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»Der Zauber überträgt sich auf die Lesenden«

© Thomas Hummitzsch

Ursula K. Le Guin war eine der einflussreichsten Schriftstellerinnen Amerikas. Keine Autorin hat so viele Preise und Auszeichnungen erhalten wie die 2018 im Alter von 88 Jahren gestorbene Autorin. Unter Science Fiction-Fans sind ihre Romane Kult, dabei passt ihr facettenreiches Werk in keine Genre-Schublade. Nun erscheint mit »Am Tag vor der Revolution« ein Band mit 25 Erzählung. Aus diesem Anlass sprach ich mit der Le-Guin-Übersetzerin Karen Nölle über diese außergewöhnliche Autorin und die Aktualität ihres Werks.

Karen Nölle, ich habe jetzt Wochen mit Ursula K. Le Guins Romanen verbracht, das war im wahrsten Sinne des Wortes eine Erfahrung. Je länger man darin liest, desto toller wird es. Wie ging es Ihnen, als Sie diesem Werk begegnet sind?

Ich bin keine Science-Fiction-Leserin und habe auch nach zehn Jahren übersetzerischer Nähe zu Ursula Le Guin noch immer wenig Ahnung von dem, was in der Science-Fiction-Welt läuft. Als ich mit 25 zum ersten Mal »The Dispossessed« gelesen habe, war das für mich ein Wahnsinnsbuch, der Eindruck war unvergesslich. Und dann habe ich mir sehr bald »The Left Hand of Darkness« vorgenommen und bin mehrmals an der Eingangsszene gescheitert, dem Feiertagsumzug einer royalistischen Gesellschaft, dessen scheinbar mittelalterliches Setting mir den Blick für den subtil-subversiven Inhalt verstellt hat. Den Zugang zum Spaß daran habe ich erst gefunden, als ich die Aufgabe hatte, es zu übersetzen. Es braucht eine Weile, sich das Le Guin-Universum zu erschließen, und mir gefällt es auch nach zehn Jahren noch immer besser und besser.

Ursula K. Le Guin: Der Tag vor der Revolution. Erzählungen. Aus dem Englischen von Karen Nölle. S. Fischer 2025. 784 Seiten. 36,- Euro. Hier bestellen https://www.fischerverlage.de/buch/ursula-k-le-guin-der-tag-vor-der-revolution-9783596710874
Ursula K. Le Guin: Der Tag vor der Revolution. Erzählungen. Aus dem Englischen von Karen Nölle. S. Fischer 2025. 784 Seiten. 36,- Euro. Hier bestellen.

Ich bin bei den Erzählungen dann auch gleich am ersten Text »Science Fiction lese ich nicht« hängen geblieben, der vor Augen führt, wie wir über Vorurteile stolpern und meinen, dass man Science-Fiction nicht lesen könne.

Da fühlt man sich sofort ertappt, das stimmt. Ich hatte lange Zeit den Ruf, Literatur von interessanten Autorinnen zu übersetzen, die vielleicht nicht bekannt genug waren. Als in den letzten Jahren Leute auf mich zukamen und wissen wollten, was ich gerade übersetze, schauten sie oft verwundert drein, wenn ich gesagt habe, dass ich gerade Science Fiction übersetzte. Manche hören dann gar nicht mehr zu oder sagen, das werde ich nicht lesen. Damit muss man halt leben.

Die in »Der Tag vor der Revolution« versammelten Erzählungen sind aus über 30 Jahren. Wie kam das zu dieser Zusammenstellung?

Das Buch enthält die Erzählungen, die schon häufig in Anthologien oder Science-Fiction-Jahrbüchern aufgenommen worden sind. Wir haben dann gemeinsam nach einer Ordnung gesucht. Die ist nicht ganz chronologisch, weil bestimmte Geschichten zusammengehören, wie etwa zwei aus ganz verschiedener Zeit, die Ergänzungen zu »Die linke Hand der Dunkelheit« sind. In meinem Nachwort ziehe ich einen roten Faden durch diese Sammlung. Man hätte sie aber auch anders zusammenstellen können.

Der Band »Der Tag vor der Revolution« versammelt 25 Stories von Ursula K. Le Guin in der Übersetzung von Karen Nölle | © Thomas Hummitzsch
Der Band »Der Tag vor der Revolution« versammelt 25 Stories von Ursula K. Le Guin in der Übersetzung von Karen Nölle | © Thomas Hummitzsch

Zum Beispiel?

Mir hätte auch ein Erzählband gefallen, der weniger rein auf ferne Welten ausgerichtet ist. Le Guin selbst hat einen Band zusammengestellt, der »The Unreal and the Real« heißt. Der erste Teil ist »Where on Earth« gewidmet, der zweite »Outer Space an Inner Lands«. »Where on Earth« enthält Geschichten über ihr Verhältnis zur Natur, die dem verwandt sind, was man heute Nature Writing nennt, natürlich mit einem imaginären Twist. Im zweiten Teil sind Weltraum- und Innenwelt-Geschichten gemischt, sodass eine Vorstellung davon wächst, wie die Themen, die ihre Fantasie beschäftigen, in Fiktionen münden. Es wäre spannend, einen Band zu machen, der ihre Beschreibungen davon, wie wir Teil der Natur sind und wie die Natur in uns arbeitet, versammelt.

