Ein sonderbarer Fall

Panik

Don’t SPAM me! Eine Geschichte über die Tücken der modernen Kommunikation, schwache Nerven und einen österreichischen Kleinverlag, den jetzt jeder kennt, weil der Kulturbetrieb nach einer Rundmail fast die Nerven verlor.

Im Nachhinein ist die Frage, ob es sich bei dem Massenmailing einer Wiener Verlagsgesellschaft am vergangenen Wochenende nicht um einen geschickt eingefädelten Marketingcoup handelte, der bewusst den Verlust einiger Medienkontakte in Kauf nahm, nicht ganz unangebracht. Denn der sonderbare Name des Verlagshauses, in dem unter anderem Feridun Zaimoglus Stefan-Zweig-Poetikvorlesungen erscheinen, ist spätestens seit genannter Rundmail, die Teile des deutschen Kulturbetrieb an den Rand des Nervenzusammenbruchs gebracht hat, bekannt. Er hat nun den zweifelhaften Ruf des bunten Hundes auf einer Smoking-Party.

Was war geschehen? Der jenige Verlag hatte über den Verteiler einer Marketing-Agentur eine Rundmail versandt, in der er darauf hinwies, dass interessierte Journalisten und Medienschaffende das Programm des Bücherhauses künftig auch in digitaler Form erhalten könnten. In dem nicht sonderlich literarischen Schreiben des Verlegers wurde darum gebeten, doch bitte mitzuteilen, ob man die Verlagsvorschau künftig nur digital oder zusätzlich auch in gedruckter Form erhalten möchte oder ob man es vorziehe, auf jegliche weitere Information des Hauses gänzlich zu verzichten.

Derartige Mails besitzen in der Kultur- und Medienbranche keinerlei Seltenheitswert, was dazu führt, dass sie meist geflissentlich ignoriert oder per Klick direkt in die digitale Mülltonne befördert werden. Ich spreche hier aus Erfahrung. In manchen Fällen aber – etwa wenn die umweltbewusste Muse einen geduldig küsst – neige auch ich zur Reaktion. Dies taten im beschriebenen Falle einige Kolleginnen und Kollegen – was wohlgemerkt dazu führte, dass der Autor dieses Textes überhaupt erst in Besitz dieser Information kam. Welcher Art die Reaktion der Antwortenden war, ist an dieser Stelle unerheblich. Entscheidender ist vielmehr, dass ihre Replik an den Verlag aus technischen Gründen direkt an den gesamten Verteiler ging.

Innerhalb weniger Stunden überschwemmten unzählige E-Mails, vermeintlich an den hier nicht namentlich genannten Verlag adressiert, sintflutartig die Accounts der kulturinteressierten Berichterstatter. Viele der des sinnhaften Argumentierens vermeintlich Mächtigen wussten sich nicht anders zu helfen, als wüste Beschimpfungen in die Runde zu werfen, in der Hoffnung, dass sie den Verlag erreichen mögen. Imperative flogen nur so durch die Glasfaserkabel der digitalen Republik, »unterbinden Sie«, »unterlassen Sie«, »sorgen Sie« für dies und das und jenes – in jedem Fall aber für ein Ende des Ganzen. Ein Kollege drohte gar, seine »entstandene Arbeitszeit in Rechnung« zu stellen – wobei ein findiger Jurist dann sicherlich die Frage anbringen würde, welche zeit damit gemeint sei: die des Löschens, des Lesens oder des Beantwortens der E-Mails – wobei Letzteres rechtlich gesehen ja ein freiwilliger Akt ist. Aber gut, das führt zu weit.

Digitale Lawinen verhalten sich nicht anders als die natürlichen, das konnte man am Wochenende lernen. Es findet sich immer jemand, der der Empörung entweder noch einen draufsetzen will oder in dem Prozess ein Kunstprojekt in Jetzt-Zeit zu erkennen meint. Das führte relativ schnell dazu, dass sich innerhalb des dauergestressten Kulturbetriebs der Republik ein Binnendialog zwischen gehetzter Empörung à la #aufschrei und amüsiertem Kunstgedeutel in Richtung #dont_stop_the_music entspann. Besonders schön folgendes Zwischenfazit des Austauschs einiger respektabler Literaturkritiker: »wenn es Kunst ist, ist es okay, wenn es okay ist, kann es keine Kunst sein und wenn es nicht okay ist, ist es eben doch Kunst«.

Die Kunstthese verführte eine Kollegin der Stuttgarter Zeitung zu dem geistreichen  Vergleich der Rundmail mit dem Wiener Aktionismus. Der deutschsprachige Literaturbetrieb sei erfolgreich gegen Verlag und die Produkte des Hauses aufgebracht, man könne dem Ganzen jetzt ein Ende setzen.

Zum Schluss gesellten sich zur freudigen Debatte über die weltgewordene digitale Revolution die absehbaren Vorlesungen der #selber_schuld_fraktion. Denn die Ursache für die Maillawine war relativ simpel: Ein Kollege informierte zwanzig Stunden und hunderten gefühlten Mails all jene »schlaumaier, die gestern und heute mit teils dummdreisten mails diese kiste hier weiter sponnen«, dass des Rätsels Lösung in der – freundlich ausgedrückt – mangelnden technischen Kompetenz des Kulturbetriebes liege (auf das Zitat muss an dieser Stelle aufgrund der Verwendung zahlreicher Kraftausdrücke verzichtet werden). Statt an die Adresse mailinglist@…… zu antworten, hätte man einfach nur verlag@…… antworten müssen, und schon wäre das Problem gelöst. Schon viele Stunden und noch viel mehr Nervenzusammenbrüchen einiger Kollegen zuvor hatte bereits eine WDR-Kollegin einen derartigen Hinweis in den Orbit gesendet. Er wurde prominent ignoriert.

Bleibt abschließend ein Gedanke von Marina Abramovic, den eine Kollegin des Schweizer Rundfunks abschließend in die Runde warf: »Die Geschwindigkeit unseres Lebens beschleunigt sich am Ende dieses Jahrhunderts immer mehr. Unsere Konzentrationsspannen werden immer kürzer. Unsere Kinder zippen sich durch die Fernsehprogramme (und wir uns analog dazu durch die Apps). Eine Folge davon ist, dass wir immer rastloser und neurotischer werden. Der Mensch sollte wieder ins Nichtstun investieren. Es ist wie bei einer Bank: je mehr man investiert, desto mehr bekommt man zurück. In diesem Fall ist die Zeit das Investment«.

Und die Moral von der Geschicht? Am besten, Du antwortest nicht! Oder anders gesagt: Si tacuisses philosophus mansisses.

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