Ein viel zu volles »Scheißleben«

Limonow_Titel

In Emmanuel Carrères fiktiv angereicherter Biografie »Limonow« begegnet man dem russischen Nationalbolschewisten und Schriftsteller Eduard Limonow, einem überaus spannenden und radikalen Protagonisten.

Auf dem Titel des Buches leuchtet die Limonka, das Symbol der russischen nationalbolschewistischen Partei, die vielmehr Sinnbild ihres Gründers als der Partei bzw. deren Hauspostille ist, für die sie steht. Denn Eduard Limonow ist einer der umstrittensten Köpfe des 20. Jahrhunderts. Zu Zeiten des Kalten Kriegs wegen Dissidententum aus der Sowjetunion ausgewiesen, machte er sich in den USA wegen seiner antikapitalistischen Positionen unbeliebt und wanderte schließlich nach Frankreich aus, wo er als linkspolitischer Intellektueller Berühmtheit erlangte. Unter anderem sein amerikakritischer Roman Fuck off, Amerika und seine Memoiren eines russischen Punks führten dazu, dass Limonow auf dem Höhepunkt von Glasnost vom Cosmopolitan-Magazin zu einem der 40 wichtigsten Intellektuellen gezählt wurde.

Wie es sich für einen radikalen Intellektuellen geziemt, säumen zahlreiche Affären und Sex-Abenteuer seinen Weg. Er könnte als Putin-Gegner auch der intellektuelle Vorreiter der Aktivistinnen von Pussy Riot oder Femen sein, die von westlichen Medien bewundert und als aktionistische Speerspitze des Liberalismus gefeiert werden, zugleich aber nicht unumstritten sind.

Eduard Limonow vereint in seiner Person zahlreiche Eigenschaften, um als mehr als nur umstritten zu gelten. Carrère macht mit seinem Porträt deutlich, dass die Abgründe dieses politischen Radikalen tiefer sind, als man sich vorstellen kann. Limonow ist kein Peter Handke mit seinen proserbischen Pamphleten, sondern ein schreibender Krieger, der sich dabei filmen ließ, wie er neben dem Kriegsverbrecher Radovan Karadžić am Beschuss von Sarajewo teilnahm. Er ist auch kein Garri Kasparow – auch wenn er schon gemeinsam mit dem ehemaligen Schachweltmeister gegen das Putin-Regime demonstrierte – der ein demokratischeres Russland will, sondern ein stalinistischer Politaktivist, der sich für das Gulag-System aussprach. Das führte dazu, dass er wegen der Gründung einer terroristischen Vereinigung auch einige Jahre im russischen Knast einsaß.

Limonows Leben ist das eines irren Abenteuers, vergleichbar vielleicht mit Melvilles Kapitän Ahab. Wie der besessene Wahljäger vereint er blinde Wut und absoluten Existenzialismus, Radikalität und Ehrgeiz, Selbstverliebtheit und wirre Solidarität, Halunkendasein und Heldentum.

Carrères mit dem Prix Renaudot und dem Prix de la langue française ausgezeichnete Limonow-Biografie liest sich wie ein Krimi mit Kommentaren aus dem Off, die einerseits die Zwiespältigkeit des Porträtierten selbst und andererseits die des Biografen im Umgang mit diesem schillernd-explosiven Mann spiegeln. Carrère verwebt dieses viel zu volle »Scheißleben« (Limonow über Limonow) mit der eigenen Vita und verleiht auf diese Weise sowohl seiner Bewunderung als auch seiner Dankbarkeit, von einer solch destruktiv-existenzialistischen Lebensenergie verschont worden zu sein, Ausdruck.

LimonowEmmanuel Carrère: Limonow

Aus dem Französischen von Claudia Hamm

Verlag Matthes & Seitz 2012

414 Seiten. 24,90 Euro

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