The Word for World: The Maps of Ursula K. Le Guin

Ursula K. Le Guin: Talismanic map of the Valley, with place names
1985, Ink on paper | Courtesy of the Ursula K. Le Guin Foundation

Wenn Ursula K. Le Guin eine neue Geschichte schrieb, begann sie mit dem Zeichnen einer Karte. Die Londoner Ausstellung »The Word for World: The Maps of Ursula K. Le Guin« präsentiert eine Auswahl dieser Zeichnungen und Karten, von denen viele noch nie zuvor öffentlich gezeigt wurden. Sie belegen, wie sie ihre imaginären Welten geografisch angelegt hat, um Denk- und Konstruktionsfehler zu vermeiden. Sie bieten Bewusstseinsreisen jenseits der konventionellen Kartografie, von den Archipelen von »Erdsee« über ihre Planetenwelten bis zu den talismanischen Karten von »Immer nach Hause«. Außerdem zeigt die Ausstellung Le Guins Originalkunstwerke und bisher unveröffentlichte persönliche Archivstücke.

Sie kennen wie kaum eine andere das Gesamtwerk von Le Guin. Inwiefern mäandern Themen, Motive, Figuren und Welten durch ihre Romane und Erzählungen?

Le Guin ist ganz grundlegend der Überzeugung, dass wir nichts sind ohne den Planeten, der uns hervorbringt. Dieser Grundgedanke zieht sich überall durch. Etwa in der Art, wie die Figuren in den Gesellschaften ihrer jeweiligen Planeten und mit der Natur leben. In »Die linke Hand der Dunkelheit« beschreibt sie beispielsweise in allen Facetten das Leben in einer sehr kalten Umwelt. Man merkt beim Übersetzen, dass da eine wirklich schriftstellerische Fantasie am Werk ist. Sie mag über vieles sehr grundsätzlich nachdenken, aber sie schreibt nicht als Aktivistin. Durch die fantasievolle Ausgestaltung und das Imaginieren von Welten versichert sie sich auch gegen Denkfehler. Sie gestaltet ihre Welten so konkret aus, dass man nur schwer in Abstraktionen abgleiten kann. Ein sich wiederholendes Motiv sind die leeren Hände, mit denen viele ihrer Figuren durch die Welt gehen, als Symbol dafür, dass wir nicht viel mehr sind als dieses Gebilde, das irgendwie von einem Planeten hervorgebracht ist. Und dass das, worum es im Leben geht, eben von uns in die richtigen Zusammenhänge zu bringen ist, ohne äußerliche Macht einzusetzen. Dieser Gedanke findet sich überall, in »Das Wort für Welt ist Wald« genauso wie in »Freie Geister«. Immer gibt es zentrale Figuren, die einfach aus sich heraus zu handeln bemüht sind und denen nicht unbedingt Erfolg beschieden ist. Nahezu heldenhaft.

Ursula K. Le Guin: Freie Geister. Roman. Aus dem Englischen von Karen Nölle. S. Fischer 2017. 432 Seiten. 19,- Euro. Hier bestellen https://www.fischerverlage.de/buch/ursula-k-le-guin-freie-geister-9783596035359
Ursula K. Le Guin: Freie Geister. Roman. Aus dem Englischen von Karen Nölle. S. Fischer 2017. 432 Seiten. 19,- Euro. Hier bestellen.

Dabei wollte sie ja nie Geschichten über Helden schreiben.

Nun ja, das kam im Prinzip erst nach »Freie Geister«. Ihr Helden mögen schon immer untypisch gewesen sein, aber den Begriff selbst hat sie erst dann infrage gestellt. Sie hat ja zunächst viele Jahre für die Schublade geschrieben, während alle Verlage ihre Manuskripte freundlich ablehnten. Sie schrieben sinngemäß, dass sie so etwas Ungewöhnliches, wie sie schreibe, vor zehn Jahren hätten bringen können, es aber jetzt leider keinen Markt mehr dafür gebe. Im Laufe ihrer Suche empfahl ihr jemand, versuch’s doch mal in der Science Fiction, da sind die Leute offener für die Art von Gedankenexperimenten und Spielen, wie du sie anstellst. Und als das funktionierte, folgte ein richtiger Schub. Zwischen 1966 und 1974 schrieb sie zehn Bücher; die Erdsee-Romane, die frühen Geschichten über das Hainish-Universum, und gewann für fast jedes der Bücher hochangesehene Preise. Der typische Protagonist jedoch war eine herausragende, meist einsame männliche Figur, die Herausforderungen durchlebte.

Die Anderswelten von Ursula K. Le Guin in der Übersetzung von Karen Nölle | © Thomas Hummitzsch
Die planetaren Anderswelten von Ursula K. Le Guin in der Übersetzung von Karen Nölle | © Thomas Hummitzsch

Bis sie von Feministinnen extrem böses Feedback für »Die linke Hand der Dunkelheit« bekommen hat. Im Vorspann zum Text »Der König von Winter« schreibt sie auch darüber.

