Berlinale, Film

Berlinale 2026: Moscas

Teresita Sanchez, Bastian Escobar in »Moscas« von Fernando Eimbcke | © Kinotitlán

Mit Humor und einem Videospiel knackt der neunjährige Cris das erkaltete Herz der allein lebenden Olga. Der mexikanische Schwarz-Weiß-Film »Moscas« von Fernando Eimbcke erzählt die Geschichte einer unwahrscheinlichen Begegnung.

Olga hat sich in ihre Wohnung in Mexiko City zurückgezogen, wo sie ihre Zeit damit verbringt, am Computer Sudoku zu spielen und Fliegen zu jagen. Zum Essen geht die mürrische Einzelgängerin in ihr Stammrestaurant, Freunde macht sie sich auch da nicht. Als sie sich einer Operation unterziehen muss, braucht sie dringend Geld und beschließt, ein Zimmer in ihrer Wohnung unterzuvermieten. 

Es meldet sich der sanftmütige Tulio, dessen Frau im Krankenhaus gegenüber von Olgas Wohnblock behandelt wird. Um Geld zu sparen, verheimlicht er, dass er mit seinem neunjährigen Sohn Cristian in der Stadt ist. Den Tag verbringen die beiden vor allem auf der Straße, nachts schmuggelt Tulio den Jungen heimlich in sein Zimmer. 

Auf die Station darf Cristian auch nicht, nur sein Vater wird zur Mutter vorgelassen – vor allem, um die teuren Medikamente abzugeben. Liebevoll versucht Tulio, den Jungen mit allerlei Geschichten und kleinen Abenteuern bei Laune zu halten. Doch als das Geld knapp wird, muss er einen Job annehmen und den Neunjährigen bei Olga zurücklassen.

Das mexikanische Kino hat in den vergangenen Jahren einen starken Eindruck bei den Berliner Filmfestspielen hinterlassen Natalia López Gallardos ausgezeichneter Thriller »Robe of Gems« oder David Zonanas Militär- und Gewaltporträt »Heroic«.

Der mexikanische Regisseur Fernando Eimbcke, der mit »Lake Tahoe« und »Olmo« bereits in der Vergangenheit in Berlin zu Gast war, erzählt diese Geschichte einer ungewöhnlichen Begegnung vorwiegend aus der Perspektive von Olga und Cristian. Denn Olga fühlt sich zunehmend unwohl in der Rolle des anonymen Bystanders. Genauso schnell, wie sie sich für das Schicksal des Jungen interessiert, baut sie eine Verbindung zu ihm auf. Dabei gerät auch ihre bedacht geführte Existenz mit all ihren Sicherheitsnetzen durcheinander und das Schicksal ihres kleinen Untermieters greift auf ihr Leben über.

Allerdings geht Cristian zunächst eigene Wege, um es auf eigene Faust zu seiner Mutter zu schaffen. Doch allein seine unerschütterliche Ausdauer reicht nicht aus, um die Klinikregeln zu umgehen. Also setzt er seinen Charme ein, um die Dame am Einlass oder einen Angestellten der Wäscherei dazu zu bewegen, ihn zu unterstützen. Den überzeugt er schließlich, am Videospielautomaten gegen ihn anzutreten. Sollte er gewinnen, soll er ihn zu seiner Mutter führen.

Das Arcade Spiel »Cosmic Defender Pro« aus den 80ern nimmt im Film eine zentrale Rolle ein. In dem simplen Shooter geht es darum, eine Alieninvasion zu verhindern. Cristian ist ein begeisterter Spieler, wann immer sich die Gelegenheit bietet, zockt er eine Runde. Als er gegen den Wäscher antritt, wird er selbst zu einer Figur, die versucht, in einen gesperrten Raum einzudringen. Aber erst mit Olgas Hilfe wird er zum erfolgreichen Zocker.

»Moscas« ist eine klug konstruierter Film, dessen weiche Schwarz-Weiß-Optik den leisen Humor, der durch das Handeln des Neunjährigen entsteht, zugunsten der existenziellen Hintergrundgeschichte etwas dämpft. Zugleich überlagern sich bestimmte Bildmotive. Die Fliegen ähneln dem Flieger im Videospiel, dessen kosmischer Bezug wird in den Stickern aufgegriffen, die Cristian überall hinterlässt. 

Zentral aber ist die Parallelführung der Abwehr der außerirdischen Invasion am Bildschirm durch den aufgeweckten Jungen mit dem Kampf, den seine nahezu unsichtbare Mutter hinter dicken Wänden gegen bösartige Zellen führt. In einer unvergesslichen Szene, in der die Fensterfront des Wohnblocks, in dem Olga wohnt, zum gigantischen Screen wird, setzt der Film das unvergesslich ins Bild. Aber das Leben ist kein Computerspiel. Und so oft man auch trainiert, niemand ist allen Herausforderungen gewachsen.