Schluss mit der Krimi-Event-Kultur!

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Ein Gespräch mit Christian Koch von der Hammett-Krimibuchhandlung in Berlin-Kreuzberg über die prekäre Lage des unabhängigen Buchhandels sowie die Chancen und Herausforderungen, mit Genreliteratur erfolgreich zu sein.

Die Buchverkäufe in den Buchhandlungen gehen allgemein zurück, Leser wandern zu Amazon und Co. Wie spüren Sie das?

Das Hammett hat im Vergleich zu 2012 einen Umsatzrückgang von etwa 25 Prozent! Es ist nicht nur der Onlinehandel, der uns zu schaffen macht, sondern das zunehmende Angebot »alles und dies überall« zu bekommen. EBook und Streaming-Dienste für Film, Hörbücher und vieles mehr sind hier nur beispielhaft zu nennen. Das EBook spielt in unserem Genre auch eine größere Rolle als im Durchschnittsbuchhandel.
Was tun Sie gegen den Trend des Käuferschwunds?

Wir haben mit etwa sieben Lesungen pro Jahr, einem monatlichen Newsletter, etwa sechs Radiobeiträge im Jahr – auf radioeins und deutschlandradio – sowie selbstproduzierte Videos mit Buchbesprechungen ordentlich gegengesteuert. Viel mehr können wir kaum leisten. Unsere Internetseite, die zu den drei größten in puncto Krimi in ganz Deutschland gehört, kostet eben auch viel Zeit.

Welche Rolle spielt Ihr Schwerpunkt für die Kundenbindung? Stellen Sie eine größere Treue fest als im allgemeinen Buchhandel?

Treue stelle ich schon fest. Allerdings ist die auch nur bedingt auszunutzen. Der Tag hat nach wie vor nur 24 Stunden. Es gibt eine immer größere Konkurrenz für einen zunehmend kleiner werdenden Markt. Wir haben den »Nichtkrimi-Anteil« am Umsatz durch Kundenbestellungen auf ein Viertel ausbauen können. Als Kiezbuchhandlung sind wir trotz großer Konkurrenz also angenommen worden.

Wie viele Kunden begrüßen Sie im Schnitt am Tag und wie viele verlassen Sie mit einem neuen Buch?

Uns besuchen durchschnittlich 60 Kunden am Tag. 55 davon kaufen etwas, allerdings manche davon »nur« etwas Antiquarisches.

Lassen sich Leser noch inspirieren oder wissen die meisten längst schon, was sie kaufen wollen?

Wir haben eine höhere Beratungsquote als der »normale« Buchhandel. Etwa die Hälfte der Ladenbesucher will beraten werden. Eben weil wir uns auskennen und rund 140 verschiedene Verlage führen. Der unterschiedliche Lesegeschmack von mir und meinen Mitarbeitern sowie der Erfahrungsgrad sind da hilfreich und erwünscht.

Wie gelingt es in Berlin, in dem ein Event dem anderen folgt, Leser zu binden und in den Buchhandel zu bekommen? Welche Bedeutung haben dabei Lesungen oder Leseabende und in welchem Verhältnis stehen dabei Aufwand und Nutzen? 

Wir bauen Bindung durch guten Service auf, durch Recherche, die Kenntnis von Vorlieben, Vormerklisten und Erinnerungsserviceleistungen. Der Aufwand bei unseren Lesungen ist hoch, weil unsere Buchhandlung räumlich zu klein ist und wir deshalb jedes Mal einen geeigneten Ort suchen müssen. Im Vergleich zum direkten Nutzen sind die Kosten viel zu hoch, aber aus Verbundenheit und Leidenschaft dem Genre gegenüber machen wir diese Lesungen dennoch.

Welche Bedeutung haben für Sie Aktionen wie die Woche der Unabhängigen Buchhandlungen, Stadt-Land-Buch oder der Krimimarathon Berlin-Brandenburg? 

Im Grunde gar keine. Jeder weiß von unserer Unabhängigkeit seit über 22 Jahren. In Berlin ist die Mehrheit der Buchhandlungen autark, da spielt der Faktor »unabhängig« keine so große Rolle. Der von Ihnen angesprochene Krimimarathon geht komplett an uns vorbei, keine der drei Berliner Krimibuchhandlungen ist da eingebunden. Die Veranstalter wollen das aus mir nicht bekannten Gründen nicht.

Was versprechen Sie sich von Veranstaltungsreihen wie »Das Buch wird laut«?

Ich erhoffe mir einen Dialog mit dem Publikum, bei dem Informationen weitergegeben werden können, die im Ladenalltag nicht unbedingt zur Sprache kommen. Solche Reihen haben das Potenzial, Autoren, Leserschaft und Verlage zusammenzubringen. Sie alle sitzen, wenn schon nicht mehr im selben Boot, so doch aber zumindest in derselben Flotte.

Sind solche separaten Veranstaltungsreihen für Genreliteratur tatsächlich sinnvoll oder graben sich die einzelnen Lesereihen nicht gegenseitig die wenigen Leser ab?

Das glaube ich nicht. Das Genre Kriminalliteratur – immerhin das größte – macht viel zu wenig in puncto ernstzunehmende Veranstaltungen. Es wird eher die Krimi-Event-Kultur gefördert. Nach dem Motto: Autor X reicht nicht, also müssen zwei Tatort-Kommissare und auch am besten noch ein depressiver Schäferhund auf die Bühne. Ernsthafte Veranstaltungen wie »Krimis Machen« (zuletzt in Hamburg) sind eher die Ausnahme. Gerade gute Veranstaltungen neben den einfachen Lesungen fehlen vielen meiner Kunden.

Was wünschen Sie sich von den Verlagen und was vom Buchhandel, also den Kollegen und Konkurrenten? 

Von den Verlagen wünsche ich mir einen radikalen Abbau der Produktion! Ohne Sinn und Verstand werden immer mehr Krimis produziert. Vom Buchhandel wünsche ich mir nichts.

Der Deutsche Buchhandlungspreis ist immer wieder viel diskutiert. Vielen fehlt es an klaren Bewertungskategorien, einigen sind zu viele Hauptstadtbuchhandlungen unter den Nominierten. Wie sehen Sie das? Ist dieser Preis in seiner jetzigen Form sinnvoll und hilft er den Buchhandlungen tatsächlich irgendwie? 

Jeder Preis und jede Jury-Entscheidung sind umstritten, immer und überall. Ich bin in der Jury des »Deutschen Krimipreises«, daher weiß ich, dass Preise finanziell helfen und ganz sicher auch als zusätzliche Motivationsspritze für die Autoren dienen.

Ein anderer Preis des unabhängigen Buchhandels ist das »Lieblingsbuch der Unabhängigen«. Genreliteratur wie Krimis spielen dabei kaum eine Rolle. Wie sehen Sie solche Auszeichnungen, die immer auch mit den anderen großen Literaturpreisen konkurrieren?

Ich finde solche Auszeichnungen prinzipiell gut. Die Leserschaft braucht durch die Zunahme von Informationen und Angebot immer mehr Entscheidungshilfen. Manche orientieren sich an der Spiegel-Liste, andere eben an Preisen.
Worin besteht Ihrer Ansicht nach die größte Herausforderung für Sie als unabhängigen Buchhändler?

Zu überleben!

Herr Koch, vielen Dank für das Gespräch.

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