Ja, sie hat die Kritik zunächst abgewehrt, aber sie begann in ihr zu arbeiten. Ein Aufsatz von ihr, den sie 1976 geschrieben und 1987 noch einmal überarbeitet hat, gibt Aufschluss über den Prozess, indem der überarbeitete Text die ursprüngliche Replik und die neue Sicht offen nebeneinander stellt. Mit dem Abstand der Jahre konnte sie gut formulieren, was sie aus der Kritik übernehmen konnte und was sie fortan anders machen wollte. So wird auch verständlich, dass sie die Kritik der Feministinnen als solche erst einmal in eine Krise gestürzt hat. Das Schreiben ging ihr nicht mehr wie selbstverständlich von der Hand. Ihren Ideen, ihrem Spiel mit anderen Lebensentwürfen und Welten blieb sie treu, aber sie verabschiedete sich aus der patriarchalen Erzähltradition mit ihren Heldenwegen. Es gibt weiter, wie in ihren ihren frühen Romanen, sehr liebenswerte, oft auch ein bisschen seltsame Hauptfiguren, aber sie folgen, um sich durchs Leben zu schlagen, anderen Wegen. Was sie sich von Erzählungen wünscht hat sie in der »Carrier Bag Theory of Fiction» zusammengefasst.

Ursula K. Le Guin: Erdsee. Die illustrierte Gesamtausgabe. Roman. Aus dem Englischen von Karen Nölle, Hans-Ulrich Möhring, Sara Riffel. S. Fischer 2018. 1.118 Seiten. 72,- Euro. Hier bestellen https://www.fischerverlage.de/buch/ursula-k-le-guin-erdsee-9783596701605
Ursula K. Le Guin: Erdsee. Die illustrierte Gesamtausgabe. Roman. Aus dem Englischen von Karen Nölle, Hans-Ulrich Möhring und Sara Riffel. S. Fischer 2018. 1.118 Seiten. 72,- Euro. Hier bestellen.

Die Erzählungen wirken zuweilen wie Kommentare oder Verlängerungen ihrer Romane, andere wie wilde Experimente? In welchem Verhältnis stehen Erzählungen und Romanwerk?

Es gibt Erzählungen, die wie eine Art Geistesblitz sind und in denen ein Thema zugespitzt wird, ob gedanklich oder polemisch. Und es gibt viele, die sich thematisch zu losen Gebilden ergänzen. Zum Beispiel Naturerzählungen, die von der Landschaft der Halbwüste im südöstlichen Oregon inspiriert sind, in die sie jahrzehntelang immer wieder gefahren ist. Das erste Buch, das so entstanden ist, war »Die Gräber von Athuan« aus der Erdsee-Serie. Und dann gibt es Erzählungen, denen man anmerkt, dass sie mit einer Figur oder Konstellation noch nicht fertig ist und noch einmal in deren Welt zurück muss. Etwa der Planet in »Weiter als Weltreiche«, auf dem nur Pflanzen leben. Der steht für mich klar in einer Linie mit »Das Wort für Welt ist Wald«. Das Verhältnis ist aber nicht immer so eindeutig. Oft präsentierte sich ihr ein Stoff über eine oder mehrere Figuren in einer Landschaft. So etwa Shevek aus »Freie Geister«. Über ihn hat sie zunächst eine Kurzgeschichte geschrieben, die ihr aber nicht gefiel. Als er sich ein paar Jahre später wieder meldete, schrieb sie den Roman. Den Vorentwurf hat sie meines Wissens nie publiziert.

Le Guin hat immer wieder davon gesprochen, dass man sie nicht in die Nische der Science Fiction packen solle. Ihr Werk ist auch nur schwerlich einem Genre zuzuordnen. Wie genau geht sie vor, um die Genregrenzen immer wieder zu sprengen?

Die einfache Antwort ist: Sie hat schlicht gute Sachen geschrieben. Nie mit dem Gedanken, in ein Genre zu passen. Die Zuschreibung haben andere gemacht. Sie ist, wenn überhaupt, eine sehr weiche Science-Fiction-Autorin. Bei ihr steht das Geisteswissenschaftliche im Vordergrund, nicht die Technik. Wenn man eine Wissenschaft bei ihr findet, dann die Anthropologie. Was sie aber besonders auszeichnet, ist ein unglaublich umfassender Blick und eine große Genauigkeit im Schreiben. Wenn ich mich frage, warum es eigentlich so schwer ist, sie zu übersetzen und wie viele Arbeitsgänge es mich kostet, komme ich immer wieder darauf zurück, wie unheimlich treffsicher sie in scheinbar ganz alltäglicher Sprache formuliert. Manchmal umreißt sie eine Figur in fünf Zeilen, eingebettet in alles mögliche Andere. Aber das, was hängenbleibt, sind diese fünf Zeilen. Wenn die politischen Umstände andere wären, würde ich nach Portland reisen und mir solche Stellen im Le-Guin-Nachlass ansehen, um herauszufinden, wie sie zu den fünf Zeilen gekommen ist, in denen sie eine ganze Welt bündelt. In »Freie Geister« gibt es zum Beispiel eine Stelle, wo Shevek, nachdem er auf dem erdähnlichen, fruchtbaren, grünen Planeten Urras angekommen ist, morgens am Fenster steht und zum ersten Mal in diese prachtvolle Natur blickt. Und in der Art, wie sie diese Szene beschreibt, wird die ganze Armut des Mondes greifbar, von dem Shevek kommt. Da spricht plötzlich dieser Moment für sich, und mehr noch als das Bild prägt sich das Gefühl ein, das sich Shevek vermittelt. Das kann sie wie keine andere. Und der Zauber überträgt sich auf die Lesenden.

