Das echte Berlin ist auf der Straße

Sebastian Schipper: Victoria | © Senator Film Verleih

Sebastian Schipper landete mit seinem grandiosen Film »Victoria« einen Überraschungserfolg auf der diesjährigen Berlinale. Der silberne Bär für die beste künstlerische Leistung ging an die ganze Crew, verdient hat ihn vor allem Kameramann Sturla Brandth Grøvlen.

Zunächst sieht man in Sebastian Schippers Victoria nahezu nichts, abgesehen von blauen Nebelschwaden und sich bewegenden Schatten. Dafür kracht einem das Wummern der Bässe in die Ohren, wegen dem viele Touristen nach Berlin kommen. Dann tritt die junge Spanierin Victoria in Erscheinung, sie tanzt, sie geht zur Bar, bestellt einen Schnaps und flirtet (erfolglos) mit dem Barkeeper – eine typische Berlin-Szene.

Dann treten vier Berliner Jungs auf, angetrunken, launig, provozierend. Sie finden keinen Einlass in den Klub. Victoria trifft auf Sonne, Boxer, Blinker und Fuss, als sie den Klub verlässt. Gemeinsam wird der Zuschauer mit diesen fünf jungen Menschen eine Nacht verbringen, die er so schnell nicht vergessen wird. Sie werden Bier aus einem Späti klauen, Berlins Dächer besteigen, Gras rauchen und einander begegnen – unvoreingenommen und wohlwollend. Die gemeinsame Nacht will nicht enden, doch als der Morgen anbricht, bricht auch die Wirklichkeit in das Leben der Jungs ein. Boxer, der im Knast war, ist seinem Beschützer einen Gefallen schuldig, und plötzlich befinden sie sich bewaffnet in einem Van, um einen Bank zu überfallen. Es wird ein Bankraub, der den Morgen blutrot färben wird. Der Spielfilm einer verrückten Nacht einer Jugendclique wird zum Thriller.

Sebastian Schipper, der sich mit Absolute Giganten einen Namen in der deutschen Filmszene gemacht hat, ist mit Victoria ein Scoop gelungen. Genrefilme sind im deutschen Kino eine Seltenheit, der Crew um Schipper ist mit diesem Porträt von vier Berliner Jungs und einer spanischen Studentin aber gleich ein besonderer gelungen. Denn die 140 Minuten sind nicht nur durchgehend aufregend, sondern auch durchgehend gedreht. Schippers Kameramann Sturla Brandth Grøvlen hat den kompletten Film in einem Lauf aufgenommen, ähnlich wie Alexander Sokurows Kameramann Tilman Büttner Russian Ark in einem Take aufgenommen hat. Allerdings hat Grøvlen keine Steady Cam auf Gleisen verwendet, sondern verfolgte die Akteure fast zweieinhalb Stunden durch das nächtliche Berlin mit der Kamera am Körper. Allein das ist eine beeindruckende Leistung.

Beeindruckend ist auch die Performanz der fünf jungen Schauspieler Laia Costa, Frederick Lau, Franz Rogowski, Burat Yigit und Max Mauff, die ihren Charakteren in einem schauspielerischen Rausch Authentizität und Tiefe verleihen. Sie ziehen den Zuschauer in die Geschichte hinein und lassen ihn durch Slang, Habitus und Style daran teilhaben, was Sonne anfangs das »Berlin auf der Straße« nennt. Vor allem von Laia Costa, die die junge spanische Austauschstudentin Victoria und damit die heimliche Hauptrolle spielt, geht eine magische Ausstrahlung aus.

Zu wissen, dass das Drehbuch keine Dialoge enthielt, sondern diese – halb in Gossenenglisch, halb im deutschen Straßenslang – bei den drei Aufnahmeversuchen komplett improvisiert worden sind, beeindruckt einmal mehr. Es sei einer »hirnrissigen Ladung von übersteigertem Selbstbewusstsein« zu verdanken, sagte Schipper auf der diesjährigen Berlinale, dass sich sein Team in diesen Wahnsinn gewagt habe.

Es hat sich gelohnt, beim dritten Take war der Film, wie er nun im Kino zu sehen ist, im Kasten. In Victoria wohnt man zweieinhalb Stunden lang der Magie eines jungen und aufwühlenden deutschen Kinos bei, wie man es schon nicht mehr zu erträumen gehofft hat. Der Film, vollkommen zurecht mit einem Silbernen Bären und sieben Nominierungen beim Deutschen Filmpreis ausgezeichnet, ist eine grandios-packende Mischung aus Berlinhommage, Milieustudie, Räuberpistole und Jugenddrama, hemmungslos nach vorn gedreht, roh und zugleich glänzend wie ein Diamant.