»Und der Welt? Wer vergibt der Welt?«

Cover-Auszug

Der Schriftsteller und Weltenbummler Ilija Trojanow hat mit »Wo Orpheus begraben« liegt eine Hommage an sein Herkunftsland Bulgarien geschrieben, in dem er die Mythen, die über das Schwarze Meer und den Balkan ziehen, mit den Geschichten der Bewohner dieser Region verbunden hat. Illustriert sind Trojanows Erzählungen mit quasi-dokumentarischen Fotografien von Christian Muhrbeck.

Krassi ähnelt am ehesten dem Osteuropäer, wie er in den westeuropäischen Köpfen unserer Zeit existiert. Er scheint der Prototyp des fahrenden Armutsmigranten*, »sein Heim ist ein Blechkasten auf vier Rädern«, es ist Wohnzimmer, Schlafzimmer, Lager und Kaninchenstall in einem, abgestellt im »Niemandsland zwischen Asphalt und Fluss«. Krassi könnte zu jenen Unberührbaren aus dem unbekannten Osten Europas gehören, die, glaubt man den populistischen Äußerungen so mancher Politiker, in deutschen Städten angeblich ihr Unwesen treiben.

Ilija Trojanow wäre nicht der geschätzte Weltensammler, wenn er in seinen Büchern Klischees und Vorurteile wiederholen statt entblößen würde. Deshalb erfahren wir einige weitere Details von Krassis Zuhause, die uns unser Unwissen einerseits und die historische Verankerung des Daseins unseres Helden vor Augen führen. Etwa, dass dieses Heim der »Marke Robur [ist], made in the GDR« und nicht allein im Nirgendwo an der Donau steht. Es ist Teil einer Siedlung, die aus vor Jahrzehnten zunächst de- und dann umfunktionalisierten Karosserien besteht. Diese zufällige Ansammlung an Menschen gibt aber nicht nur dem Altmetall einen neuen Sinn, sondern ist auch Ursprung einer Gemeinschaft, deren Mitglieder das Schicksal mit ihren unorthodoxen Behausungen teilen. Einst waren sie Bäcker, Elektriker, Schlosser, Schweißer und Dreher, jetzt gehen sie morgens hinunter zur Donau und warten darauf, dass ein Fisch in ihre Netze geht. Vielleicht geht der ein oder andere noch »auf den Arbeiterstrich am Busbahnhof« und ergattert mit Glück einen Hilfsjob für ein paar Lewa am Tag. Aber wenn nicht, dann sitzen sie am Nachmittag unter Pappeln, spielen Bridge-Belote und halten Ausschau nach Dingen, von denen sie nicht wissen, dass sie kommen. Von der Gesellschaft am Straßenrand abgestellt, bezeugen sie den Lauf der Welt und halten sich gegenseitig im Leben.

Gemeinsam mit dem Fotografen Christian Muhrbeck reiste der in Bulgarien geborene und in verschiedenen Staaten Afrikas aufgewachsene Schriftsteller Ilija Trojanow in den vergangenen Jahren immer wieder in sein Herkunftsland – ein Land, dass seine Entstehung der Gicht eines Kriegers verdankt – und sammelte die Geschichten ein, die er in Wo Orpheus begraben liegt erzählt. Trojanow gehört seit seinem mit dem Literaturpreis der Leipziger Buchmesse ausgezeichneten und anschließenden für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman Der Weltensammler über den britischen Spion Richard Francis Burton zu den wichtigsten deutschsprachigen Autoren. Trojanow ist aber auch einer der klügsten, kritischsten und kosmopolitischsten Denker deutscher Sprache. Sein besonderes Anliegen gilt dem Angriff auf die Freiheit – so der Buchtitel einer Streitschrift gegen die allgegenwärtige Überwachung und die Beschneidung der Bürgerrechte im Namen der Sicherheit – sowie dem Menschen in den unterschiedlichen globalen Zuständen. Zuletzt erschienen sein Roman EisTau sowie seine Reportagen aus Afrika, Asien und dem Osten Europas unter dem Titel Der entfesselte Globus. Wer diese Bücher liest, fühlt sich unweigerlich an den großen Ryszard Kapuczinski (zu dem gerade die kritische Biografie Ryszard Kapuczynski. Leben und Wahrheit eines Jahrhundertreporters im Rotbuch-Verlag erschienen ist) und dessen Gabe, Menschen zu erkennen und Verhältnisse zu entschlüsseln, erinnert.

Nun ist Trojanows Hommage an Bulgarien erschienen, der er einen mythologisch anmutenden Titel gegeben hat. Zweifelsohne hat es mythologische Züge, wenn in Bulgariens Süden immerhin sieben Dörfer von sich behaupten, der Geburtsort des griechischen Dichters zu sein. Die erzählten Geschichten sind jedoch weniger in der Mythologie als vielmehr in der rauen Wirklichkeit angesiedelt. Darin berichtet Trojanow von den verheerenden Folgen des Sozialismus, in dem der Mensch wenig und das System alles bedeutete. Er schreibt über den archaischen Charakter des Lebens der einfachen Menschen, ihr Verweilen in und Festhalten an Tradition und Religion, die ihnen Halt geben angesichts des Affenzahns, mit dem die Moderne erst den Kommunismus vertrieben und dann dem Postkommunismus ihren Stempel aufgedrückt hat. Jetzt zählt der Mensch nur dann, wenn er sich des Systems zu bedienen weiß.