Ursula K. Le Guin in der Übersetzung von Karen Nölle

So wichtig wie der Text ist, muss man sich glaube ich auch ein Stück davon lösen. Und aufhören, Wort für Wort oder für Satz für Satz verstehen zu wollen. Man muss sich eher von der Melodie und Atmosphäre einnehmen lassen, als von dem, was eigentlich so erzählt wird.

Das ist ein ganz eigentümliches Verhältnis. Und je älter sie wird, desto eigentümlicher wird das Verhältnis zwischen dem, was sich vermittelt und dem vielen anderen, was auch dasteht. Auch ich bin damit noch nicht fertig, was da eigentlich erzählerisch passiert. Es ist ein ongoing process.

Gibt es strukturelle Muster beim Aufbau Ihrer Welten und Geschichten, so etwas wie eine klassische Le-Guin-Erzählung?

Ursula K. Le Guin hat versucht, die Strukturen nach und nach zu ändern. Ganz typisch ist in meinen Augen das unerwartete Aufblitzen von Humor. Die meisten Geschichten wirken recht normal und bekommen plötzlich zugleich etwas Urkomisches. Das mischt sie sehr gerne. Die Absurdität unserer Bemühungen um ein gutes Leben oder die (natürlich irrige) Annahme, dass schon alles irgendwie gut ist, spielen oft eine Rolle.

Ursula K. Le Guin: Die linke Hand der Dunkelheit. Roman. Aus dem Englischen von Karen Nölle. S. Fischer 2023. 352 Seiten. 18,- Euro. Hier bestellen: https://www.fischerverlage.de/buch/ursula-k-le-guin-die-linke-hand-der-dunkelheit-9783596707126
Ursula K. Le Guin: Die linke Hand der Dunkelheit. Roman. Aus dem Englischen von Karen Nölle. S. Fischer 2023. 352 Seiten. 18,- Euro. Hier bestellen.

Ja, etwa in der Erzählung »Die aus Omela fortgehen«. Da zieht es einem, sobald das Kind auftaucht, den Boden weg.

Ja, das ist ein Klassiker. Ich glaube, sie hat Zeit ihres Lebens gegen den didaktischen Impuls angekämpft. Darüber hat sie im Vorwort zu »Das Wort für Welt ist Wald« sehr schön geschrieben. Wie sie sich von ihrer Wut über den Vietnamkrieg zu diesem Buch hat hinreißen lassen und dass sie das eigentlich gar nicht wollte. Ich bedauere es mit ihr, wenn sie zur Durchdringung der entworfenen Welten ins Erklären fällt – was mir allerdings, wenn die Erzählungen übersetzt sind und ich wieder nur lese, gar nicht mehr so auffällt. Am schönsten finde ich, wenn sie einfach nur erzählt und der Sinn und Zweck durch den Text hindurchleuchtet. Ansonsten glaube ich, dass die Erzählungen teilweise eine Befreiung von Struktur sind – als Einzelentwürfe freier als ganze Romane. Außer den letzten in diesem Band, die sie als Story-Suite angelegt hat, weil die Dinge, die sie erzählen wollte, sich nicht zu einem Roman fügten, aber doch alle von derselben Welt und handelten.

Weil Sie gerade sagen, dass Le Guin niemanden belehren wollte. Dietmar Dath meinte mir gegenüber, dass er mit Le Guin gelernt hat, dass Science Fiction nicht vor irgendetwas warnen oder die große Lektion über die Gegenwart erteilen muss. Sondern dass sie einfach nur sprachliches Vergnügen und Denkbewegung sein kann.

Ja, das sagt Ursula K. Le Guin tatsächlich auch. Wer sich wirklich um Science Fiction und Utopisches bemüht, erzählt häufig nur von der Gegenwart und spiegelt das Jetzt. Sie hat stattdessen immer nach anderen Denkstrukturen gesucht und sie erzählerisch ausprobiert. Und ist damit viel utopischer oder besser zeitloser geworden. Dabei gibt es nichts Älteres als die Utopien von gestern.

Das ist das Verrückte an ihren Büchern, dass sie völlig zeitlos sind. Romane wie »Freie Geister« oder »Die linke Hand der Dunkelheit« sind vor sechzig Jahren geschrieben und wirken zugleich hochaktuell.

Ja, das finde ich auch. Da löst sie sich auf eine Art aus dem, was gemeinhin als Realismus gilt. Sie erzählt einfach übergreifendere Geschichten, vom bigger picture. Zugleich kämpft sie gegen das Etikett Science Fiction an. Und steht dazu, nicht den normalen »Ehescheidungs- und die mittlere Jahre sind die wichtigsten«-Realismus zu schreiben. Sie will schon etwas anderes. Sie möchte, dass ihre Prosa als Literatur gilt. Und das finde ich völlig legitim. Dass man sagt, ich kann doch schreiben, was ich will.

