisches Gebet, gewidmet einer längst vergangenen Liebe. Der Held dieses Romans folgt seinem täglichen Begehren und sucht sich selbst zwischen Datingprofilen und Erinnerungen an seine Kindheit.

Der Roman »Hundesohn« des Lyrikers und Politikwissenschaftlers Ozan Zakariya Keskinkiliç erzählt von einem, der genauso heißt wie er. Romanfigur und Autor teilen nicht nur den Vornamen, sondern auch den türkisch-arabischen Migrationshintergrund und die Tatsache, dass sie praktizierende Muslime sind. Der Zakariya im Roman ist schwul und dauerhaft horny. Der Berliner Autor ist ebenfalls queer, nach der Lektüre seines Romans kommt man nicht umhin, seine Affinität zum Körper und zur Sinnlichkeit zu konstatieren.

Sein Alter Ego findet diese Sinnlichkeit in seiner Begegnung mit anderen Männern, aber auch in der Begegnung mit Gott. Erst geht er vor seinen Einmal-, Zweimal- oder Mehrmals-Dates auf die Knie, dann beim Freitagsgebet vor Gott. In beiden Fällen ist er auf der Suche nach einem Gegenüber, das ihn so annimmt und liebt, wie er ist. Beten und Kommen, das sind hier zwei Seiten einer Medaille. »Ich glaube nicht, dass du weißt, wie das ist«, sagt er zu seiner Freundin Pari. Dass dieses Unwissen auch die meisten Leser:innen teilen, ist nur ein reizvoller Teil dieses besonderen, mit dem Aspekte-Literaturpreis ausgezeichneten Debüts.

Ozan Zakariya Keskinkılıç: Hundesohn. Suhrkamp Verlag 2025. 219 Seiten. 24,- Euro. Hier bestellen https://www.suhrkamp.de/buch/ozan-zakariya-keskinkilic-hundesohn-t-9783518432549
Ozan Zakariya Keskinkılıç: Hundesohn. Suhrkamp Verlag 2025. 219 Seiten. 24,- Euro. Hier bestellen.

Ozan Zakariya Keskinkilç erzählt in »Hundesohn« sprachverliebt vom Begehren, das nur die Sehnsucht nach Erfüllung kennt. So selbstverständlich wie sich der polyglotte Zeko – die Kurzform für Zakariya – zwischen den Sprachen Deutsch, Türkisch, Arabisch und Englisch bewegt, so wandert er von Körper zu Körper. Er bandelt auf Datingapps mit Sexpartnern an, chattet stundenlang mit potenziellen Kandidaten und schildert dabei ganz unverfroren, ob er sich eher den Arsch lecken oder doch einfach nur ein bisschen kuscheln und knutschen will.

Doch je näher sich die Körper kommen, desto mehr scheint ihm der Zugriff auf seine Lust zu schwinden. Denn sein Begehren gilt eigentlich nur einem: Hassan, dem titelgebenden Hundesohn. So werden die verschiedenen Männer, mit denen Zeko Sex hat, zu Stellvertretern einer Leerstelle, deren Existenz ihn quält. Jede sexuelle Begegnung wird zur schlechteren Variante seiner tiefen Liebe zu Hassan, dem menschlichen Sehnsuchtsort, auf den dieser Roman zuläuft.

»In neun Tagen werde ich Hassan wiedersehen«, heißt es auf den ersten Seiten des Romans. Ein Satz, der sich in der täglich angepassten Wiederholung in einen Taktgeber verwandelt, der dieser an ein Gebet erinnernden Erkundung des eigenen Begehrens seinen Rhythmus gibt. Besonders deutlich wird dies, wenn man dem von Keskinkiliç grandios eingelesenen Hörbuch folgt.

Die Sehnsucht nach Hassan strukturiert den Text. Gebetsmühlenartig zählt Zakariya die Tage, bis sie sich wiedersehen. Die Handlung folgt diesem Zeitenlauf. Dabei wechseln sich Alltagsszenen aus seinem Leben in Berlin mit Erinnerungen an die Besuche bei seinen Großeltern Dede und Nene ab. Dazwischen swipen wir mit Zeko durch Datingprofile und die dort beschriebenen Präferenzen, denen Keskinkiliç in seinem Roman einen ebenso lustvollen wie poetischen Touch verleiht.

Die Erkundung des Alltags ist nicht ohne Störmomente. Sie ist nicht nur lustvoll und organisch, sondern auch von Zweifeln und Scham besetzt. Dies wird vor allem dann deutlich, wenn Zeko sein schwules Begehren seiner Freundin Pari, seiner Therapeutin oder einem Priester beichtet.