Trojanows Protagonisten, die fast alle in der Anonymität des Personalpronomens bleiben, gehören in dieser Logik nicht zu denen, die Bedeutung tragen. Sie sind die Mitgerissenen und Leidtragenden der wechselvollen Geschichte, unter deren Räder sie gekommen sind. Wie der namenlose Mann, der sich als Minenarbeiter freiwillig meldete, jedoch jahrelang ohne jeden Atemschutz in den Berg geschickt wurde, um diesen auszuweiden. Bis der Husten kam und nicht mehr ging. Bis ihm ein Arzt sagte, dass sein Körper vergiftet ist und nicht mehr heilt. Da verstand er, dass er nicht mehr lange zu leben hatte. Oder der Bruder, der nach fast zehn Jahren Haft zu seiner Familie zurückkehrt, auf seinem Weg immer wieder seltsam beäugt wird, der vor der Haustür vergebens seine Begrüßungssätze in gute und schlechte sortiert, dessen Abwesenheit schließlich in Paprika ausgezählt wird, die sein Bruder seit seinem Verschwinden schälen musste, und der letztendlich an der Hürde von Missmut und Misstrauen scheitern muss.

Schuld am Schicksal trägt keiner von beiden. Die Menschen, von denen Trojanow erzählt, »wurden nicht gefragt, als der Kartonbetrieb und das Werk für Elektromotoren und die Fabrik für Batterien geschlossen wurden«. Sie werden auch jetzt nicht gefragt, wenn mit europäischen Fördergeldern moderne Müllsortieranlagen gebaut werden, die ihnen ihre Anerkennung als »wahre Schatzsucher« und »fliegende Händler« und ihr Einkommen als Müllsammler geben. An guten Tagen, wenn die Sonne scheint und sie nicht bis zu den Knöcheln im Schlamm vor ihren Schrottbehausungen versinken, sitzen sie auf deiner brüchigen Betonterrasse, »den Blick auf einen rostenden Schiffsrumpf der seit Jahren auf seinen Stapellauf wartet, und auf die Giftfabrik, die bestehen wird, wenn sie alle längst vergangen sind.« Wer vergibt der Welt diesen Verlauf?

Begleitet werden Trojanows eingesammelte Erzählungen am Rand der bulgarischen Gesellschaft mit den fotografischen Impressionen von Christian Muhrbeck, die oft so genau zu den persönlichen Geschichten passen, dass man zur Falschaussage neigt, sie würden den beschriebenen Menschen ein Gesicht geben. Einzig der Hinweis am Anfang des Buches, Muhrbecks intime Fotografien würden nicht die in den Texten beschriebenen Personen abbilden, hält davon ab. Auch wenn die Aufnahmen nicht die Menschen, ihre Geschichten und ihre Umstände darstellen, so dokumentieren sie dennoch die in Wo Orpheus begraben liegt versammelten Erzählungen und die Wirklichkeit, die in diesen literarischen Reportagen steckt. Manchmal wirken Text und Bild auch wie Aussage und Kommentar aufeinander. Dann antwortet eine Aufnahme auf Trojanows Texte oder diese reagieren auf die Fotografien. Dem Buch hat dies eine Nominierung für den deutschen Fotobuchpreis eingebracht.

Die bulgarische Wirklichkeit, auch das lernen wir von Trojanow und Muhrbeck, ist verstellt von einem Heldenkult, der den freien Blick verhindert. »Andere Denkmäler braucht das Land«, fordert Trojanow angesichts des Denkmalparks Bulgarien, in dem kein Ort ohne Stele, Mahnmal oder Erinnerungsstein geblieben ist. Die alten Steine und Monumente erinnern an Befreiung, Opfer und Heldentaten. Und inzwischen unfreiwillig auch an eine aufbegehrende Generation, die das einstige Gedenken mit Graffitis unterschiedlichster Couleur überdeckt. Jedes Besprühen sorge für Empörung der politischen (gesättigten) Kaste, die mit den immer gleichen Parolen und autoritären Drohungen nichts auf die alte (verlogene) Ehre und vermeintliche Freiheit des alten Bulgariens kommen lassen wolle.

»Sie müssen wissen, wir sind so oft befreit worden, dass uns die Freiheit abhanden gekommen ist«, schreibt einer von Trojanows anonymen Erzählern in einem offenen Brief zur bulgarischen »Denkmalassimilierung«, die Aufschrift »FORGET YOUR PAST« über dem Portal eines Denkmals, das Christian Muhrbeck im Nebel eingefangen hat, wirkt wie ein Kommentar auf diese Feststellung. Entsprechend fordert Trojanow in seiner sprachlich wie bildhaft poetischen Liebeserklärung an ein anderes Bulgarien als das, das uns immer wieder vorgeführt wird, »Lösungen statt Losungen«, die Freiheit, »unsere denkmalgeschützte Geschichte mit Einwänden zu besprühen«, um herauszukommen aus dem Mief des Erwarteten und Anzukommen im Hier und Jetzt des eigenen Daseins.

Für all die Vergessenen und Abgestellten, die im Wartesaal der Vergangenheit ausharren und darauf hoffen, dass sie jemand in die Moderne ruft, haben der Weltensammler und Menschenleser Ilija Trojanow und der freie Fotograf Christian Muhrbeck ein schriftliches Denkmal gesetzt. Ein Denkmal, das in seinem empathischen Grundton und den sensiblen Fotofgrafien anrührt und daran erinnert, dass die Würde des Menschen unantastbar ist.

Weitere Fotografien von Christian Muhrbeck finden sie auf seiner Homepage www.muhrbeck.de.

Cover-Trojanow-MuhrbeckChristian Muhrbeck, Ilija Trojanow: Wo Orpheus begraben liegt

Hanser Verlag 2014

224 Seiten. 24,90 Euro

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*Der Begriff Armutsmigranten ist kursiv gesetzt, um die Distanz des Autors zu seiner gegenwärtigen missbräuchlichen Verwendung im gesellschaftspolitischen Diskurs zu markieren.