Als Le Guin die National Book Foundation Medal for Distinguished Contribution to American Letters erhielt, hat sie den Preis ihren Science-Fiction-Kolleginnen gewidmet. Sie muss sich also doch auch in dieser Gemeinschaft heimisch gefühlt haben.

Ja, sie fühlt sich diesen Autor:innen schon sehr zugehörig. Gegen die Gemeinschaft hat sie nichts – nur gegen die Zuschreibung. Sie hat sich mit anderen aus der Szene ja auch sehr kreativ gestritten. Etwa mit Joanna Russ, die zweifelsohne eine Science-Fiction-Autorin ist. Und sie hat auch bei den frühen Preisreden immer andere Autor:innen mit eingeschlossen, von Kinder- und Jugendbüchern etwa, die nicht so gesehen werden. Ihnen hat sie sich immer verbunden gefühlt.

Ursula K. Le Guin: Grenzwelten. Zwei Romane (Das Wort für Welt ist Wald, Die Überlieferung). Aus dem Englischen von Karen Nölle. S. Fischer 2022. 400 Seiten. ca. 16,99 Euro. Hier bestellen https://www.fischerverlage.de/buch/ursula-k-le-guin-grenzwelten-9783596705788
Ursula K. Le Guin: Grenzwelten. Zwei Romane (Das Wort für Welt ist Wald, Die Überlieferung). Aus dem Englischen von Karen Nölle. S. Fischer 2022. 400 Seiten. ca. 16,99 Euro. Hier bestellen.

Le Guins Werk wird oft als utopisch, ökologisch und feministisch bezeichnet. Was ist denn aus ihrer Sicht die größte Fehlannahme bezüglich Ursula K. Le Guin?

Ich glaube tatsächlich diese Einordnung in eine Science-Fiction-Welt, die gesellschaftlich präskriptiv sein möchte. Das ist sie überhaupt nicht. So ist sie zwar unglaublich kapitalismuskritisch, aber dabei so gründlich, imaginativ und menschlich, dass sie ihre Entwürfe immer auch überraschen. Wenn man da nicht die Geduld hat, zu lesen, was sie anbietet, und sie stattdessen in ein Schubfach steckt, ist das in meinen Augen ein riesiger Fehlschluss, es entgeht einem etwas Lohnendes. In einem ihrer vielen Vorworte hat Le Guin mal die Hoffnung ausgedrückt, gute Storys könnten etwas in den Vorstellungen und Gefühlen der Lesenden berühren, das ihre Fantasie erweitert, den Blick auf das Menschenmögliche.

Haben Sie eine Lieblingsgeschichte in dem neuen Band?

Das ist schwer zu sagen. Vielleicht eine der kürzesten »Sie entnamt sie«? Diese Geschichte wirft ein Licht darauf, wie gut und gründlich Le Guin dekonstruiert. Gerade in dem ganzen Witz. Eine andere Geschichte, die nicht Teil der Sammlung ist, die ich aber sehr mag, heißt »Sur«. Da begeben sich fünf Lateinamerikanerinnen lange vor Robert Scott und Co auf eine Expedition zum Südpol und verwischen hinterher alle Spuren, damit die Männer nicht enttäuscht sind, wenn sie feststellen, dass schon jemand vor ihnen da war.

Ursula K. Le Guin für Einsteiger

Sie haben die zentralen Werke von Le Guin neu übersetzt. Was würden Sie jemandem, der dieses Werk noch gar nicht kennt, zum Einstieg empfehlen?

Ich habe »Freie Geister« in meinen Zwanzigern gelesen und es hat für mich wirklich den Blick auf die Welt verändert. Wenn man einen Wutausbruch braucht, bietet sich »Das Wort für Welt ist Wald« an. Ich habe es während der ersten Amtszeit von Trump übersetzt, das hat mir sehr geholfen, die Stimmen der Bösen zu finden. Wenn man mit Kindern umgeht, finde ich die »Erdsee«-Bücher einen tollen Einstieg. Diese Saga ist der Vorgänger von Rowlings Harry-Potter-Universum. Und später wird man nicht drumherum kommen, sich »Immer nach Hause« zu widmen.

Der Zugang zu »Immer nach Hause« ist nicht ganz leicht, weil es so zusammengesetzt ist aus überlieferten Erzählungen, Gesängen, Gedichten, Naturbeschreibungen und ethnografischen Notizen. Dazwischen gibt es einzelne Erzählsteine und eine Ich-Erzählerin namens Pandora. Haben Sie so eine Art Handlungsanweisung parat, wie man sich diesem Text nähert?

Ich weiß nicht, vielleicht wie beim Bibelstechen? Immer mal irgendwo eintauchen und in sich hineinhorchen, ob da was klingt. Ich habe »Immer nach Hause« nie komplett gelesen, bis wir das Buch zu dritt übersetzt haben. Wir haben alle drei das Gefühl, dass die Übersetzung durch unsere Zusammenarbeit besser geworden ist, als wir es je allein gekonnt hätten. Unsere verschiedenen Herkünfte und Kenntnisse haben ineinandergegriffen. Wir wissen auch gar nicht mehr genau, wer was gemacht hat. Es ist wirklich viel hin und her gegangen, und die Ansätze haben sich verwandelt. Und dieses Hin und Her ist vielleicht auch eine gute Herangehensweise für die Lektüre. Man sollte sich von den Überschriften im Inhaltsverzeichnis leiten lassen, die einen locken. Ich kenne viele Leute, die traditionell erst einmal die drei Erzählstein-Episoden lesen. Auf die Idee wäre ich nie gekommen.