Da sind die frühen Traumata aber schon bearbeitet, die die Grundierung des ethisch-moralischen Gerüsts dieses Protagonisten bilden, der mit all seinen Ambivalenzen wie aus dem Leben einer europäischen Großstadt gegriffen scheint. In der Schule wird er wegen seines Migrationshintergrunds ausgegrenzt, seinen Mitschülern neidet er die »Knödel-und-Sauerkraut-Harmonie und die Freiheit, die ein solches Leben schenkt«.

Diese Freiheit muss er sich hart erarbeiten, irgendwie eingeklemmt zwischen der unerreichbaren deutschen Selbstverständlichkeit und den fernen Lebensweisen der Herkunftskultur seiner Eltern und Großeltern. Zakariya lebt im Dazwischen. Im Dazwischen der Kulturen, im Dazwischen der Sprachen und im Dazwischen der akzeptierten sexuellen Rollen.

Hatice Açıkgöz: LITERARISCH SOLIDARISCH – Perspektiven auf einen neuen Literaturbetrieb. Verbrecher Verlag 2026. 200 Seiten. 20,- Euro. Hier bestellen https://www.verbrecherverlag.de/shop/literarisch-solidarisch/
Hatice Açıkgöz: LITERARISCH SOLIDARISCH – Perspektiven auf einen neuen Literaturbetrieb. Verbrecher Verlag 2026. 200 Seiten. 20,- Euro. Hier bestellen.

»Ein queerer Muslim, der schreibt, ist gefangen zwischen den Fronten und hat wenig Raum, zu existieren – politisch und religiös«, schreibt der an den jungen Walter Benjamin erinnernde Keskinkiliç in seinem Essay »Allah ist ein großer Dichter«, der gerade in der Anthologie »Literarisch Solidarisch« erschienen ist.

Die Literatur weitet den Raum der Existenz und ermöglicht es, aus den sich überlagernden Identitäten selbst Sprache zu machen. Oder anders ausgedrückt, die Sprache wird in diesem Roman zur Melodie, die die unvereinbaren Orte und Positionen in diesem Körper zusammenhält.

Der »Hundesohn« ist der Sohn der Nachbarn von Zakariyas Großeltern im türkischen Andana, seine große, aber ziemlich unmögliche Kindheitsliebe. Während sich Zeko an jeden einzelnen Leberflecken auf Hassans Haut erinnert, weiß sein Großvater nur, dass der Junge einen Hund mit der bloßen Hand erwürgen kann, weshalb er ihm den zweifelhaften Kosenamen gab. Hund und Herz klingen im Arabischen ganz ähnlich, kalb und qalb – auch dieser Gleichklang der Sprachen zieht sich wie ein Motiv durch den Roman.

Zakariya verzehrt sich nach Hassan und lenkt sich mit fremden Männern ab, die für ihn nur sein können, wie Hassan ist oder nicht ist. »Niemand ist ihm gleich«, sagt Zakariya, und wenig später, kniend auf dem Gebetsteppich, über Gott: »und niemand ist Ihm gleich.«

Die Sprache spielt in diesem Roman, der ungewöhnliche und überdeutliche, zugleich aber auch unheimlich eingängige Bilder für dieses Leben zwischen den Stühlen findet, eine immens wichtige Rolle. Lyrisch und elegant schreibt Keskinkiliç über spermatriefende Tennissocken und Filzläuse im Schamhaar, über den Geruch von Thymian in der Sonne oder den Schweiß der Achsel seines Liebhabers. Er kommt aber auch direkt zum Punkt, wenn es um die fleischliche Lust geht. Das Hündische und das Homosexuelle werden dabei in einer offensiven Vorwärtsbewegung ins Verhältnis gesetzt und nutzbar gemacht. Von den bei einem seiner spontanen Grindr-Dates eingefangenen Filzläusen ist es nicht weit zu den Läusen im Fell eines räudigen Hundes. Und wenn Zakariya wie ein Hund liebt, was ist er dann?

Ozan Zakariya Keskinkılıç: Prinzenbad. Elif Verlag 2022. 82 Seiten. 20,- Euro. Hier bestellen https://elifverlag.de/produkt/prinzenbad-%c2%b7-ozan-zakariya-keskinkilic-2/
Ozan Zakariya Keskinkılıç: Prinzenbad. Elif Verlag 2022. 82 Seiten. 20,- Euro. Hier bestellen.

Spielerisch unaufgeregt, aber alles andere als unernst verhandelt dieser Roman Fragen der Identität. Das Feld der Sexualität ist dabei nur eines, wenngleich das dominierende, das Keskinkiliç hier wortgewandt erkundet. Vor allem die Gespräche mit der streitlustigen Pari sind dabei produktiv. Und wenn die ihn mit den Privilegien seiner Männlichkeit provoziert und seinen Schwanz zum Siegel des Patriarchats erklärt, weiß sich Zeko zu wehren.