Ursula K. Le Guin: Immer nach Hause. Aus dem Englischen von Matthias Fersterer, Karen Nölle, Helmut W. Pesch. Carcosa Verlag 2023. 863 Seiten. 58,- Euro (Klappenbroschur 28,- Euro). Hier bestellen https://carcosa-verlag.de/unsere-buecher/immer-nach-hause/
Ursula K. Le Guin: Immer nach Hause. Aus dem Englischen von Matthias Fersterer, Karen Nölle, Helmut W. Pesch. Carcosa Verlag 2023. 863 Seiten. 58,- Euro (Klappenbroschur 28,- Euro). Hier bestellen.

Also ich habe es tatsächlich einfach erst mal von vornherein probiert. Aber ich musste es zwischendurch immer wieder weglegen. Und doch zieht es einen immer wieder zurück.

»Immer nach Hause« versammelt einfach unglaublich schöne und sehr kluge Sachen. Auch den »dokumentarischen« Teil am Ende mag ich sehr. Was ich richtig schwierig finde und wozu man sich, glaube ich, erst mal an das Buch gewöhnt haben muss, sind einige Erzählungen, »Gefährliche Leute« zum Beispiel. In »Immer nach Hause« – und auch bei vielen der späteren Erzählungen – spielt Le Guin mit Haupt- und Nebensachen und Erzählsträngen auf eine Art, die mich auch beim Übersetzen immer wieder herausgefordert hat. Ich musste alle Konventionen erst einmal gänzlich zur Seite legen. Und wollte sie zugleich auch irgendwie bewahren, damit ein lesbarer deutscher Text daraus wird? Nehmen Sie beispielsweise die Erzählung »Den Mond tanzen«, da fühlte ich mich an vielen Stellen fast wie eine protestantische Amerikanerin, die ihre eigene Sicht auf die Welt überwinden muss.

Ursula K. Le Guins Opus Magnum »Immer nach Hause« in der Übersetzung von Matthias Fersterer, Karen Nölle und Helmut W. Pesch | © Thomas Hummitzsch
Ursula K. Le Guins Opus Magnum »Immer nach Hause« in der Übersetzung von Matthias Fersterer, Karen Nölle und Helmut W. Pesch | © Thomas Hummitzsch

Christian Hansen sagte mir kürzlich, wie viel er für seine jüngste César-Aira-Übersetzung verlernen musste. Das gilt in meinen Augen auch für Le Guin und insbesondere für »Immer nach Hause«. Braucht man da als Übersetzerin ein anderes Mindset?

Ein anderes Mindset nicht, aber man muss gut aufpassen, damit man nicht in seine, oft ja unreflektierten Muster zurückfällt. Christian Hansen hat Recht, auch ich musste immer wieder Dinge verlernen. Ich musste wach sein und mir selbst auf die Spur kommen, um nicht über meine eigenen Voreingenommenheiten zu stolpern. In »Die linke Hand der Dunkelheit« stellt sich zum Beispiel dieser Genly Ai oft ziemlich doof an, zum Roman passend patriarchal ausgedrückt also »dämlich«. Trotzdem wäre es verkehrt gewesen, ihn beim Übersetzen so zu beurteilen und eventuell gar abzustempeln. Ich musste für die Überraschung offen bleiben. Le Guins Figuren sind nie eindimensional, ihre Charaktere stets ganz eigen.

Annie Dillard in der Übersetzung von Karen Nölle

In ihrer Antrittsvorlesung als August-Wilhelm-von-Schlegel-Gastprofessorin für Poetik der Übersetzung am Peter Szondi-Institut haben Sie gesagt, dass es ihre Aufgabe sei, »den Zauber [eines Textes] nicht entwischen zu lassen.« Was ist denn der besondere Zauber bei Ursula K. Le Guin? Was macht Le Guins Sprache aus?

Bei Le Guin gibt es ein erstaunliches Bemühen um Kunstlosigkeit. Und wie wir alle wissen, ist Einfachheit das Schwierigste. Es wäre im Deutschen ganz leicht, in höhere Register zu verfallen, um der Komplexität der Gedanken gerecht zu werden. Aber bei Le Guin braucht es das Gegenteil. Sie schreibt einfach, direkt und zielsicher, aber nie unkomplex. Sie muss so oft durch Ihre Sätze gegangen sein, bis sie bei einer ganz einfachen Formulierung angekommen ist. Ich kann mir vorstellen, dass ein Absatz in vielen Fällen sieben, acht Nebensätze enthielt, aus dem sich erst später der eine klare, oft ganz kurze Satz herauskristalliserte. Das finde ich das Typische. Beim Übersetzen der Erzählungen musste ich häufiger auch an Annie Dillard denken, von der ich als junge Übersetzerin mal einen Roman übersetzt habe, der für mich sehr viel Arbeit war. Die Rohübersetzung war zu lapidar, die erste Überarbeitung zu elaboriert, beim letzten Arbeitsgang kam ich fast wieder an das Wörtliche heran, aber es waren ganz andere Wörter geworden. So ähnlich ist das auch bei Le Guin. Man muss immer noch einmal drüber gehen und am Ende stehen (hoffentlich) ganz normale Sätze. Die man auf einem langen Weg gefunden hat und in denen wieder der Zauber des Originals wirkt.

Ursula K. Le Guins »Erdsee«-Doppeltrilogie in der Übersetzung von Karen Nölle, Hans-Ulrich Möhring, Sara Riffel | © Thomas Hummitzsch
Ursula K. Le Guins »Erdsee«-Doppeltrilogie in der Übersetzung von Karen Nölle, Hans-Ulrich Möhring und Sara Riffel | © Thomas Hummitzsch

Die Vorlesung stand unter der Überschrift »Es könnte auch ganz anders sein. Vom Umgang mit dem Ungewohnten«. Anders sind auch die Welten von Ursula K. Le Guin. Was lernen Sie als Übersetzerin mit Le Guins Texten?

Sätze genau anschauen und entscheiden, welcher Teil wohin gehört und was noch raus kann. Die Ordnung der Sätze, die Zielrichtung der Sätze, die Genauigkeit der Sprache wird einem bei Le Guin aufgezwungen. Aber das ist unheimlich schön.

Was macht Le Guin zu einer literarischen Vordenkerin unserer Zeit?

Einmal die Zeitlosigkeit, die sich der Gründlichkeit ihrer Imaginationsarbeit verdankt. Und vieles von dem, was sie an Einsichten über menschliches Leben auf der Welt äußert, ist von Lao Tse und seinem Daodejing beeinflusst. In den 60ern und 70ern war sie ziemlich eng mit den Umweltbewegungen verbunden, die etwa die Folgen der Ausbeutung der Erde sehr sauber vorausgesagt haben. Nur dass es niemand hören wollte. Le Guin hatte ein feines Gespür für Entwicklungen. Die heute in den USA entstehende Theokratie hat sie in vielen Erzählungen und Romanen beschrieben, vorausschauend, mit kritisch genauem Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse ihrer Zeit. In den Erzählungen, die ja in der Zukunft spielen, sind sie Vergangenheitsphänome. Etwa wenn vom »Zeitalter der Kriege auf Terra« die Rede ist, in dem sich die verschiedenen Theokratien bekämpft haben. Oder wenn sie von der Zeit spricht, »als alle hungerten, weil wir neun Milliarden geworden waren«. Sie gehört zu einer Gruppe von amerikanischen Autor:innen, die gegenüber dem Glauben an die Manifest Destiny, also dass die Vereinigten Staaten bestimmt seien, sich über den ganzen Kontinent auszubreiten, ein großes Unbehagen empfanden. Dieser Glaube lebt ja bis heute in den USA aggressiv fort. Le Guin hat diesen Anspruch immer mit Skepsis betrachtet. Sie hat den Blick auf die Auswirkungen einer solchen Denkweise stetig verfeinert. Und so sind ihre Bücher aus den 1970ern gerade hochaktuell.

Die Werkausgabe der Library of America umfasst bereits 14 Titel von Ursula K. Le Guin | Screenshot
Die Werkausgabe der Library of America umfasst bereits 14 Titel von Ursula K. Le Guin | Screenshot

Ursula K. Le Guin wird hierzulande neu entdeckt, Ihre Übersetzungen tragen wesentlich dazu bei. Dabei darf man nicht vergessen, dass das essayistische und lyrische Werk noch nahezu unangetastet ist. In den USA ist ihr Werk Teil der Nationalbibliothek und wird weithin geschätzt. Wie erklären Sie sich die unterschiedliche Wahrnehmung Ihrer Bedeutung in den USA und hierzulande?

In den USA, aber auch Ländern wie Australien, der Türkei oder Russland war sie durchgängig angesehen. Aus Russland zum Beispiel gibt es fast alles von ihr als Raubdrucke im Netz. Hier im deutschsprachigen Raum pflegen wir immer noch das Schubladen-Denken, das geht bis in die Verlage. »Genreliteratur« hat es schwer, geachtet zu werden. Und gleichzeitig wird viel in Genres gedacht. »Erdsee« wurde, als die Bücher neu waren, als Märchen gesehen, und dann wurde diese so facettenreiche Erzählung auch so übersetzt. Die Sätze waren in den ersten Übersetzungen zum Teil viermal so lang wie im Englischen, um den Märchenton reinzubringen. Da fließt die Erzählung schön, allerdings ganz anders als im Original, das viel spröder und vielschichtiger formuliert ist. Die Bereitschaft, Genres zu verachten, gepaart mit frühen Übersetzungen, die ebenfalls Genres zudienen, hat vielleicht Le Guins Ruf geschadet. Aber um 2015 hat eine Literaturkonferenz stattgefunden, in Mexiko glaube ich, wo ihre Tragetaschentheorie des Erzählens noch einmal vorgestellt und darauf plötzlich international rezipiert wurde. Und seitdem gibt es so ein Ehrfurchtsgeraune – an den Unis, aber auch in bestimmten Verlagsszenen. Es hat dazu beigetragen, dass Le Guin plötzlich gern genannt und als Vorbild für neue Formen des Erzählens angesehen wird.