»Du hörst mir jetzt zu. Schwänze retten Schwarze Männer nicht davor, im Mittelmeer zu ersaufen. Kein Schwanz hat Oury Jalloh davor gerettet, in einer Zelle verbrannt zu werden. Kein Schwanz hat Enver Simsek, Abdurrahim Özüdogru, Süleyman Tasköprü, Habil Kilç, Mehmet Turgut, Ismail Yagar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubasik und Halit Yozgat vor dem NSU-Terror geschützt, tot sind sie. Keine türkische, arabische, muslimische Schwuchtel kann sich auf der Straße sicher fühlen, egal wie viel Schwanz sie in der Hose trägt. Unser Mannsein rettet uns nicht, wenn unsere Hautfarbe, unsere Religion wie Müll an uns kleben. Wenn uns weiße Männer jagen, wenn sie uns bespucken und in Gefängniszellen verbrennen, uns in Shisha-Bars erschießen, uns zum Teufel der Nation erklären und vor uns warnen, zum Schutze ihrer blonden Mädchen. Da rettet uns kein Siegel des Patriarchats. Wir sind die bösen Männer, Pari. Die dummen Männer, die kranken Männer, die perversen, die dunklen, fremden Männer. So viel Intersektionalität musst du aushalten.«

Ozan Zakariya Keskinkiliç: Hundesohn

Allein an diesem Absatz wird deutlich, wie Keskinkiliç mit wenigen Strichen eine ganze Debatte öffnet, ohne andere Türen dabei zuzuschlagen. Wie er aktuelle Debatten aufgreift, ohne den belehrenden Finger zu heben. Dabei greift der Berliner auf seinen fächerübergreifendes Wissen zurück. Als Politikwissenschaftler hat er das Buch »Muslimaniac. Die Karriere eines Feindbilds« geschrieben, als Lyriker zuletzt den Band »Prinzenbad«.

Auf den Wissensschatz zwischen Politik, Wissenschaft und Poesie greift er zurück, wenn er hier über Sexualität und Rassismus schreibt. Das verwandelt er in einen großen Text über des Menschsein, in dem Literatur, Musik und Tradition, kulturpolitische und postkoloniale Debatten sowie das Nachdenken über Nähe und Selbstaufgabe zusammengeführt werden.

Immer wieder stößt man im Text auf Ausdrücke oder Sätze auf Englisch, Französisch, Arabisch oder Türkisch, die unübersetzt im Text stehen und Zakariyas Welten nahezu magisch verbinden. Sie geben einen Eindruck der babylonischen Vielsprachigkeit unserer Zeit (und der jeweiligen kulturellen Hintergrundmusiken), in der sich vor allem Menschen mit so genannter Migrationsgeschichte permanent bewegen.

Ozan Zakariya Keskinkılıç: Muslimaniac. Die Karriere eines Feindbildes. Verbrecher Verlag 2023. 200 Seiten. 22,- Euro. Hier bestellen https://www.verbrecherverlag.de/shop/muslimaniac-die-karriere-eines-feindbildes/
Ozan Zakariya Keskinkılıç: Muslimaniac. Die Karriere eines Feindbildes. Verbrecher Verlag 2023. 200 Seiten. 22,- Euro. Hier bestellen.

Es gibt Momente, in denen deutschsprachige Leser:innen – oder in Übersetzungen dann die Leser:innen der jeweiligen Zielsprache – ahnungslos stutzen, weil sie die ein oder andere Aussage wörtlich nicht verstehen. Dafür bekommen sie aber ein Gefühl für den Moment der Verwunderung, des Rätselratens, des wörtlichen Nicht-Verstehens, mit denen eingewanderte Menschen in ihren Aufnahmeländern immer wieder konfrontiert sind.

Die vielen klug komponierten Bilder von »Hundesohn« beweisen das sorgfältige Sprachgefühl von Keskinkilçs verdichteter Prosa. Sie zeigt, dass hier einer noch im Profansten etwas findet, dass eine feinsinnige und berührende Poesie verdient. Diese führt zu einer geradezu greifbaren Melancholie und Sinnlichkeit, die man in der deutschen Literatur, zumal von einem männlich gelesenen Autor verfasst, selten findet.

Lyriker, Politikwissenschaftler und Romancier

Ozan Zakariya Keskinkiliç versteht es, dem drohenden Kitsch durch radikale Brüche und Stilwechsel einen Riegel vorzuschieben. Er jongliert mit dem Allerheiligsten, ohne den Glauben oder sich selbst zu verraten.