Essaysammlungen von Ursula K. Le Guin in deutscher Übersetzung

Ursule K. le Guin: Keine Zeit verlieren. Aus dem Engloischen von Anne-Marie Wachs. Golkonda Verlag 2025. 262 Seiten. 24,- Euro. Hier bestellen https://golkonda-verlag.com/buecher/ursula-k-le-guin-keine-zeit-verlieren-ueber-alter-kunst-kultur-und-katzen-neuauflage/Ursula K. Le Guin: Am Anfang war der Beutel. Essays. Aus dem Englischen von Matthias Fersterer. thinkOya 2020. 96 Seiten. 12,- Euro. Hier bestellen https://www.think-oya.de/buch/am-anfang-war-der-beutel.html

Links: Keine Zeit verlieren. Aus dem Englischen von Anne-Marie Wachs. Golkonda Verlag 2025. 262 Seiten. 24,- Euro. Rechts: Am Anfang war der Beutel. Essays. Aus dem Englischen von Matthias Fersterer. thinkOya 2020. 96 Seiten. 12,- Euro.

Le Guin hat in ihren Romanen Dinge thematisiert, die jetzt unter identitätspolitischen Aspekten emotional diskutiert werden. Sehen Sie eine Gefahr, dass Bücher wie »Die Linke Hand der Dunkelheit« oder »Das Wort für Welt ist Wald«, in denen es um Gender, sexuelle Selbstbestimmung, Umweltschutz und Anarchismus geht, verboten werden könnten?

Ich weiß es nicht. Ihre Subversion ist eher geschickt und nicht argumentativ. Von früh an gibt es in ihren Romanen kaum weiße Hauptfiguren. Die sind immer bunt. Manchmal haben sie Fell im Gesicht oder sind schwarz oder braun, aber das tut eigentlich nichts zur Sache. Man erfährt es immer erst im Lauf der Erzählung, ganz nebenbei, wenn man sich schon längst in die Geschichte eingefunden hat und mit den Figuren identifiziert. Und dann identifiziert man sich halt mit jemandem, der anders aussieht als gewohnt. Ihre Verleger haben sich in den ersten Jahren erlaubt, trotzdem weiße Gesichter auf die Cover zu setzen, wogegen sie immer vorgegangen ist.

Das heißt, sie befürchten gar nicht, dass Le Guins Werk in den Fokus der Rechten geraten könnte, weil diejenigen, die Bücher verbieten, gar nicht so weit lesen?

Ich habe zumindest eine gewisse Hoffnung. Natürlich, sie hat queere Beziehungen in den Geschichten, aber sie gendert zum Beispiel traditionell; was ihr später Kritik aus dem feministischen Lager eingebracht hat. Und Sexualität steht nicht oder nur ganz selten im Fokus. In »Darf ich mich vorstellen« schreibt sie darüber, wie langweilig sie es findet, Sex im Fernsehen zu sehen. Das kann man auf ziemlich vieles bei ihr übertragen. Ihr Anliegen ist nicht identitätspolitisch. Das ist nichts, was sie beflügelt, sie möchte andere Dinge beschreiben. Aber Freiheit und die Wege dahin sind für sie natürlich ganz wichtige Ziel. Ob ihre Literatur dadurch aneckt oder nicht, ich weiß es nicht. Vielleicht wird sie auch einfach nicht von den Rechten gelesen.

Zwischen Le Guins planetaren Anderswelten und den Stories gibt es nicht wenige Bezüge | © Thomas Hummitzsch
Zwischen Le Guins planetaren Anderswelten und den Stories gibt es nicht wenige Bezüge | © Thomas Hummitzsch

Die Erzählung »Die aus Omelas fortgehen« ist immerhin Teil des schulischen Curriculums in den USA.

Ja, das kann natürlich sein, dass so was aus dem Curriculum fliegt.

Sie berichten in Ihrem Nachwort zu den Erzählungen, dass Le Guin bei einer im Playboy veröffentlichten Erzählung nicht ihren vollen Namen angeben durfte. Ist sie auch ein Opfer des »Phallozentrismus« im Literatur- und Kulturbetrieb?

Ich würde eher sagen, sie ist Opfer des konventionellen, langweiligen, abendländischen Denkens, dem unzureichenden Ausstieg aus der kapitalistischen Denkweise. Le Guins Ärger galt daher eher den Literaten, die sie nicht ernst genommen haben. Wenn sie denn überhaupt ein Opfer ist, denn sie ist ja millionenfach gelesen. Ihr Feminismus ist kein männerfeindlicher, sie hat sich immer um ein ganz eigenes Denken als Frau bemüht, in das sie ihr Verständnis vom menschlichen Dasein in der Natur und ihre Wünsche an das Leben und die Liebe eingebracht hat. Liebe ist in all ihren Werken eine Antriebsfeder für ein lebenswertes Leben. Auch wo es gar nicht um Liebe im engeren Sinn geht, versucht sie stets, die Liebe zu fassen.